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ZiSH Gefangene der Geschichte
Hannover ZiSH Gefangene der Geschichte
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20:22 10.09.2012
Auf Spurensuche am Fluss Usva: Hier in der Wildnis wurden in den fünfziger Jahren politische Gefangene angesiedelt. Quelle: David Carreno Hansen
Perm

Ein mannshoher Haufen Müll türmt sich auf dem Friedhof. Winzig klein sieht der Gedenkstein aus Marmor dagegen aus, der auf die deutschen Kriegsgefangenen aus dem Zweiten Weltkrieg hinweist, die hier begraben wurden, fern von Verwandten und ohne Hinweise auf ihre Identität. Kriegsverbrecher könnten hier genauso liegen wie unschuldige Russlanddeutsche, die nach Kriegsausbruch einfach der falschen Ethnie angehörten. Vor Jahrzehnten wurden sie hierher gebracht, in die Region Perm, zur Arbeit in den Waffenschmieden der Sowjetunion. Hier, etwa 1500 Kilometer östlich von Moskau, sind sie gestorben. Und hier, zwischen leeren Bierflaschen und alten Plastikblumen, soll dieser traurigen Seite der deutsch-russischen Vergangenheit gedacht werden.

Robert Latypov blickt finster auf den Berg aus Unrat, der die Lichtung bedeckt, auf der die Opfer des Krieges begraben wurden. Ohne erkennbare Grabsteine, ohne einen Zaun, der das Friedhofsgelände abgrenzt. Nur ein einzelner Gedenkstein im Gestrüpp deutet auf die Bedeutung dieses abgelegenen Ortes hin. Mit seiner Organisation, der Gesellschaft Memorial, pflegt Latypov das Gelände. Er war selbst Soldat in der russischen Armee, hat in Tschetschenien gekämpft und gesehen, welche Gräuel der Krieg den Menschen antut. Heute engagiert er sich bei Memorial Perm hauptberuflich für das Andenken derer, die unter dem Krieg gelitten haben – egal, ob Gewinner oder Verlierer. „Der Müll muss weg“, entscheidet Latypov, und 20 junge Menschen packen an, um der kleinen Lichtung wieder ein bisschen Würde zurückzugeben. Russische und deutsche Studenten tragen Säcke voller Unrat davon.

„So viel Müll!“, sagt der 22-jährige Hauke, Student aus Bremen, als er mit dem 20-jährigen Ivan aus Perm gemeinsam ein morsches Holzkreuz davonträgt, das inmitten des Müllhaufens lag. Auf der verwitterten Farbe ist kein Name mehr zu entziffern. Es gibt keinen Hinweis, wessen Gedenkkreuz hier achtlos auf den Berg aus Bierdosen und Plastiktüten geworfen wurde. „So etwas hab ich echt noch nirgends gesehen. Auf einem Friedhof!“, sagt Hauke staunend. Ivan ist den Abfall gewohnt, der in Russland an vielen Stellen in den Wäldern liegt. Doch auch ihn schockiert, wie seine Landsleute versuchen, die Vergangenheit zu zerstören. „Ich liebe mein Land, aber wenn ich sehe, wie die Leute hier mit ihrer Geschichte umgehen, dann beschämt mich das“, erzählt er. Dann greifen er und Hauke wieder gemeinsam nach dem Müll. Die Russen und Deutschen, die hier begraben sind, mögen sich bekämpft haben, die Studenten wollen jetzt zusammen arbeiten.

Die Gruppe ist unter Latypovs Anleitung hier, um der Gesellschaft Memorial bei der Gedenkarbeit zu helfen. Die Studenten treffen sich in Perm, einer Millionenstadt kurz vor dem Uralgebirge, die Jahrzehnte lang Waffenproduktionsstätte und deshalb eine geschlossene Stadt war. Ein- und Ausreisen waren nur mit Sondergenehmigungen erlaubt. Die Begegnung in der inzwischen wieder geöffneten Stadt ist eine Zusammenarbeit von Memorial, der Universität Perm, der Leibniz Universität Hannover und des niedersächsischen Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge, von dem auch die Initiative zu der Exkursion ausging. Der Volksbund setzt sich in Deutschland für die Pflege von Kriegsgräbern und des Andenkens auch an russische Kriegsgefangene ein, die unter den Nationalsozialisten schrecklichem Leid ausgesetzt waren.

Gemeinsam wollen sich Russen und Deutsche auf dieser Exkursion über das Schicksal von Kriegsgefangenen und politisch Verfolgten in der Sowjetunion austauschen. Ein Thema, das die meisten Russen meiden. Denn über den Gulag, das System der Arbeitslager der Stalin-Zeit, redet in Russland nur eine Minderheit, die meisten schweigen. Die Lager, in denen vor allem in den vierziger und fünfziger Jahren Gefangene unter schwersten Bedingungen zum Beispiel in Sibirien Eisenbahnstrecken bauen mussten, tauchen in den russischen Geschichtsbüchern kaum auf. Ein offizielles Gedenken an die Opfer des Stalinismus gibt es nicht. Dabei ist fast jede Familie davon betroffen. Wer in Russland dennoch an das Leid erinnert, das der sowjetische Staat nicht nur den Kriegsgefangenen, sondern vor allem auch seinen eigenen Bürgern antat, gilt schnell als unpatriotisch.

Um das zu ändern, errichtet Memorial Gedenksteine auf nicht gekennzeichneten Friedhöfen. Sie sind nicht ausgeschildert, auf keiner Karte verzeichnet und mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Nur wer die Orte kennt, an denen die Leichen begraben wurden, weiß, dass er sich auf einem Friedhof befindet. Das können Mitarbeiter der Stadtverwaltung sein – oder eben die Zeitzeugen. Auch Begegnungen mit diesen organisiert Memorial. Die Gruppe aus deutschen und russischen Studenten führt auf ihrer zweiwöchigen Reise viele Gespräche mit ergrauten Zeugen des Terrors, die mal voller Emotionen, mal misstrauisch von ihren Erfahrungen in Lagern in Kasachstan oder der Permer Wildnis berichten. Als die 85-jährige Selma Germanova Dierks von ihrer Kindheit in der Ukraine erzählt, hören auch die russischen Teilnehmer von einem Teil der eigenen Geschichte, von dem sie kaum etwas wissen. Noch heute, 67 Jahre nach Kriegsende, läuft Germanova Dierks eine Träne übers Gesicht, als sie ihren jungen Zuhörern von ihrer Inhaftierung als junges Mädchen erzählt. Als Nachfahrin holländischer Einwanderer war sie im Krieg auf keiner Seite der Front wirklich sicher. „Heute ist ein echter Tag der Erkenntnis“, versucht die 24-jährige Xeniya aus Perm nach dem Gespräch ihre Gefühle in Worte zu fassen.

Solche Erkenntnisse möchte Memorial auch dem Rest der russischen Gesellschaft vermitteln. Denn es ist nicht nur der Staat, der Projekte wie das Lagermuseum Perm 36, das einzige noch zu besichtigende Lager aus Sowjetzeiten, nicht unterstützt. Es sind auch die einfachen Menschen, die für die Erinnerung an den Gulag oft kaum Interesse zeigen. Auf einer dreitägigen Katamarantour den kleinen Fluss Usva hinunter erleben die Teilnehmer der Expedition, was das bedeutet. Allenthalben ragen an den Ufern Holzkreuze aus dem dichten Gestrüpp. Fernab der Zivilisation wurden politische Gefangene hier in sogenannten Sondersiedlungen abgeladen, wo sie keinen Ärger machen konnten. Die Kreuze und Erinnerungstafeln sollen an ihr Schicksal erinnern. Doch sie sind zerstört. Urlauber haben sie als Zielscheiben für Schießübungen benutzt. „Auf der nächsten Expedition im Frühling bringe ich neue Tafeln mit“, erklärt Latypov der Gruppe abends am Lagerfeuer. Er weiß: Auch sie werden wohl wieder zerstört. Trotzdem will er nicht aufgeben. „Es ist vielleicht ein unangebrachter Optimismus, der uns weitermachen lässt“, sagt er und blickt ins Feuer. „Aber letztes Jahr waren am Gedenktag für politisch Verfolgte mehr als 200 Demonstranten in Perm vor dem ehemaligen Gefängnis.“ Dafür, dass die meisten Russen von dem Gulag nichts wissen wollen, ist das eine beachtliche Zahl. „Nächstes Jahr werden es vielleicht noch mehr“, sagt Latypov.

Das spornt an. Schritt für Schritt will er die Menschen für eine Erinnerungskultur gewinnen, die nicht nur die heldenhaften Seiten der Vergangenheit zulässt. Er wird weiterhin mit Jugendgruppen Bootstouren machen, um sie an die entlegenen Orte der eigenen Geschichte mitzunehmen, und mit Zeitzeugen sprechen. Denn wie die „Babuschka“, wie man die 85-jährige Selma Germanova Dierks liebevoll nennt, sagt: „Ich erzähle meine Geschichte nicht, damit ihr betroffen seid. Ich erzähle sie, damit ihr sie weitererzählt, damit sie nicht vergessen wird, auch wenn ich sie einmal nicht mehr erzählen kann.“  

Malte Mühle  

Gesellschaft Memorial fürchtet Repressionen

Als in den späten achtziger Jahren in der Sowjetunion die Wende einsetzte, war die Erinnerung an Deportation und Lagerhaft in Russland verpönt. Wer Opfer der Repressionen geworden war, behielt es für sich. Um das Schweigen mit einem Gedenkstein in Moskau zu beenden, gründeten Moskauer Bürger 1988 die Gesellschaft Memorial. Seit der Legung des Gedenksteines haben sich in mehr als 80 Städten in Russland, anderen ehemaligen Sowjetrepubliken und sogar in Deutschland Abteilungen der Nichtregierungsorganisation gegründet. Sie hält nicht nur die Erinnerung an die Opfer des Stalinismus wach. Die Dokumentation von Kriegsverbrechen in den Tschetschenien-Kriegen hat Memorial zu einer von Russlands führenden Menschenrechtsorganisationen gemacht, die ständigen Repressionen ausgesetzt ist. Im Jahr 2009 wurde Mitarbeiterin Natalja Estemirova in Tschetschenien erschossen. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt.

Ein neues Gesetz der Regierung Putin, das NGOs, die Gelder aus dem Ausland erhalten, als sogenannte „Auslandsagenten“ brandmarkt, hat die Arbeit von Memorial, die unter anderem von der Konrad-Adenauer- und der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird, jüngst komplizierter gemacht. Irina Scherbakowa, Leiterin der Bildungsangebote von Memorial in Moskau, blickt daher besorgt in die Zukunft: „Ich fürchte, es kommen schwere Zeiten auf uns zu.“ 

mm

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