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ZiSH „Ich dachte: Da geht noch mehr“
Hannover ZiSH „Ich dachte: Da geht noch mehr“
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13:27 11.10.2013
„Sicher war ich stolz, als man meine Knochen gesehen hat. Und trotzdem habe ich mich noch zu dick gefühlt.“ Zwei Jahre dauerte es, bis Laura Pape wieder selbstbewusst in den Spiegel schauen konnte. Quelle: von Ditfurth

In deinem Buch schreibst du, dass du die erste Diät schon in der 5. Klasse gemacht hast. Das ist extrem früh. Oder?

Das stimmt. Irgendwie fand ich mich zu der Zeit schon ein bisschen zu dick – sogar meine Oma hat damals gesagt, ich sei etwas moppelig geworden. Da dachte ich, ich mache mal eine Diät. Einen Monat habe ich dann überwiegend nur Obst, Gemüse und Salat gegessen. Da war ich etwa elf Jahre alt.

Welchen Einfluss haben die Medien auf junge Mädchen, wenn sie bei Formaten wie „Germany’s Next Topmodel“ oder auf den Covern von Zeitschriften extrem dünne Frauen zeigen?

In erster Linie hat eine Magersucht immer psychische Ursachen. Man ist unzufrieden mit sich selbst. Aber die Medien vermitteln schon ein Bild nach dem Motto „So musst du sein“. Die Models werden als Vorbilder dargestellt und sind das dann leider oft auch für junge Mädchen.

War das bei dir auch so?

Am Anfang wollte ich einfach dünner sein und ein paar Kilo abnehmen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich die Disziplin dazu habe. Das habe ich nicht für andere gemacht oder weil die Models so dünn sind. Erst später habe ich nach neuer Motivation fürs Abnehmen gesucht und mir Bilder von Frauen angeschaut, die noch dünner waren als ich.

Nun macht eine Diät ja noch keine Magersucht. Wann wurde dein Hungern zur Krankheit?

Das hat nach meinem 17. Geburtstag angefangen. Mit einer Freundin habe ich eine Wette abgeschlossen. Wer zuerst 59 Kilo erreicht, gewinnt. In einem Monat habe ich neun Kilo abgenommen. Aber ich hatte schnell das alte Gewicht wieder drauf und war unzufrieden. Da habe ich mir vorgenommen, einen neuen Versuch zu starten und es bis zum Ende durchzuziehen.

Dann sank dein Gewicht immer weiter.

Insgesamt habe ich 21 Kilo abgenommen. Ich wog noch 47 Kilo. Ich dachte immer: Da geht noch mehr. Fünf Kilo weniger sehen noch besser aus. Aber wenn ich das dann erreicht hatte, wollte ich noch ein paar Kilo abnehmen. Ich konnte keinen Schlussstrich ziehen. Außerdem lief es ja gerade so gut. Irgendwann war es ganz normal, nur noch zwei Scheiben Brot am Tag zu essen.

Hat es dich glücklich gemacht, immer dünner zu werden?

Sicher war ich stolz, als man meine Knochen gesehen hat. Und trotzdem habe ich mich noch zu dick gefühlt. Irgendwann bestimmt die Magersucht den Alltag. Ich habe mich nicht mehr mit Freunden getroffen und saß fast jeden Tag in meinem Zimmer und habe geweint. Einerseits wollte ich an der Krankheit festhalten und weiter abnehmen. Aber andererseits hatte ich auch keine Lust mehr darauf, weil es mir immer schlechter ging und das Leben so einfach keinen Spaß mehr gemacht hat. Es ging nur noch ums Essen, Abnehmen, Wiegen und Kalorienzählen.

„Lebenshungrig“ von Laura Pape

Laura Pape möchte anderen Mut machen. Deshalb hat die 20-jährige Hannoveranerin ihre Erfahrungen mit der Magersucht in einem Buch zusammengefasst. „Lebenshungrig – Mein Weg aus der Magersucht“ (240 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro) soll Betroffenen zeigen, dass es einen Weg aus der Essstörung gibt.

In den Kapiteln „Fallen“, „Kämpfen“ und „Leben“ schildert die junge Autorin ihren Weg in die Magersucht, den Kampf gegen das Hungern und die Rückkehr in ein Leben ohne Kalorienzählen. Das Buch liest sich wie ein Tagebuch – ehrlich und ungeschönt. Daneben kommentieren Verwandte und Freunde Lauras Alltag mit der Krankheit. So kann „Lebenshungrig“ dabei helfen, die Krankheit Magersucht besser zu verstehen.

iro/kru

Irgendwann hat deine Mutter dich dann von einem Tag auf den anderen in eine Klinik gebracht. Wie war das für dich?

Irgendwie war ich da schon erleichtert, weil ich selber diesen Schritt nie gegangen wäre. Als ich in der Klinik die erste Mahlzeit zu mir nehmen musste, habe ich erst realisiert, dass ich mithelfen muss, damit ich wieder gesund werde.

In der Klinik gab es harte Regeln: Essen und Sportverbot. Mit den anderen Patienten hast du jedoch Tricks entwickelt, um das zu vermeiden.

Man versucht mit allen Mitteln, so wenig wie möglich essen zu müssen. Zum Beispiel möglichst viele Krümel vom Brot unter den Tisch fallen zu lassen. Ich habe heimlich im Zimmer Fitnessübungen gemacht oder auf der Stelle gejoggt. Es ist schon verrückt, was man sich da alles so einfallen lässt, um die Gewichtszunahme zu verlangsamen. Es war schließlich viel Arbeit, 21 Kilo abzunehmen – das wollte ich mir zu dieser Zeit nicht von der Klinik kaputtmachen lassen.

Warum haben dich die Ärzte trotz dieser Einstellung aus der Klinik entlassen?

In der Klinik habe ich vor allem zugenommen, weil ich unter Beobachtung stand und endlich da rauswollte. Ich wollte den Betreuern zeigen, dass ich keine Probleme mehr mit Essen habe. Zuhause habe ich dann gleich wieder alle Freiheiten ausgenutzt. Es hat noch etwas gedauert, bis mir bewusst wurde, dass sich was ändern muss, wenn ich mein Leben wieder genießen können will.

Was hat dich letztendlich dazu bewegt, die Krankheit aufzugeben?

Der Wunsch, endlich wieder am richtigen Leben teilzunehmen, ist immer stärker geworden – jeden Tag etwas mehr. Das war ein langer Prozess. Aber je länger ich an meinem Willen festhielt, desto besser klappte es auch wieder in meinem Leben und mit dem Essen.

Bist du heute gesund?

Ja. So gut, wie ich mich heute wieder fühle, bin ich mir da ziemlich sicher.

Woran machst du das fest?

Ich verschwende keine Gedanken mehr an Kalorien und wiege mich auch kaum noch. Und es interessiert mich auch nicht mehr. Ich lebe jetzt mein Leben, unternehme viel mit Freunden und habe einen Freund. Und das ist mir wichtig.

Die Kalorien haben aber sehr lange dein Leben bestimmt. Wie hast du es geschafft, sie aus deinem Kopf zu bekommen?

Das war mit das Schwierigste. Ich musste mich immer wieder selber stoppen, nicht bei jeder Mahlzeit daran zu denken, wie viele Kalorien ich da zu mir nehme. Ich habe versucht, an etwas anderes zu denken und mich auf den Genuss zu konzentrieren.

Es gibt viele Bücher über Magersucht. Warum hast du deine Geschichte aufgeschrieben?

Ich möchte anderen damit helfen. Mein Buch soll Hoffnung geben und zeigen, dass man aus der Magersucht rauskommen kann. Es hat ein positives Ende, weil ich es geschafft habe. Viele der anderen Bücher haben das nicht. Außerdem hat es mir auch dabei geholfen, die Sache zu verarbeiten.

Wie sieht der perfekte Körper für dich aus, und bist du mit deinem eigenen mittlerweile zufrieden?

Ich finde nicht, dass es den perfekten Körper gibt. Jeder Mensch ist verschieden, und das ist auch gut so. Man muss sich wohlfühlen. Ich bin zufrieden mit mir selbst.

Kennst du dein aktuelles Gewicht?

Das ist eigentlich kein Thema mehr. Ich stelle mich nur ganz selten auf die Waage. Das bewegt sich in der Mitte zwischen dem, was ich vor der Magersucht hatte, und dem Untergewicht vor der Therapie.

Hast du nicht trotzdem manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn du dir noch mal Nachschlag nimmst oder ein dickes Stück Sahnetorte auf deinem Teller liegt?

Manchmal isst man nur aus Appetit, obwohl man eigentlich schon satt ist. Das mache ich auch. Und sicher denke ich dann auch mal, dass das nicht unbedingt hätte sein müssen. Aber nicht, weil ich Angst vorm Zunehmen habe, sondern weil es niemand mag, wenn man sich nach zu viel Essen so voll fühlt. Das ist normal.

Interview: Isabell Rollenhagen und Theresa Kruse

Magersucht und Bulimie

Menschen, für die jede Mahlzeit zur Qual wird und jede Kalorie zählt, leiden unter Essstörungen. Diese lassen sich in drei Haupterkrankungen einteilen: Magersucht, Bulimie und die Binge-Eating-Störung. Die äußert sich in Heißhungeranfällen und führt zu Übergewicht.

Betroffene von Magersucht (Anorexia mentalis) versuchen, vor allem durch Hungern und exzessiven Sport abzunehmen. Eindeutige Diagnosemethoden gibt es nicht. Allerdings ist der Body-Mass-Index (BMI) ein Maßstab, der das Gewicht in Relation zur Größe setzt. Bei Magersüchtigen beträgt dieser Wert unter 17,5. Beispiel: Während eine 1,70 Meter große Frau mit einem Normalgewicht von 60 Kilo einen BMI von 20,3 hat, beträgt dieser bei einer Frau derselben Größe mit 50 Kilo nur 17,3. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erkranken 100.000 der 15- bis 24-jährigen Mädchen an Magersucht. Mehr als jede zehnte Betroffene stirbt.

Menschen mit Bulimie, auch Ess-Brech-Sucht genannt, haben dagegen Essattacken, nach denen sie selbst das Erbrechen herbeiführen. Bulimie kommt etwas häufiger vor: Zwischen 0,7 und 1,3 Prozent. Die Sterberate bei den Betroffenen liegt jedoch bei über 50 Prozent. Beide Krankheiten können auch zusammen auftreten. Essstörungen sind vor allem psychische Erkrankungen, von denen Frauen öfter betroffen sind als Männer.

alu

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