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ZiSH Macht das Internet dümmer?
Hannover ZiSH Macht das Internet dümmer?
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12:16 07.09.2012
Auf der sicheren Seite: ZiSH-Autorin Lisa Günther recherchiert in der Stadtbibliothek am Aegidientorplatz mit Laptop und Büchern. In ihrem Selbsttest hat sie auf das Internet verzichtet. Quelle: Körner
Hannover

Es war ein Skandal. Als der Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano im Februar 2011 in der Doktorarbeit des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg auf mehrere abgeschriebene Passagen stieß, ging er damit an die Öffentlichkeit. Es folgte eine hitzige Debatte, die dazu führte, dass zu Guttenberg der Doktortitel aberkannt wurde. Er zog sich von allen politischen Ämtern zurück.

Was zu Guttenberg in seiner Doktorarbeit getan hat, ist auch unter vielen Schülern gängige Praxis: Referate und Facharbeiten, die mancher schlicht aus dem Internet abschreibt, gehören zum Schulalltag. Zu groß ist der Lernstoff, zu langwierig das Bücherwälzen in der Bibliothek. Nur ein Bruchteil der Inhalte wandert da noch ins Langzeitgedächtnis.

Mit „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer ist nun ein Buch erschienen, das sich mit der Gefahr beschäftigt, die in der Nutzung digitaler Medien zu Lernzwecken stecke. „Wir klicken uns das Gehirn weg“, heißt es im Klappentext. Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm und Gehirnforscher, vertritt die These, dass das Recherchieren im Internet zu oberflächlich sei, um einen langfristigen Lerneffekt zu bieten. Intellektuelle Verarbeitungsprozesse würden durch „Copy and Paste“ per Mausklick behindert.

Aber wie lernen wir denn richtig? „Wichtig ist es, alle Quellen zu nutzen: Das Internet, Bücher, Videos“, sagt Martin Korte von der Abteilung für Zelluläre Neurobiologie des Instituts für Zoologie an der Technischen Universität Braunschweig. „Der Lerneffekt ist am größten, wenn die Inhalte aktiv zusammengefasst und besprochen werden. Wer nur Bücherseiten kopiert, lernt auch nicht mehr.“ Entscheidend ist also nicht das Medium, sondern der Umgang damit. Wer sich Inhalte nicht durchliest, wird sie auch nicht im Kopf behalten. Dafür braucht es Zeit.

Der Schulalltag sieht meist anders aus. Wenn eine wichtige Deutschklausur drängt, entsteht ein Referat für den Kunstunterricht auch mal aus einem Internetartikel. „Als erste Informationsquelle ist Wikipedia super. Die Recherche muss aber darüber hinausgehen“, sagt Peggy Watutin, Lehrerin für Geschichte und Deutsch an der Humboldtschule. Durch die Behandlung der prominenten Plagiatsaffäre des ehemaligen Verteidigungsministers im Unterricht hätten ihre Schüler erkannt, wie folgenschwer Abschreiben sein kann.

Fertigt ein Schüler in seiner Schullaufbahn viele Referate an, fördert dies auch das Auswerten der zahlreichen Quellen. „Das Wissen wird durch das Internet zwar weniger tief, dafür aber viel breiter gefächert“, sagt Watutin.

Klar ist, dass der Bildungssektor noch immer den richtigen Umgang mit der Informationsvielfalt des Internets finden muss. An der Leibniz Universität Hannover etwa wurde Anfang 2012 eine Plagiaterkennungssoftware installiert. Und die Schüler? Die lesen immer noch Wikipedia-Artikel. Ist ja auch nicht ganz verkehrt.

Alisa Schellenberg und Joss Doebler

                            

ZiSH hat den Test gemacht: Die beiden Autorinnen Theresa Kruse und Lisa Günther haben jeweils ein Einleitungsreferat zum Thema „Geschichte der Rockmusik“ verfasst (Texte rechts). Während sich Theresa durch Wikipedia geklickt hat, ist Lisa in die Bibliothek gegangen, um im Bücherregal zu stöbern. Musiklehrer Christian Fauteck von der Käthe-Kollwitz-Schule hat die Präsentationen beurteilt.

                         

Schnell geklickt

„Geschichte der Rockmusik“ tippe ich in das Suchfeld der Onlineplattform
 Wikipedia ein. „Dieser Artikel existiert nicht. Du kannst ihn aber selbst er­stellen“, antwortet mir das Internetlexikon. Nein, das kann ich nicht.

Bevor ich mit dem Schreiben meines Schulreferates beginne, sollte ich mir grundlegendes Wissen anlesen. Für einen guten Wikipedia-Artikel wird das nicht ausreichen. Ich klicke auf einen Artikel über Rockmusik, in dem es einen Abschnitt mit der Überschrift „Geschichte“ gibt. Den Text kopiere ich mit einem Rechtsklick und füge ihn in auf der ersten Seite meines Referates ein. Die Gliederung des Vortrags, für die ich mich normalerweise durch den gesamten Artikel arbeiten müsste, schreibe ich einfach ab. So bleibt mehr Zeit für das Layout meiner Präsentation mit Powerpoint.

In der Einleitung des Referates über die Entstehung der Rockmusik muss ich den Ursprung des Genres zusammenfassen. Rockmusik habe sich aus dem Rock  ’n’ Roll entwickelt, steht im Text. Schnell überfliege ich die Seiten und stelle fest, dass der Rock ’n’ Roll wiederum von europäischer Volksmusik und Straßenmusikern aus den Vereinigten Staaten stamme. Das ist einfach. Wenige Mausklicks, und schon steht der erste Teil des Referates.

Dann wird es komplizierter: „Im Rock werden die Achtelnoten binär gespielt“, heißt es im Artikel. Der Rock ’n’ Roll nutze hingegen den „Shuffle“. Mit meinen begrenzten musiktheoretischen Wissen komme ich hier nicht weiter. Doch auch hier hilft Wikipedia – mit dem Artikel zum „Shuffle“-Rhythmus, den sogar ich auf Anhieb verstehe. Mit einem verstaubten Lexikon in der Hand hätte das vermutlich länger gedauert.

Der Wikipedia-Artikel zur Rockgeschichte listet alle Informationen, die ich für mein Referat benötige, zuverlässig auf. So kann ich zügig arbeiten. Fehlt mir ein Detail, hilft Google weiter. Für eine gute Note auf meine Präsentation brauche ich ein paar Bilder. Hier enttäuscht mich Wikipedia: Statt zeitgenössischen Auf­nahmen der jungen Rolling Stones sehe ich nur verwackelte Handyfotos von Altherrenrockern. Auch gute Klangbeispiele zur Rockmusik gibt es nicht. Aber hey: Die wichtigen Passagen aus dem Artikel habe ich in Stichworten abgetippt. Das reicht.

Theresa Kruse

Das sagt der Lehrer:

Theresas Referat ist inhaltlich weitgehend korrekt und methodisch überzeugend. Das umfassende Thema wird insgesamt schlüssig auf zentrale Aspekte, z. B. den Gegensatz zwischen Beatles und Rolling Stones, eingegrenzt. Die Abwendung vom Shuffle-Rhythmus ist zwar richtig beschrieben, jedoch ist dieses musikalische Merkmal ohne Songbeispiel uninteressant und in einer Kurzdarstellung auch unnötig.

Die Wurzeln des Rock ’n’ Roll werden korrekt dargestellt, doch es fehlen repräsentative Hörbeispiele. Verschiedene Stilrichtungen der späteren Rockmusik werden zu undifferenziert dargestellt und nicht mit Songbeispielen unterfüttert. Die sozialgeschichtlichen Hintergründe, die das Thema so spannend machen, bleiben unbeachtet.

Dennoch ist das Referat als Einführung in das Thema brauchbar.

Christian Fauteck

                              

Lange gesucht

Bei meinem Referat zur Geschichte der Rockmusik muss ich leider auf die Hilfe von Suchmaschinen und Onlinelexika verzichten. Nach einer langen Schulzeit mit vielen Präsentationen habe ich zum ersten Mal striktes Wikipedia-Verbot. Das Internet darf ich nur zur Suche von musiktheoretischer Fachliteratur verwenden. Eine Herausforderung.

Ich mache mich auf den Weg in die Stadtbibliothek Hannover. Die Fahrt zum Aegidientorplatz kostet mich eine Stunde. Hätte ich diese Zeit nicht in der Straßenbahn, sondern zu Hause vor meinem Laptop verbracht, wäre mein Referat schon fast fertig. Mithilfe von Computer und einem internen Suchprogramm finde ich einige Bücher, die für eine Präsentation zur Rockmusik interessant klingen. Zum Glück habe ich vor zwei Jahren mit der Schule eine Führung durch die Bibliothek mitgemacht. So finde ich mich zwischen Etagen, nummerierten Bücherrücken und Abkürzungen schnell zurecht. Als ich vor dem Regal mit Musikliteratur stehe, gerate ich ins stocken. Die richtigen Bücher sehe ich sofort – leider erweist sich nur eines von acht Werken als hilfreich. In den dicken Wälzern über Musikgeschichte lese ich nur knappe Sätze zum Musikgenre Rock. Das frustriert. In einem kleinen Buch sehe ich endlich eine chronologische Liste über die Entstehung des Rock ’n’ Roll. Ich mache mir Notizen und lege die Fachliteratur auf den Stapel von Werken, die ich mit nach Hause nehmen möchte. Als ich die Bücher im Erdgeschoss der Bibliothek ausleihen möchte, ist meine Mitgliedskarte auch noch abgelaufen.

Später mache ich mich an meinem Schreibtisch an eine Gliederung des Referates. Geeignete Textpassagen formuliere ich zu kurzen Stichpunkten für eine Powerpoint-Präsentation um. Für wirklich selbst geschriebene Sätze fehlt mir der Überblick in der Rockgeschichte. Gutes Vergleichsmaterial oder verständliche Erklärungen habe ich in der Bibliothek nicht bekommen. Jetzt fehlen mir YouTube, Fachforen – und natürlich Wikipedia. Zwischen den Präsentationsfolien habe ich das ungute Gefühl, im falschen Regal gesucht zu haben. Jetzt ist es zu spät. Für eine Jahreszahl zum Rock ’n’ Roll müsste ich nun noch einmal in die Stadtbibliothek fahren.

Lisa Günther

Das sagt der Lehrer:

Lisas Präsentation ist inhaltlich weitgehend richtig, beschränkt sich aber leider nur auf die Entstehung der Rockmusik. Wichtig ist ihr Hinweis auf den Rock ’n’ Roll als erste Musik für Jugendliche und Mittel zur Abgrenzung gegen Erwachsene. Little Richard, der von ihr in der Einleitung zitiert wird, kann als Beispiel für die Vorbildfunktion schwarzer Musiker im Hinblick auf den „weißen“ Rock ’n’ Roll genannt werden, allerdings müssten die musikalischen Wurzeln des Rock ’n’ Roll prägnanter beschrieben werden. Am Ende der Präsentation folgen dann Bilder von wichtigen Helden der Rockmusik-Geschichte, deren Bedeutung aber nicht erläutert wird.

Insgesamt fällt das Referat zunächst zu differenziert und dann viel zu pauschal aus. Hier würde ich eine erneute Recherche empfehlen.

Christian Fauteck

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