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ZiSH "Ich will keine Antithese sein"
Hannover ZiSH "Ich will keine Antithese sein"
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12:02 07.07.2017
Bereits auf seinen beiden EPs hat Faber bewiesen, dass er die Mischung aus brachialer Eindringlichkeit, tiefer Euphorie und Geschichtenerzählen beherrscht. Quelle: Stefan Braunbarth

Faber, ihr seid letztes Jahr mit dem Zug von Konzert zu Konzert gereist. Habt ihr das bei dieser Tour auch gemacht?

Ne, leider nicht. Wir sind mittlerweile mehr, fünf Musiker und zwei Techniker. Das funktioniert mit dem Zug und dem Material nicht mehr. Aber wir waren ein Jahr auf Tour und haben etwa 150 Konzerte nur mit der Bahn gemacht. War schon lustig.

Das ist Faber

Eins kann man Faber sicher nicht vorwerfen: dass er nicht mutig genug sei. Sonst hätte der Schweizer mit den italienischen Wurzeln nicht einfach vor Sophie Hungers Tür gestanden und ihr etwas vorgespielt. Bis dahin hatte Faber als Restaurant-Sänger italienische Liebeslieder gesungen. Der Jazz-Folk-Musikerin gefiel, was sie hörte, und prompt nahm sie Faber 2015 mit auf Tour.

Seine mit Crowdfunding finanzierte EP „Alles Gute“ erschien kurz darauf. Nun hat er sein erstes Album „Sei ein Faber im Wind“ veröffentlicht.

Da ist ja die naheliegende Frage: Seid ihr mal zu spät gekommen?

Schon ziemlich oft. Vielleicht jedes Konzert (lacht). Die Deutsche Bahn ist wirklich seltsam, das ist so undeutsch: Die kommen immer zu spät, sind trotzdem sehr teuer und ich finde, die könnten wenigstens lustig sein. Aber das sind sie auch nicht. Die sind irgendwie voll nix.

Deine ersten Konzerte hast du als Zürcher auch in der Schweiz gespielt. Was ist da anders als in Deutschland?

Das deutsche Publikum ist viel offener und enthusiastischer. In der Schweiz ist man da eher skeptisch der ganzen Sache gegenüber. Die Schweizer sind sowieso immer sehr skeptisch gegenüber anderen Schweizern. Es kommt sehr selten vor, dass nach dem Konzert Leute Fotos machen wollen. In Deutschland ist das sehr normal. Ich finde auch, dass die Musikszene in der Schweiz nicht mutig genug ist. Man hat immer so einen riesigen Respekt vor der deutschen Szene. Es ist nicht so, dass in der Schweiz alle mega schlecht sind und in Deutschland alle mega krass.

Freitag kommt endlich dein erstes Album „Sei ein Faber im Wind“ raus. Deine Musik klingt nach einer brachialen Mischung aus Folk und Punk. Wie würdest du sie selber beschreiben?

Live ist es auf jeden Fall die lauteste Musik, die man mit akustischen Instrumenten machen kann. Als wir noch zu zweit waren, haben uns immer alle so angeguckt: „Ah nett, der macht ein bisschen was mit der Posaune und der singt. Voll super schön.“ Da haben wir immer gesagt: „Ey, wir machen natürlich Punkmusik!“

Wurde euch denn schon einmal gesagt „Ihr seid zu laut, könnt ihr bitte gehen“?

Gerade letztens ist eine Beschwerde eingereicht worden, weil wir backstage zu laut waren. Manchmal sind wir schon laut, wir haben neuerdings ein Megafon. Das hat wohl jemanden genervt. Aber die, die sich beschwert haben, waren eine harte Rockband und Rapper, so coole Sachen halt. Dass die sich beschweren, war schon ziemlich süß.

Am 24. Oktober spielt Faber im Musikzentrum, Emil-Meyer Straße 26. Los geht’s um 20 Uhr. Die Tickets kosten im Vorverkauf 22,70 Euro.

Du singst Wörter wie „ficken“ oder „blasen“. Das kommt doch aus dem Hip-Hop – nicht von Singer-Songwritern.

Ich hätte jetzt eher gedacht, dass auch ganz viele andere Singer-Songwriter in die Richtung gehen, dass das nicht so auffällt, aber offenbar nicht. Ich bin selbst auch sehr erstaunt, wie sehr das für Aufsehen gesorgt hat.

Deutschsprachige Singer-Songwriter-Lieder werden hier von Max Giesinger gesungen. Da ist deine Musik schon sehr viel drastischer.

Ich will nicht die Antithese zu all dem sein. Ich kenne das gar nicht. Also, natürlich kennt man die Namen in der Schweiz, aber es ist auch nicht so, dass man nicht dran vorbeikommt. Ich kenne die entweder von Journalisten oder von Jan Böhmermann (lacht). „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ kann ich jetzt auswendig.

Passiert es dir, dass Songs falsch verstanden werden?

Schon. Es ist ja auch nicht immer so klar ersichtlich, was ernst gemeint ist und was mit Augenzwinkern. Ich finde es aber schlimm bei Songs wie „Wer nicht schwimmen kann, der taucht“, wenn das jemand nicht checkt. Ich wollte das in einer Fernsehshow spielen, da meinten die: „Das geht nicht, weil unsere Zuschauer das nicht checken. Die denken dann, du seist ein Nazi.“ Da dachte ich auch: „Was habt ihr denn für Zuschauer?“

„Wer nicht schwimmen kann, der taucht“ ist ein sehr politischer Song. Darin kritisierst du die europäische Doppelmoral in der Flüchtlingskrise. Bis du privat auch so politisch?

Ich bin nicht in einer Partei, aber ich möchte mich jetzt gern engagieren. Politisch war ich glaub ich schon immer. Ich denke, das Wichtigste, was wir in den nächsten Jahren zu tun haben, ist, ein bisschen toleranter und solidarischer miteinander zu sein. So naiv das auch klingt. Und wir brauchen ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden. Ich möchte gern jedem Politiker sagen, der sagt „Ausländer raus, weil die uns die Arbeit wegnehmen“, wie verantwortungslos das ist, weil a) das nicht stimmt und b) es einfach nur die Unterschiede und Feindseligkeiten von den Leuten schürt.

Ich bin – wie du – 24 Jahre alt. Findest du, dass unsere Generation zu unpolitisch ist?

Ich weiß, dass uns das oft vorgeworfen wird, aber ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass andere Generationen viel politischer waren als wir. In der Schweiz war das die Achtziger-Bewegung. Aber wenn ich sehe, was draus geworden ist, dann waren die auch nicht richtig überzeugt, das war einfach eine Mode. Ich glaube, unsere Generation ist ein bisschen ohnmächtig, weil man nicht mal richtig weiß, wem man was glauben kann.

Im Oktober kommst du für ein Konzert nach Hannover. Warst du eigentlich schon mal da?

Ja, mehrmals sogar. Ich war etwa 2000-mal am Bahnhof, weil man da irgendwie immer umsteigen muss. Wir haben einmal im Lux und im Capitol gespielt. Und dann war ich einmal baden am Hitlersee (Maschsee, Anm. d. Red.). Ich habe nicht so viele Parallelen gesehen zwischen Hitler und dem See, aber seit ich weiß, dass der den ausgraben ließ, checke ich das natürlich.

Interview: Kira von der Brelie

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Wuschelhaare, Fluppe im Mund und Max Frisch im Kopf – Julian Pollina alias Faber gleicht einem intellektuellen Klischee. Lieder wie „Bleib dir nicht treu“ klingen bei ihm nicht nach naiven Lebe-dein-Leben-Postkartensprüchen, sondern nach produktivem Exzess, ohne den die derb-poetischen Texte sicher nicht so derb-poetisch wären. Heute hat der 24-Jährige mit der Stimme eines kettenrauchenden Uropas seinen ersten Longplayer „Sei ein Faber im Wind“ veröffentlicht. Bereits auf seinen beiden EPs hat Faber bewiesen, dass er die Mischung aus brachialer Eindringlichkeit, tiefer Euphorie und Geschichtenerzählen beherrscht. Seine kratzige Stimme bringt jedes Lied zum Poltern: rumpelnd-euphorisch in „Bratislava“, berührend-ernsthaft in „In Paris brennen Autos (und in Zürich mein Kamin)“. Immer mit der leidenschaftlichen Hingabe, die jedem Lied pure Intensität verleiht.

Es geht um alles und nichts. Wenn Faber fast zynisch über europäische Doppelmoral singt („Wer nicht schwimmen kann, der taucht“), verliert man sich auch mal im Sog der Geschichten. Hier tapsen Klaviertöne, da fidelt eine Geige, fast immer dominiert die Posaune. Der Zürcher vereint Balkanmusik mit weichem Folk und Punkattitüde. So laut das eben geht als Akustik-Band. Mal mit kritischem Pathos, mal als heiteres Sauflied – immer zwischen Kant und Kneipe.
Diese Ambivalenz macht ihn so spannend: Faber singt „Kann ich bitte deine Titts sehn?“ genauso wie „Die einen ertrinken im Überfluss, die anderen im Meer“. Seine Texte gehen so ans Ganze, dass sie fast wehtun. Bei seinen Landsleuten stößt Faber mit seinen hochdeutschen Texten noch auf keine großen Sympathien, in Deutschland könnte er nach Wanda das nächste große Ding werden.

Kira von der Brelie

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