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ZiSH „Ich wollte mein eigener Chef sein“
Hannover ZiSH „Ich wollte mein eigener Chef sein“
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20:20 14.05.2014
Postmodernes Bernsteinzimmer: Onkel Olli in seinem Kiosk. Quelle: Insa Hagemann
Hannover

Öffnet man die Tür, scheint man in einem postmodernen Bernsteinzimmer zu stehen: Bierflasche neben Bierflasche funkelt aus Kühlschränken, Kisten und Regalen hervor. Von der Decke baumeln an Wäscheleinen angebrachte bunte Tüten. Schnell wird klar: Dieser Ort, Onkel Olli's Kiosk, ist kein gewöhnlicher Ort.

Onkel Olli, mit bürgerlichem Namen Marc Oliver Schrank, und sein gleichnamiger Kiosk sind Kult. Bei ihm, mitten in der Nordstadt, trifft man sich auf eine Feierabendbrause. Auf 40 Quadratmetern präsentiert der 34-Jährige rund 300 verschiedene Getränke. Davon sind ganze 150 Biersorten aus aller Welt. Das sind so viele, dass sie nicht nur sechs Kühlschränke füllen, sondern auch der ganze Laden mit Kisten vollsteht.

Die Atmosphäre im Kiosk ist entspannt. Während des Interviews schafft Olli es ganz mühelos, unsere Fragen zu beantworten und gleichzeitig die Kunden zu bedienen. Denen erklärt er locker: „Wir sind die anonymen Anti-Alkoholiker, die sich hier im Stillen ein Bier gönnen.“

Olli, Sie haben Ihr Lehramtsstudium geschmissen, um einen Kiosk zu betreiben. Wie kommt man denn auf so eine Idee?

Ich bin ein DU. Im siebten Semester musste ich zum ersten Mal in der Schule unterrichten. Nach drei Wochen Praktikum wusste ich: Das ist nix für mich. Schon als Jugendlicher habe ich allerdings gern gekellnert, in einer Bar gearbeitet und bei Galeria Kaufhof Süßwaren verkauft. Als ich beim Bummeln durch die Nordstadt zufällig gesehen habe, dass da ein Tabakwarengeschäft zum Verkauf steht, habe ich mir gedacht: Warum machst du nicht hier deinen eigenen Kiosk auf? Ich wollte schon immer mein eigener Chef sein.

Kannst du denn irgendwas, was du im Studium gelernt hast, hier anwenden?

(zögert) Ich habe Geschichte und Englisch studiert. Damit kann ich mit Amerikanern oder Engländern über Bier fachsimpeln. Das passiert allerdings selten. Es hat mir eigentlich nichts gebracht – höchstens den Horizont erweitert.

Welche Idee hattest du für deinen Kiosk?

Ich wollte Sachen, die es sonst nicht gibt. Alles ist sehr speziell, ich kenne mein Sortiment und kann zu jedem Bier sagen, woher es kommt, wie es schmeckt, wann es gebraut worden ist und zu welchem Essen es passt.
Kurz nach der Eröffnung hatte ich bereits eine Internetseite, über die man meine Biere und Brausen bestellen kann.

Bier ist ein gutes Stichwort: Wieso verkaufst du so viele verschiedene Sorten?

Ich mag Getränke gerne, aber eben nicht diese typischen Fernsehbiere. Jever und Krombacher findet man auch in allen anderen Kiosken. Ich wollte meinen Kunden zeigen, dass es Alternativen gibt. Vieles, was hier inzwischen im Laden steht, haben mir Kunden empfohlen.

Wie erfährst du - außer von Kunden – noch von neuen oder außergewöhnlichen Biersorten?

Ich surfe im Internet und reise viel, zum Beispiel nach Belgien oder Bayern, besuche Messen und Brauereien, um neue Biersorten oder andere Produkte kennenzulernen.

Hast du alle Biersorten auch selbst probiert?

Ja, ich bekomme laufend neue Biersorten rein. Abends probieren meine Angestellten und ich manchmal neue Sorten, ordnen sie ein und sprechen darüber. Das ist mit Abstand das Schlimmste an meinem Job (lacht).

Welches deiner Biere ist zurzeit dein Lieblingsbier?

Flötzinger Josefi Bock! Es ist ein typisch bayrisches Starkbier, das es nur wenige Woche im Jahr gibt. Ich hol mal eine Flasche.

Olli geht zum Regal und nimmt eine Flasche seines Lieblingsbieres heraus. Mit einem breiten Grinsen reicht er es uns, damit wir es probieren.

Kommen Leute auch einfach mal auf ein Bier vorbei?

Viele kommen auch einfach mal zum Quatschen, aber Bier wird weder im noch vor dem Laden getrunken. Wir sind ja keine Kneipe.

Du hast doch auch sicher deine Lieblingskunden?

Na klar! Ich kenne sehr viele Leute aus dem Viertel. Alle sind auf Augenhöhe, ob Professoren, Angestellte oder Arbeitslose. Wir trinken hier alle eine Brause zusammen. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu den Leuten. Sie lassen auch mal ihren Haustürschlüssel oder ihre Bongotrommel bei mir im Laden.

Ihre Bongotrommel?

Ja. Ein Kunde spielte im Park auf ihrer Bongo. Als es anfing zu regnen, brachte er mir die Bongo vorbei und fragte, ob er die hier unterstellen kann. Klar konnte er das – die stand dann aber auch ein paar Tage hier herum.

Klingt spannend. Kannst du dir vorstellen, den Job für immer zu machen?

Meine Arbeit macht mir sehr viel Spaß, aber ich glaube nicht, dass dieses Konzept eine große Zukunft hat. Exotische Biere gibt es mittlerweile auch bei den großen Supermarktketten. Weil die aber mehr als sechs Flaschen abnehmen, können sie günstigere Preise raushandeln. Ich weiß nicht, wie lange dieses Spielchen für mich noch geht.

Aber du hast doch bestimmt schon die nächste Idee?

Sicher ist, dass es nicht bei den 150 Biersorten und den veganen Gummibärchen bleiben wird. Was es konkret sein wird, möchte ich jetzt noch nicht sagen. Ich braue aber zum Beispiel mit einem Braumeister grade "Onkel Ollis Chaosbier", ein Pale Ale. Das wird es aber nicht in Flaschen geben. Zu zwei Anlässen wird es vom Fass zum Ausschank kommen:Am Pfingstwochenende ist an der Marktkirche das "2. hannoversche Bierfest“, dort habe ich einen Stand. Und am 11. und 12. Juli feiere ich an der Lutherkirche mein 5-jähriges Jubiläum.

Interview: Lisa Littmann, Marie Kyszkiewicz, Christina Ebenal, Leonie Künstle, Tim Grußendorf

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