Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
ZiSH „Hip-Hop muss rebellisch sein“
Hannover ZiSH „Hip-Hop muss rebellisch sein“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:41 02.12.2013
Quelle: Murat Aslan

Sido, beim ersten Hören klingt dein neues Album „30-11-80“ sehr viel nachdenklicher und ernsthafter, als man es von dir gewohnt ist.

Das war auf jeden Fall genau so gewollt. Ich habe früher zwar auch schon nachgedacht, aber das wäre mir keinen Song wert gewesen.

Wie wichtig war es dir, deinem Publikum klarzumachen, dass Sido jetzt erwachsen ist?

Das merkt man schon am Titel. „30-11-80“ spielt auf mein Geburtsdatum an und soll den Leuten klarmachen, wie meine Musik jetzt klingt. Nämlich nicht mehr wie von einem 20-jährigen rebellischen Jungen, der nur provozieren möchte, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Textlich ist meine Musik längst nicht mehr so plump, sondern viel reflektierter. Auch wenn ich schon immer so war.

Heißt das, das früher war alles nur Image?

Auf keinen Fall. Früher war ich neidisch auf Leute, denen es besser ging als mir. Daraus resultierte der ganze Hass, der sich in meiner Musik widergespiegelt hat. Mittlerweile spüre ich diesen Hass und diesen Neid nicht mehr. Es wäre doch auch extrem schade, wenn ich heute immer noch den gleichen Kopf hätte wie ein 20-Jähriger. Der Welt zu zeigen, dass sie scheiße ist, das kann man auch auf andere Art und Weise.

Du kannst dich also durchaus noch mit deinen Songs von früher identifizieren?

Ja. Songs wie „Schlechtes Vorbild“ spiele ich auch immer noch auf meinen Konzerten.

Obwohl du heute eher das gute Vorbild bist?

Nein, so sehe ich das nicht. Das wäre so ein typisches Vatergequatsche. Zu mir gehört schließlich mein ganzes Leben. Ich habe zum Beispiel Freundinnen, die zu mir kommen und mich bitten, mit ihrem Sohn zu reden, weil der gerade voll ausflippt. Dann setzte ich mich mit dem hin und rede ein bisschen und nach drei Wochen bekomme ich einen Anruf, der sei wie ausgewechselt. Klar haben sein Lehrer, seine Eltern oder sein Sozialarbeiter das auch schon versucht. Aber das geht dann hier rein und da wieder raus. Wenn aber einer kommt, der das Gleiche durchgemacht hat, dann schindet das ganz schön Eindruck.

Wie politisch korrekt darf Hip-Hop sein?

Hip-Hop muss nicht politisch korrekt sein. Junger Hip-Hop zum Beispiel muss rebellisch und frech sein. Natürlich gibt es auch Grenzen, aber die sind sehr weit gesteckt. Ich würde zum Beispiel niemals einen rechtsradikalen Song hören. Und ich würde auch niemals pädophiles Zeug hören.

Und frauenfeindliche Texte?

Als wenn die Rapper, die schlecht über Frauen reden, deshalb alle Frauen hassen würden. Das wäre ja Quatsch. Damit sind meistens doch ganz bestimmte Frauen gemeint. Wenn ich beispielsweise mal etwas Abfälliges über Frauen gesagt habe, dann resultierte das aus meiner Erfahrung mit bestimmten Frauen, Groupies und so. Hip-Hop sollte sich nicht an moralische Grenzen halten. Allerdings müssen die Songs gut und intelligent gemacht sein. Diese plumpen Sachen sind mittlerweile langweilig. Diese Leuten, die immer noch meinen, ein Song funktioniert nur dann gut, wenn sie einfach nur diesen oder jenen dissen, die machen das doch nur noch, weil sie denken, das macht sie am Ende reich.

Der Song „Enrico“ handelt von einem Sinti aus Marzahn. Wie viel von deiner Biografie steckt in dem Song?

Ziemlich viel. Denn auch ich bin Sinti und komme aus einer Hochhausgegend, wenn auch nicht aus Marzahn. Enrico träumt davon, mit seiner Musik irgendwann berühmt zu werden und dem tristen Leben zu entfliehen. Bis dahin ist es meine Geschichte. Allerdings bin ich nicht in solchen Umständen aufgewachsen wie Enrico, der dir in Berlin überall begegnet, der dir an der Kreuzung die Windschutzscheibe putzt. Doch weil Enrico ganz fest an sich und seine Zukunft glaubt, ist er trotzdem komplett fröhlich. So war ich auch. Ich habe in den Spiegel geguckt und wusste genau, wo ich einmal stehen werde.

Hat der Erfolg dich verändert?

Ich glaube nicht. Natürlich sind Dinge heute anders, ich werde rumchauffiert und so. Aber das macht man auch aus Zwang, weil man sonst keine Ruhe hätte. Ansonsten bin ich der geblieben, der ich immer war.

Auf deinem neuen Album überrascht, dass es nicht nur eine andere textliche Qualität hat, sondern auch, dass du mit Künstlern wie Helge Schneider oder Marius Müller Westernhagen zusammengearbeitet hast. Wie kam das zustande?

Mit Helge Schneider wollte ich schon immer mal ein Lied machen. Aber ich hatte Angst, dass der einfach nur sagt, „Wer bist du denn? Verpiss dich!“. Als wir auf Santorini in Griechenland waren, um am Album zu arbeiten, habe ich Helge Schneider endlich angerufen und gefragt, ob er sich das vorstellen kann. Zwei Tage später war er da. Es waren 40 Grad, und Helge kam in langer Cordhose, Cordsakko, nur ein Saxofon in der Hand. Er hatte nicht einmal einen Koffer dabei, obwohl er für drei Tage eingeplant war. Es war einfach Helge Schneider, wie er leibt und lebt.

Mit dem Song „30-11-80“ hast du für die erste große Familienzusammenführung im Hip-Hop gesorgt. 18 verschiedene Rapper treten auf. Waren alle bereit, vorbehaltlos mitzumachen?

Nein. Haftbefehl habe ich gefragt, aber der wollte nicht dabei sein, weil eben bestimmte Leute mitmachen. Ich hätte dasselbe beispielsweise von Bushido gedacht. Ich habe ihn natürlich höflicherweise gefragt und er hat sofort zugesagt. Ich finde, das ist ein super Statement von ihm. Denn er gehört einfach zur deutschen Hip-Hop-Szene, ob die Leute ihn dabeihaben wollen oder nicht. Er ist ein Teil von uns, und so sollten wir ihn auch behandeln.

Ging es dir bei „30-11-80“ auch darum, alte Fronten und Feindschaften aufzubrechen?

Den Gedanken hatte ich nur bei Moses und Smudo. Denn zwischen den Fantastischen Vier und dem Rödelheim Hartreim Projekt ging es damals ja wirklich heiß her. Mir war es wichtig zu zeigen, dass es darum aber schon lange nicht mehr gehen sollte. Vor allem, weil ich früher ja selbst vorne mit dabei war, wenn es darum ging, andere Leute zu dissen. Wir dachten ja wirklich, wir seien die Krassesten.

Du wirst demnächst in dem Kinofilm „Unter Brüdern“ von Christian Alvart mitspielen. Wird die Schauspielerei dein zweites Standbein?

Das soll auf jeden Fall meine Zweitkarriere werden. Denn Musik kann ich, ich kenne jede Formel. Bei diesem Schauspielerding kann ich dagegen noch was lernen. Auch wenn ich offenbar ein Grundtalent habe. Seit meinem ersten Film „Blutzbrüdaz“ bekomme ich massenhaft Drehbücher geschickt. In „Frau Ella“ hätte ich zum Beispiel die Rolle von August Diehl haben können. Doch dann hat der Verleih gesagt, dass man mit dem Namen Sido keine Promotion machen könne. Ich hätte das nicht so gesehen.

Interview: Nora Lysk

Unter Freunden

Sido ist nicht mehr der Bürgerschreck, als der er einst für Wirbel sorgte. Vor Kurzem streckte er einen missliebigen Kritiker nieder, doch im Grunde ist er ein Medienmensch geworden. Ein Geschäftsmann, der die Totenkopfmaske, die ihn bekannt machte, lange abgelegt hat und nun in TV-Shows und als Juror in Castingshows sitzt.

Als Paul Würdig wuchs Sido in einer Berliner Hochhaussiedlung im Märkischen Viertel auf, schaffte 2003 mit seinen rüpeligen Texten den Sprung zum Untergrund-Hip-Hop-Label Aggro und mit „Mein Block“ den Durchbruch. Sein Debütalbum „Maske“ wurde indiziert. Und doch wirkte Sido cleverer als Berliner Kollegen wie Bushido oder Fler.

Der zweifache Vater veröffentlicht mit „30-11-80“ (Universal) heute sein fünftes Studioalbum. Es ist das musikalische Abbild eines älter gewordenen Rappers, der Musik zum Broterwerb nicht mehr braucht. Dennoch rappt er. Und das mit gehaltvolleren Texten („Enrico“ und „Papa, was machst du da?“).

Das Gepose kann er aber nicht ganz lassen. Mit den Maskenträgern Marsimoto und Genetikk liefert er in „Maskerade“ einen Battle-Track. Für den Song „30-11-80“ scharte Sido Freunde und Feinde um sich (von Smudo bis Eko Fresh und Bu­shido), die zehn Minuten lang auf einen mäßigen Beat rappen. Dass Helge Schneider („Arbeit“) und Marius Müller-Westernhagen („Grenzenlos“) mitsingen, garantiert Sido Schlagzeilen, diesmal sogar ohne Machogehabe.

Eines wird sich allerdings nie ändern, trotz des Erwachsenwerdens: Technisch ist Sido kein Großer. Und musikalisch macht er keine Sprünge.

 Felix Klabe

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Wer den Erinnerungen an die Festival-Saison 2013 noch ein bisschen nachhängen will, kann sich am Sonnabend mit gleich vier Bands beim „I Think I Spider“-Festival im Lux an chaotisches Campen und angebrannte Grillwürstchen erinnern. ZiSH präsentiert das Konzert – und verlost Karten.

28.11.2013
ZiSH Hannover und der Rest der Welt - Das geht unter der Woche

Tom Lüneburger macht melancholischen Singer/Songwriter-Pop mit nachdenklichen Texten. Am Mittwoch spielt er ein Konzert im Lux. Außerdem: Der erste Veggie-Slam von "Macht Worte!" und Azubi-Tag im Einrichtungshaus Ikea.

26.11.2013
ZiSH Mangelware Masterplatz - Wir müssen draußen bleiben!

Masterplätze sind in Deutschland Mangelware. Wer sein Studium 
abschließen möchte, braucht manchmal starke Nerven. 
ZiSH hat mit Studenten über ihr Master-Desaster 
gesprochen.

25.11.2013