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ZiSH So hart ist die Arbeit als Promoter
Hannover ZiSH So hart ist die Arbeit als Promoter
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13:04 04.09.2018
Menschen ansprechen im Dauertakt: ZiSH-Praktikantin Abby Amoakuh hat in den Ferien als Promoterin gearbeitet. Quelle: Symbolfoto: Katrin Kutter
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Hannover

Langsam steuert eine Frau mit Kinderwagen auf mich zu, ich lächel sie freundlich an und winke ihr zu – dabei kenne ich sie gar nicht. Aber als ihr Blick auf mein T-Shirt, was ich als Promoterin tragen muss, fällt, macht sie mit dem Kinderwagen eine so scharfe Kurve weg von mir, dass die Räder Spuren auf dem Boden hinterlassen.

Enttäuscht wende ich mich ab – wenn ich nicht bald jemanden finde, bin ich meinen Job los. Seit 11 Uhr stehe ich in der Innenstadt von Nürnberg und werbe für die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft. Um die 50 wildfremde Menschen habe ich bereits angesprochen – ein neues Abo ist dabei nicht herausgekommen.

Das ich einmal wildfremden Leuten zu Verträgen überrede, hätte ich mir vor ein paar Monaten nicht vorstellen können. Sobald ich Informationsstände in der Stadt gesehen habe, hielt ich es früher wie die Frau mit dem Kinderwagen und machte einen großen Bogen. Flyer? Nein, danke.

Ein Job nach dem Abi

Als ich nach dem Abitur allerdings einen Job suchte, mit dem ich Geld für meinen Umzug verdienen konnte, wurde ich schnell auf Jobanzeigen für Fundraising und Promotion aufmerksam. Die Jobs versprachen ein gutes Gehalt plus Provision: Ich konnte bis zu 2000 Euro in einer Woche verdienen und mich dabei bestenfalls sogar noch für eine gute Sache einsetzen.

Nach nur vier Bewerbungsgesprächen via Skype bekam ich eine Zusage. Drei Wochen lang sollte ich als sogenannte Reisepromoterin für eine Gewerkschaft arbeiten.

Es ging darum neue Mitglieder zu werben. Die passenden Argumentationsstrategien – auch gegen mögliche Einwände – sollte ich bei einer zweitägigen Schulung in Berlin lernen. Auch ein Training für die richtige Körpersprache gehörte dazu.

Ein Trainer brachte mir und meinen sechs Schulungskameraden im Auftrag meiner Promotionagentur alle wichtigen Informationen über Gewerkschaften bei, und wir bekamen einen Gesprächsleitfaden, den wir möglichst schnell auswendig lernen sollten.

Überzeugen nach Plan

Aber wie sollte ich etwas anpreisen, wovon ich selbst nicht begeistert war? Wirklich überzeugter Gewerkschaftsanhänger war in unserer Runde eigentlich niemand – abgesehen von unserem Schulungslehrer.

„Ihr müsst euch vorstellen, dass die Passanten wie Kinder sind, die noch nicht über den Zaun schauen können. Als Promoter ist es eure Aufgabe sie über den Zaun zu heben,“ riet er etwa. Und es funktionierte: Die Motivation meines Schulungslehrers schwappte sogar etwas auf mich über.

Startschuss mit Kampfschrei

„Eins, zwei drei, BALUHH!!!“ Mit diesem Kampfschrei begann meine erste Schicht in Nürnberg. Von 11 bis 19 Uhr standen wir an unserem Stand, eine Stunde Pause durften wir in der Zeit machen. Ich war aufgeregt und gleichzeitig hochmotiviert.

Mindestens zwei Mitglieder pro Tag anzuwerben, war unser Ziel – das sollte doch locker zu schaffen sein, dachte ich. Dafür sollte ich immer wieder auf Menschen zugehen und sie ansprechen, egal wie unsympathisch, schlecht gelaunt, oder beschäftigt sie wirkten. Einfach jeder Passant sollte gefragt werden.

Die größte Herausforderung war es, das merkte ich schnell, die ganze Zeit gelassen und motiviert zu bleiben. Die lange Stehen und Gehen machte müde und die Motivation wurde mit jedem Kopfschütteln und Aus-Dem-Weg-Gehen weniger. Unsere Teamleiter spornten uns an immer 100 Prozent zu geben: Auch um 19 Uhr sollten wir die Passanten mit genauso großer Begeisterung werben, wie am Morgen.

Doch so sehr ich mich auch anstrengte, konnte ich keinen zur Unterschrift bewegen. Die meisten ignorierten mich, andere ließen sich trotz längerer Gesprächen nicht überzeugen. Eine Person wechselte sogar die Straßenseite, als sie mich sah. Ein unzufriedenes Gewerkschaftsmitglied bespuckte und trat mich, als ich erklärte, dass wir keine Austrittserklärungen am Stand haben.

Der Druck steigt

Trotz der Mahnung, uns nicht darüber auszutauschen, wie viele Verträge wir am Tag abgeschlossen hatten, wurde mir schnell bewusst, dass ich auf der Rangliste weit unten stand. Zwei andere Promoter hatten bereits am ersten Tag drei Personen erfolgreich angeworben.

Ich stand weiterhin bei null, wurde immer unzufriedener und zweifelte an mir. Verzweifelt sprach ich jeden an, der nicht einen weiten Bogen um uns machte. Ohne Erfolg. Was machte ich falsch?

Du wirkst verkrampft und überanstrengt, sagte meine Teamleiterin – und verordnete mir eine Pause. Am zweiten Tag wurde der Ton rauer: Die Chefs hielten mich an mehr Leute anzusprechen, und überzeugender zu lächeln.

Das klappte nicht besonders gut: Am Abend eröffneten sie mir, dass ich raus sein, wenn ich nicht bis zum nächsten Tag um 14 Uhr ein Mitglied angeworben hätte. Als mir auch das nicht gelang, musste ich abreisen. Von den erhofften 2000 Euro blieb mir letztendlich nur etwa ein Siebtel.

Leistungsdruck und Zweifel

Weil mir immer noch Geld für den Umzug fehlte, ließ ich mich von einer Freundin zu einem weiteren Promotionjob überreden. Dieses Mal ging es darum von Haus zu Haus zu gehen. Sechs Menschen als Kunden für einen Lieferservice anwerben – das war das Ziel.

Mir wurde sehr oft die Tür vor der Nase zugeschlagen. Doch kurz vor Ende der Schicht hatte ich endlich Erfolg: Ich konnte eine junge Frau beim Gassi gehen vom Lieferdienst überzeugen. Als ich in den nächsten Schichten wieder erfolgreich war, wurde ich fest von der Promotionsfirma übernommen – obwohl ich noch keine sechs Personen angeworben hatte.

Häufige Personalwechsel sind einkalkuliert. Es war auch Teil meines Jobs pro Woche mindestens zwei neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Die Personen die am meisten Interesse hatten, waren Schüler und Studenten, die Lust auf einen flexiblen Job hatten.

Am Ende Erleichterung

Während die erste Agentur Wert darauf legte, dass wir niemandem erzählten, wie viele Leute wir am Tag warben, war es bei der zweiten umgekehrt: An einer Wand im Büro hingen Listen aus, auf denen meine Kollegen und ich sehen konnten, wer wie viele Kunden geworben hatte. Wer zwei Schichten keine neuen Kunden gewinnen konnte, bekameine Zielvorgabe für die nächste Schicht. Erreichte man diese nicht, wurde man gefeuert.

Auch wenn der zweite Promotionsjob besser lief, ist die Mischung aus Dauerlächeln, Selbstzweifeln und Leistungsdruck verdammt anstrengend. Ob ein Passant unterschreibt oder nicht hängt oft auch damit zusammen, dass man als Promoter Glück hat – und nicht nur mit dem richtigen Lächeln. Als die sieben Wochen vorbei waren, war ich einfach nur erleichtert.

Auf Promotionsjobs verzichte nun, aber ich werde in Zukunft keinen Bogen mehr um Promoter machen – auch, wenn es nur für ein kurzes Gespräch ist. Immerhin weiß ich jetzt wie es sich anfühlt, ignoriert zu werden.

Von Abby Amoakuh

Sonnabends kommen die meisten Promo-Teams

Wer einen Werbestand in Hannover aufstellen möchte, muss einen Monat im Voraus einen Antrag bei der Stadt einreichen. Ab 450 Euro pro Tag gibt es für zwei Promoter einen bis zu zehn Quadratmeter großen Platz in der Innenstadt. Je mehr Promoter und je größer die Werbefläche, desto teurer die Miete. 

Nur 75 Euro pro Tag bezahlen Veranstalter ohne festen Stand für das Verteilen von Werbematerial in der Fußgängerzone im Bereich Steintorplatz bis Schiller-Denkmal, auf dem Steintorplatz, der Lister Meile und dem Lister Platz. 

Mit einem festen Stand kann auf dem Steintorplatz, Goseriedeplatz, Georgsplatz, Lister Platz und dem Platz der Weltausstellung – dem beliebtesten Standort – geworben werden. 

Höchstens sechs Tage dürfen Veranstalter Werbung machen – ob mit oder ohne festen Stand. Der beliebteste Tag ist laut Stadtverwaltung der Sonnabend.   

Mindestens ein Promotion-Stand, so die Stadt auf Anfrage, steht jeden Tag in der Innenstadt. In einer Erhebung wurden 96 Stände in drei Monaten erfasst. Eine offizielle Obergrenze gibt es nicht. 

kb

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