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ZiSH Am Anfang war der Lärm
Hannover ZiSH Am Anfang war der Lärm
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13:38 24.04.2015
Die spannendste Band, die Hannover zurzeit zu bieten hat: The Hirsch Effekt. Quelle: Hagemann

Ilja ist sauer, als er vom letzten Konzert erzählt. Der Club in Köln war ausverkauft, doch: „Bei Twitter hat jemand geschrieben, ich hätte ihn angespuckt“, sagt er. Stimmt natürlich nicht. „Kann beim Singen doch mal passieren, dass man spuckt. Aber warum muss man bei Konzerten überhaupt twittern?!“ Ilja äfft einen Smartphone-Nutzer nach, indem er sich übertrieben weit vorgebeugt und hektisch auf ein imaginäres Handy eindrischt. Der Bassist scheint dauerhaft unter Strom zu stehen, beim Reden fällt ihm sein gescheitelter Undercut über die Stirn. Bei The Hirsch Effekt sollte besser nicht auf dem Smartphone herumgetippt werden – denn die Band spielt keine Musik für nebenbei.

Sänger und Gitarrist Nils (30), Bassist Ilja (27) und Drummer Moritz (26) liefern schwere Kost. The Hirsch Effekt beschreiben ihre Musik als „Indielectropostpunkmetal“. Die Band nimmt die Geschwindigkeit des Deathmetal, punkige 
Angepisstheit, komplexe Prog-Rock-Elemente und scheut sich nicht, klassische Instrumente wie Bläser oder Cello einzustreuen. Dazu gibt’s Texte auf Deutsch. So auch auf dem neuen Album „Holon: Agnosie“, das heute erscheint: The Hirsch Effekt konstruieren opulente, frickelige Songs, die nicht unbedingt beim ersten Durchgang hängen bleiben. In ihrer Nische ist die Band seit Jahren ein großer Name.

Von Linden bis zur List: Die Punkrock-Band The Hirsch Effekt zeigt ZiSH-Autor Manuel Behrens ihre liebsten Orte in ihrer Heimatstadt Hannover.

„Wir machen die Musik, auf die wir Lust haben“, sagt Sänger Nils. Dass der ein Faible für infernalischen Deathmetal hat und die großteils deprimierenden Texte der Band schreibt, ist ihm bei seiner entspannten Art nicht anzumerken. Die Band fällt mit ihren Frisuren und Tattoos nicht nur in der schicken Lister Meile aus dem Rahmen, wo sie am Imbiss Pizza, Pommes und Falafel bestellt. Auch musikalisch ist die Band gegen den Strich gebürstet: Keine braven dreiminütigen Songs vom Reißbrett, wie es sie im Indie- und Punkrock im Überfluss gibt. Das macht The Hirsch Effekt mit ihrem mathematischen Songwriting à la Pink Floyd und der Härte und Spielfreude der Prog-Metaller von Tool so spannend.
An der Musikhochschule Hannover, wo sich Nils und Ilja kennengelernt haben, hat sich zwischen Pop- und Produktionsseminaren die härteste und anspruchsvollste Band der Stadt entwickelt. Schlagzeuger Moritz kam 2013 für Gründungsmitglied Phillip in die Band. Moritz war den beiden anderen aufgefallen, als er Songs von The Hirsch Effekt zu Hause nachspielte – und die Videos auf Youtube stellte. „Um zu üben klappere ich manchmal die Rhythmen mit den Zähnen nach“, sagt der und lacht.

„Aber so kompliziert ist unsere Musik nicht. Das ist eine Frage der Hörgewohnheiten“, sagt Ilja bescheiden. Er und Nils sind inzwischen freiberufliche Musiker und geben Instrumentalunterricht. Doch die Arbeit mit der Band steht über allem. The Hirsch Effekt haben darauf verzichtet, klein anzufangen: Nur ein Jahr nach der Gründung 2009 erschien mit „Holon: Hiberno“ das erste Album. Danach wurde regelmäßig getourt. „Das war ein Teil der Erfahrung aus vorigen Bands: Man muss immer weitermachen.“ Und The Hirsch Effekt haben große Lust auf mehr.

Das hat auch das hannoversche Label SPV erkannt, bei dem die Band seit Kurzem unter Vertrag steht. Mit dem neuen Album stehen dieses Jahr 30 bis 40 Konzerte an. Demnächst könnten auch Großbritannien und die USA auf dem Tourplan stehen. Bleibt abzuwarten, wie das Publikum dort auf die vertrackten Songs und deutschen Texte reagiert. Hauptsache, das Smartphone bleibt in der Tasche.

 Manuel Behrens

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