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Weil ich kein Mädchen bin

Transsexualität Weil ich kein Mädchen bin

Seit Sonntag sind auf dem Queer-Festival „Perlen“ Filme über Homo-, Bi- und Transsexualität zu sehen. 
Doch was bedeutet es eigentlich, im falschen Körper geboren zu sein? ZiSH hat mit einem Transsexuellen gesprochen.

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Endlich im richtigen Körper: Yascha (24) fühlte sich als Mädchen nicht wohl. Heute lebt er als Mann.

Quelle: Küstner

Hannover. Nina* fühlt sich unwohl. Sie liegt in ihrem Bikini am See. Doch das Unwohlsein hat nichts mit einem Bäuchlein oder zu dicken Oberschenkeln zu tun. Vor allem ihre Brüste mag Nina nicht zeigen. Hier kann sie die aber nicht wie sonst unter weiten Pullis verstecken. Denn Nina ist transsexuell – sie wurde als biologisches Mädchen geboren, fühlt sich aber als Mann.

Die Szene am See ist jetzt zwei Jahre her. Nina heißt mittlerweile Yascha. Der 24-Jährige arbeitet in Hannover als Krankenpfleger. Auf der Arbeit erkennt niemand mehr, dass er früher ein Mädchen war. Mit 22 Jahren hat Yascha das erste Mal das männliche Hormon Testosteron gespritzt bekommen. Sein Gesicht ist seitdem kantiger, seine Stimme männlicher. „Ich muss sie heute nicht mehr künstlich tief stellen“, sagt Yascha.

Er sitzt im Schneidersitz auf seinem Sofa. Die Enden seiner Jeans hat er umgeschlagen. Für die Männerhosen ist Yascha mit seinen 1,67 Metern ein bisschen zu klein. „Ich habe meine Klamotten schon immer in der Männerabteilung gekauft. Seit der OP fallen sie aber viel besser“. Seit einem Jahr hat Yascha einen männlichen Oberkörper. Seine Brüste hat er sich abnehmen lassen. Auch die Eierstöcke wurden ihm operativ entfernt. Für ihn bedeutet das aber mehr, als nur die körperlichen Merkmale einer Frau loszuwerden. Er fühle sich jetzt viel freier. Vor allem muss er keine Angst mehr haben, als Frau erkannt zu werden. Auch, wenn er noch keinen Penis hat.

Ein typisches Mädchen war Yascha noch nie. „Schon im Kindergartenalter musste meine Mutter die Schleifen von den Unterhöschen abschneiden, sonst hätte ich sie nie angezogen“. Puppen und Glitzerpferde, die er von seinen Verwandten zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, landeten originalverpackt in der Schublade. Yascha spielte lieber mit den Autos des großen Bruders, trug die Haare kurz und Jungsklamotten.

Damals war Yascha aber noch nicht bewusst, dass er transsexuell ist. „Ich habe zwar nie wie ein Mädchen sein wollen, aber so richtig gemerkt, was mit mir los ist, habe ich nicht“, sagt er. Rückblickend erscheint ihm heute vieles klarer. Als Leiter einer Jugendgruppe für Transsexuelle hilft er bei dieser Orientierungslosigkeit weiter. Denn Yascha weiß, die Phase im Alter von 15 bis 17 Jahren ist besonders schwer. Mit der Orientierungslosigkeit konnte Yascha selbst kaum umgehen. Er hing mit Jungs rum, weil er sich mit gleichaltrigen Mädchen nicht identifizieren konnte: „Schminktipps und der ganze andere Mädchenkram haben mich überhaupt nicht interessiert“, sagt er. Trotzdem mochte Yascha Mädchen – so, wie seine Kumpels es taten: Denn nicht der coole Fußballer aus der Oberstufe zog ihn an, sondern das Mädchen aus der Parallelklasse fand er süß. „Nur lesbisch war ich aber auch nicht“, sagt er. Seine erste Freundin lernt er im Chatportal „Knuddels“ kennen. Vor ihr kann er seine Weiblichkeit komplett verstecken. Er gibt sich als Junge aus – kleidete sich so, saß breitbeinig am Tisch und klebte seine Brüste mit Klebeband ab. Sexualität spielte in der Beziehung noch keine Rolle.

Mit 16 fing Yascha an, sich zu ritzen. Mit dem Gefühlschaos und der Orientierungslosigkeit kam er nicht zurecht. Erst das Outing eines Bekannten vor sechs Jahren machte ihm klar, dass auch er transsexuell ist. Die Beschreibungen im Internet, die er sich durchlas, passten. „Das war befreiend. Ich wusste endlich, was mit mir los ist“, sagt der 24-Jährige. Geheim halten wollte er das nun nicht mehr. Seine Eltern waren zwar erst einmal schockiert. „Aber sie haben es sofort akzeptiert und mich unterstützt.“ Auch seine Freundin Sandra half ihm bei den wichtigen Schritten zum Mann-Werden. Sie begleitete ihn zu seinen Therapiestunden. Denn die Weltgesundheitsorganisation stuft Transsexualität als Krankheit ein. Ein Therapeut muss die Diagnose stellen, damit die Krankenkasse die Kosten für eine Hormontherapie und die Operationen übernimmt. Dafür musste Yascha ein Jahr als Mann leben – und sich vor allen outen. Seinen Freunden schickte er bei Facebook eine lange Nachricht. Die Reaktionen waren positiv. Niemand verurteilte ihn oder wandte sich von ihm ab. Seine Klassenkameraden an der Berufsschule fanden sein Outing mutig. Die Lehrerin änderte den Namen in der Klassenliste sofort.

Mittlerweile stellt Yascha sich überall als Mann vor. Infrage stellt das niemand. In seinem Gesicht sind die ersten Anzeichen eines Bartes zu erkennen, seine Arme sind muskulöser und seine Stimme verrät ihn auch nicht mehr. Auch in seinem Ausweis steht nicht mehr Nina, sondern Yascha. Den Namen hat er sich ausgesucht, wie es ganz viele Eltern vor der Geburt tun – auf Internetseiten mit aufgelisteten „Babynamen“. Yascha hat ihm gut gefallen. Auf türkisch heißt das Leben.

Sarah Schuhmacher und Sina Sommerfeld

*Name von der Redaktion geändert.

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