Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
ZiSH Bis in vier Wochen!
Hannover ZiSH Bis in vier Wochen!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:44 08.08.2014
Immer wieder sonntags: Gemeinsame Wochenenden sind in einer Fernbeziehung selten und meist viel zu kurz. Und wenig später steht am Bahnhof wieder der schmerzhafte Abschied an. Quelle: Foto: von Ditfurth
Hannover

Der erste Kuss war nicht hollywoodmäßig. Er war gewöhnlich und vertraut. So, als wäre Tim nie weg gewesen. Als hätte sich unser ganzes Leben vom Abitur bis jetzt nie geändert. Doch das hatte es. Und das wussten wir beide.

Neun Monate war ich von meinem Freund Tim getrennt. Vorher hatten wir beide in Wiehl gewohnt, einer Kleinstadt bei Köln. 38 Wochen war Tim nach dem Abi in Australien. Er arbeitete auf Bananen- oder Baumwollplantagen und reiste durch das Land. Ich dagegen zog zum Studieren ins 300 Kilometer entfernte Hannover. Seit zwei Jahren waren wir ein Paar und hatten uns so gut wie jeden Tag gesehen. Jetzt war er Weltenbummler und ich Studentin. 17 000 Kilometer lagen zwischen uns.

Dank Online-Messengern wie WhatsApp und Skype konnten Tim und ich fast täglich miteinander Kontakt halten. Die Zeitverschiebung bereitete uns Probleme. Zeit füreinander hatten wir nur, wenn es in Deutschland Vormittag war. Also starrte ich in den Uni-Vorlesungen auf mein Handy und las abenteuerliche Geschichten vom Great Barrier Reef und von wildgewordenen Wombats anstatt mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Gute Noten schrieb ich trotzdem, weil ich das Lernen dann eben auf die Abendstunden verschob.

Die Menschen um mich herum konnten gar nicht glauben, dass so eine Fernbeziehung funktioniert. Ständig nervten sie mich mit den gleichen Fragen: Fehlt er dir nicht? Die Nähe, die Zärtlichkeiten, der Sex? Wie schafft ihr das?
Ich wusste es selbst nicht. Dass ich ihm oder er mir fremdgehen sollte, darüber machten wir uns längst keine Sorgen mehr. Wir vertrauten uns nach zwei Jahren Beziehung. Oder vielleicht verdrängten wir den Gedanken einfach nur. Denn andauernd über so etwas zu spekulieren und nachzudenken macht die ganze Situation nicht gerade leichter.

Für uns war klar, dass wir trotz Beziehung frei sein und die Welt entdecken wollten. Als Tim mir erzählte, dass er für neun Monate nach Australien reisen wird, musste ich trotzdem erst einmal schlucken. Ich war traurig, und dagegen half am besten Ablenkung. Als ich mein Studium begann, stolperte ich in ein völlig neues Leben: Möbel für die erste Wohnung kaufen, Stundenplan zusammenstellen, abends hannoversche Bars besuchen – manchmal vergaß ich Tim fast.
Oft fehlte er mir jedoch. Ich vermisste es, wie er mit mir für eine schwere Prüfung lernte oder wie ich nach der Schule in sein Auto einstieg und wir ohne Ziel herumfuhren. Fast jeden Tag hatten wir etwas zusammen unternommen. Wir fuhren auf Konzerte und Festivals, tanzten die Nächte durch. Ich vermisste es sogar, dass er mich nach einem Streit immer angeschwiegen hatte, wenn er sauer war.

Seitdem Tim wieder in Deutschland ist, sehen wir uns trotzdem nur einmal im Monat. Schließlich leben wir 300 Kilometer auseinander. Während des Semesters habe ich oft Wochenendseminare, die es mir unmöglich machen, ihn zu besuchen. Wenn wir aber Zeit füreinander haben, dann packt Tim seine Sachen und besucht mich in meiner Wohnung. Oder ich steige mit einem breiten Grinsen in den Fernbus Richtung Köln. Die gemeinsame Zeit verbringen wir zu Hause, manchmal gehen wir ins Kino. Wir planen nicht viel und sind einfach nur froh, beieinander sein zu können.

Der Sonntag kommt immer viel zu schnell. Dann heißt es Abschied nehmen. Er fährt mich zur Bushaltestelle in die Innenstadt. Zwischen hupenden Taxen und drängelnden Reisenden küssen wir uns zum Abschied.
Den meisten Kontakt haben wir im Alltag über WhatsApp. Manchmal streiten wir uns auch über den Messenger. Wenn Tim mir nach zwei Stunden nicht zurückgeschrieben hat, schicke ich wütende Smileys, am liebsten den mit hochrotem Kopf: „Wo zum Teufel bist du?!“ Oft bin ich eifersüchtig. Er hat Spaß mit seinen Freunden, ist in meiner Heimat unterwegs, trifft dort meine Freunde. Alle sind zusammen, nur ich hocke im 300 Kilometer entfernten Hannover. Andersherum war es genauso: Wenn Tim weiß, dass ich am Wochenende mit meiner neuen Clique unterwegs bin, tauchen im Minutentakt neue Nachrichten auf. Genervt davon schreibe ich erst am nächsten Morgen zurück. Immer wieder stellt sich die Frage: Hat das Ganze noch einen Sinn?

Ich freute mich sehr auf die Semesterferien. Dann würden Tim und ich uns viel öfter sehen. Mir kamen allerdings auch Zweifel. Was ist, wenn wir uns nicht mehr verstehen? Ich hatte Angst vor der unangenehmen Stille. Doch die kam nie. Trotz Australien, Studium und Entfernung ist alles beim Alten geblieben. Wir fahren zusammen in den Urlaub, haben Spaß, genießen die Zweisamkeit. Wir lachen über dieselben schmutzigen Witze, lästern über die gleichen ehemaligen Mitschüler und halten beide Jonah Hill für den lustigsten Schauspieler überhaupt. Nach wie vor.

Dass das vergangene Jahr unser ganzes Leben von Grund auf verändert hatte, versuchen wir sooft es geht zu verdrängen. Denn wenn wir zusammen sind, dann gibt es keine Klausurenphase, keine Verpflichtungen, keinen Stress. Dann gibt es nur uns.

Nach den Semesterferien werden Tim und ich uns nicht mehr so häufig sehen. Er zieht zum Studieren weg aus Wiehl. Wohin, das weiß er noch nicht. Kein Happy End in Sicht, wir führen weiterhin eine Fernbeziehung. Aber wir versuchen, nicht darüber nachzudenken, und genießen die gemeinsame Zeit.

Lydia Tittes

Krisensignale

Woran du erkennst, dass deine Fernbeziehung nicht mehr funktioniert:
- Ihr habt euch weniger zu sagen: Telefongespräche und Nachrichten werden seltener und kürzer.


- Wenn das gemeinsame Wochenende nicht mehr heilig ist: Ihr freut euch nicht mehr aufeinander.


- Ihr habt euch auseinandergelebt: Dein Partner beginnt eine Ausbildung, findet neue Freunde und hat neue Interessen – die du nicht teilst.


- Keine Sehnsucht mehr: Plötzlich findest du die 50 Euro für die Bahnfahrt zu deinem Partner viel zu teuer. Und am Wochenende ist ein Treffen mit deiner Clique wichtiger. Tipp vom Paartherapeuten Olaf Schwantes: „Ein gemeinsames Ritual schaffen, auf das sich beide freuen.“


- Macken nerven plötzlich: Erst fandest du sein Schmatzen süß, jetzt würdest du ihn gerne mit dem Brötchenmesser erdolchen. Seine Macken kannst du kaum noch akzeptieren. 


- Weniger Sex: Obwohl ihr euch selten seht, habt ihr keine Lust aufeinander. „Wie auch über alle anderen Probleme in einer Beziehung sollte über das Thema Sex gesprochen werden. Nur wenn man darüber redet, weiß der Partner, was falsch läuft“, so Paartherapeut Schwantes aus Hannover.


- Näheschock: In den Semesterferien verbringt ihr endlich mehr Zeit zusammen. Und merkt, dass euch das tierisch nervt.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
ZiSH Das große ZiSH-Sommerrätsel - Kennst du die Sommerhits?

Ob Ohrwurm vom nervigen Ballermann-Song oder Freude über den Weltmeistertitel – jeder Sommer hat seine Hits. Der Einsendeschluss zum ZiSH-Sommerrätsel ist bereits verstrichen. Ratefüchse können hier trotzdem noch mal ein wenig mitquizzen.

23.08.2014
ZiSH Tipps für die Sommerferien - Mach was!

Endlich Sommerferien! Das bedeutet vor allem eins: Jede Menge Freizeit. Die kann auf Dauer aber mal langweilig werden.
Damit das nicht passiert, präsentiert ZiSH 41 Tipps für 41 Ferientage.

21.10.2014
ZiSH Tipps fürs Taschengeld - Jobben von A bis Z

Viele Schüler und Studenten haben eins gemeinsam: Sie sind chronisch pleite. Also muss ein Job her.
 ZiSH weiß, wie man am besten das Taschengeld aufbessern kann und was man beachten muss.

21.10.2014