Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
ZiSH „Man muss Grenzen überwinden"
Hannover ZiSH „Man muss Grenzen überwinden"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:11 28.09.2012
Immer nah am Menschen: Kai Löffelbein gewann das Unicef-Foto des Jahres 2011 für das Bild eines Jungen, der in Ghana Elektroschrott zertrümmert. Quelle: Kai Löffelbein
Hannover

Kai Löffelbein (31) wurde in Siegen geboren und studierte Politikwissenschaft in Marburg und Berlin. 2009 begann er ein Studium in Fotojournalismus in Hannover, wo er zurzeit lebt. Ein Jahr später begann er als freier Fotograf zu arbeiten. Bekannt wurde Löffelbein mit seiner Fotoreihe „Kids of Sodom“, für die er den Unicef-Foto-Award 2011 bekam. Es folgten weitere Auszeichnungen, wie der Henri-Nannen-Preis 2012. ZiSH-Autorin Lisa Günther hat mit dem Fotografen gesprochen.

Für Fotografiestudenten an der Hochschule Hannover hat ein neues Semester begonnen. Wo liegt der Reiz dieses Berufes?
Es gibt viele tolle Aspekte: Man ist viel unterwegs und kommt dabei auch ins Ausland. Ich treffe dabei immer viele neue Leute. Außerdem bekommt man die Gelegenheit, in neue Bereiche des Lebens zu schauen.

Jeder kann überall mit seinem Handy Fotos machen. Wozu braucht man noch ausgebildete Fotografen?
Als Fotograf suche ich mir einen Ansatz, um mich einem Thema zu widmen. Ich versuche den Fotos ein Gefühl von Nähe und Emotionen zu geben. Mit Handys lassen sich schöne Bilder machen – aber es fehlt oft der Plan.

Ein guter Instinkt und Bauchgefühl sind also wichtiger als die Kamera?
Auf jeden Fall. Die Ausrüstung ist untergeordnet. Was zählt, ist ein Gespür für Geschichten und Neugier.

Deine Fotoreihe ,,Kids of Sodom“ ist in Ghana entstanden. Du zeigst Kinder, die Elektroschrott aus Europa ausschlachten um brauchbare Teile zu verkaufen. Wie ist die Idee zu diesen Bildern entstanden?
Inspiriert haben mich die Infozettel über Schrottabholung. Ich habe mich gefragt, was mit dem Elektroschrott passiert und mich mehr mit dem Thema beschäftigt. In Afrika werden Fernseher und andere Geräte ausgeschlachtet um brauchbare Teile wieder zu verkaufen. Nach langer Recherche wählte ich Ghana als Zielland aus. Dann hab ich mich lange mit den Menschen in diesem Land beschäftigt, mit der politischen Situation und den Gründen, warum die Leute in der Armut landen. Letzten Sommer reiste ich mit einem Kollegen nach Ghana und habe dort diese Fotos geschossen.

Ging es dir nahe, die mittellosen Kinder auf dem Schrottplatz im Müll zu sehen und zu fotografieren?
Welcher Mensch kann in so einer Umgebung, wo Kinder arbeiten, giftige Dämpfe wehen und die Menschen kaum etwas zum Leben haben, kein Mitleid empfinden? Man spricht zwar immer von der journalistischen Objektivitätsregel. Das einzige was mit Objektivität zu tun hat, ist das Objektiv meiner Kamera.

Ist es nicht zermürbend, all das Leid zu sehen?
Doch, klar geht es einem nahe, und abends, wenn ich den Schrottplatz verlassen habe oder auch hier zu Hause, denke ich oft an die Menschen, die dort leben. Man darf sich trotzdem nicht zu sehr runterziehen lassen und muss Distanz bewahren. Es klingt vielleicht komisch, aber mit der Zeit gewöhnt man sich auch an die Situation, weil man sieht, dass auch diese Kinder und Menschen lachen können.

Bekannt wurdest du mit dem Foto eines Jungen, der einen Fernseher auf den Boden schmeißt. Ist es nicht merkwürdig, auf Kosten des Jungen bekannt zu werden?
Klar ist das schwierig. Es ist wie in einem Zwiespalt. Einerseits muss ich mir meine Aufgabe als Fotograf klarmachen, andererseits tut mir der Junge natürlich auch leid. Aber dem Kind einfach Geld in die Hand zu drücken, würde seine Situation auf lange Sicht nicht verbessern. Die Aufmerksamkeit, die die Kinder durch die Fotos bekommen haben, ist wichtiger.

Für deine Arbeit reist du durch viele Länder – stößt du manchmal auf Grenzen oder hast Angst bei deiner Arbeit?
Als Fotograf muss man manchmal Grenzen überschreiten, um an spektakuläre Fotos zu gelangen. Dabei ist es wichtig, dass man immer die Achtung und den Respekt vor dem Menschen bewahrt. Viele Situationen sind spontan oder nicht einschätzbar. Wenn beispielsweise beim Castor-Transport die Polizei sagt, hier darfst du nicht durch, muss man sich halt eine Lücke suchen, wo man durch kommt.

Wie gehst du auf die Menschen zu, die du fotografieren willst?
Ich habe mich vorher mit den Menschen unterhalten, mir ihre Geschichten angehört und zu ihnen Vertrauen aufgebaut. Wenn man in Ghana als Weißer mit einer dicken Kamera um den Hals auf den Schrottplatz kommt, sind die Menschen abgeneigt und distanziert. Man muss schon echtes Interesse zeigen und nicht wie ein Tourist daherkommen. Ich habe versucht, nicht durch lautes Kameraknipsen oder grelle Lichtreflexe zu stören. In den zwei Wochen sind gerade mal 1500 Fotos entstanden. Andere Fotografen knipsen dreimal so viele Bilder.

Viele Fotografen sind frei angestellt oder haben Gelegenheitsjobs. Wie ging es dir finanziell, bevor du mit deinen Fotos bekannt wurdest? Hattest du ein geregeltes Einkommen?
Nein, von einem geregelten Einkommen konnte man damals sowie heute nicht sprechen. Klar geht es mir durch die gewonnenen Wettbewerbe finanziell besser als vorher. Ich habe den Kopf frei für neue Projekte. Meine Reise nach Ghana habe ich zum Beispiel aus eigener Tasche bezahlt.

Was hat sich für dich als Fotografen durch die Ehrungen und Preise verändert?
Ich bekomme viele Aufträge, gebe Vorträge in Schulen, und meine Bilder sind auf Fotofestivals von Hannover bis New York vertreten. Aber nur, weil ich Preise gewonnen hab, bin ich nicht besser als drei Tage vorher. Ich bin immer noch derselbe Typ.

Fotos von dir findet man an den Wänden deiner Wohnung also nicht?
Man sollte nicht so selbstverliebt sein, sondern sich lieber an anderen guten Fotografen orientieren. Aber ich habe Bilder von anderen Fotografen wie James Nachtwey, die mich inspirieren, in meiner Wohnung hängen. Die meisten halten gerade mal zwei Monate und werden dann durch neue ersetzt.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Mein Vater hat auf Reisen viel fotografiert und er war mein Vorbild. Von ihm habe ich meine erste Kamera bekommen – die musste man noch per Hand aufziehen. Manchmal fotografiere ich immer noch mit dieser Kamera.
Du hast dein Politikstudium abgebrochen, um an der Hochschule Hannover Fotojournalismus und Dokumentarfotografie zu studieren. Warum ausgerechnet Hannover?
Die Hochschule ist die einzige in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa, die eine klare journalistische Ausbildung anbietet. Dieser spezielle Studiengang wird kaum woanders angeboten. Außerdem hat die Schule einen guten Ruf und mitFotografie ist man einfach näher am Menschen, als mit Politik.

Mit Blick auf deine Ausbildung und deine Erfahrung: Was braucht man, um ein guter Fotograf zu sein?
Jungen Fotojournalisten rate ich immer am Ball zu bleiben, die eigenen Bilder gut zufinden, aber auch selbstkritisch zu sein. Es ist wichtig, neugierig zu sein und sich für Menschen und gesellschaftlich Veränderungen zu interessieren. Man braucht das richtige Auge, um passende Situationen abzuschätzen, ein Herz, um die Gefühle in dem Bild rüberzubringen und das passende Paar Schuhe für die Geduld.

Du warst schon in Indien, Ghana und anderen Ländern der Welt. Gibt es auch in Hannover ein Thema, das für deine Arbeit interessant wäre?
Ich würde nicht zum Maschsee gehen, um dort Blümchen und Bienchen zu fotografieren. In einer meiner Fotoreihen befasse ich mich mit Muslimen in Deutschland. Ich wollte der oberflächlichen Betrachtung und den Klischees gegen Muslimen etwas entgegensetzen. Mich interessieren Menschen und ihre Geschichten, ob sie im Zooviertel oder im Plattenbau wohnen, ist mir gleich.

Interview: Lisa Günther

       

Wie wird man Fotograf?

Für Fotografiebegeisterte gibt es verschiedene Wege, das Hobby zum Beruf zu machen: Das Studium an Universität oder Fachhochschule erfordert in der Regel eine Bewerbungsmappe mit eigenen Arbeiten. Die Mappen für die Bewerbung an der Hochschule Hannover müssen drei Bildstrecken mit jeweils zehn bis 20 Fotos beinhalten. Die Hochschule konzentriert sich, wie viele andere Hochschulen auch, auf eine Fachrichtung und bildet in acht Semestern speziell Fotojournalisten aus. Die Mappe sollte deswegen zeigen, warum der Bewerber sich genau für diese Richtung interessiert. Eine duale Ausbildung in einem Fotostudio dauert in der Regel drei Jahre und wird durch Berufsschulunterricht ergänzt. Die meisten Betriebe stellen vorwiegend Abiturienten ein. Seit 2009 ist auch die duale Ausbildung spezialisiert. Dabei kann man sich zwischen den Schwerpunkten „Porträtfotografie“, „Produktfotografie“, „Industrie-und Architekturfotografie“ und „Wissenschaftsfotografie“ entscheiden. Alternativ können Einsteiger auch eine schulische Ausbildung machen, die meist mindestens den Realschulabschluss erfordert. Auf jeden Fall ratsam ist es, Praktika zu absolvieren um herauszufinden, welche Fachrichtung die richtige ist – und ob der Traumberuf den Erwartungen tatsächlich gerecht wird.

Anna Ullrich

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
ZiSH Hannover und der Rest der Welt - Knochenbrecher im Mephisto

Ihr Name klingt genau so agressiv wie ihr Sound. Die Kalifornier Bonecrusher spielen rohen Punkrock und kommen am Donnerstag ins Mephisto. Gleichzeitig spielt Patrick Duff im GiG gemeinsam mit Gerard Starkie seinen rauen Kneipensound. Und beim Jugend-Krimi-Wettbewerb können Zwölf- bis 18-Jährige ihren eigenen Krimi einreichen.

25.09.2012
ZiSH Wohnen mit Betreuung - Nachhilfe in Leben

Nicht jeder Jugendliche kann sich aussuchen, wann er zu Hause auszieht: In Hannover leben 650 Kinder und Jugendliche im betreuten Wohnen.
Lina ist eine von ihnen. Früh musste sie lernen, selbstständig zu sein. ZiSH hat die Schülerin in ihrer eigenen Wohnung besucht.

25.09.2012
ZiSH Beliebte YouTube-Kanäle - Fernsehen von allen

Auf ihren YouTube-Kanälen zeigen Nutzer, was im Fernsehen keinen Platz findet: Ob provokante Sketche, Anleitungen für PC-Spiele oder kleine Tipps für den Alltag. Die Zuschauer danken es ihnen mit Lob, YouTube mit Geld. ZiSH stellt die beliebtesten Kanäle vor.

20.09.2012