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ZiSH Herrn Meyer gefällt dein Foto!
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12:40 13.11.2015
Quelle: dpa

„Freizeit lieber ohne Lehrer“ - sagt die Schülerin

Statt Badminton im Sportunterricht zu spielen, lag ich mit einer Erkältung im Bett. „Na, da hätten Sie mir doch vorab eine Whats­app-Nachricht schicken können, um sich vom Unterricht abzumelden“, monierte mein Sportlehrer, als ich ihn um eine Unterschrift auf meinem Entschuldigungszettel bat. Bei 
Whatsapp – wie jetzt? Ich bin irritiert.

Seit ein paar Monaten bin ich keine Schülerin mehr. Doch was mein Sportlehrer von mir erwartete, finde ich noch immer schräg. Ich will meinen Lehrern nicht bei Whatsapp schreiben. Mein Status und ob ich letzte Nacht noch um 1 Uhr online war – das geht sie nichts an. So entging ich auch dem Spruch, dass ich mal früher ins Bett gehen sollte, wenn ich zu spät zum Unterricht kam.

Nur Menschen, mit denen ich in meiner Freizeit telefonieren und schreiben will, haben meine Handynummer – Lehrer nicht. Wenn abends mein Handy vibrierte, weil ein Lehrer in der Kurs-Facebook-Gruppe darum bat, dass noch jemand Handouts ausdruckt, oder er das ganze Unterrichtsmaterial hochlud, nervte mich das. Noch unangenehmer wurde es, wenn er uns am nächsten Tag darauf ansprach, dass niemand reagiert hatte. Schließlich zeigt Facebook an, dass jemand seinen Post gelesen hatte.

Oft hatten wir zwei Facebook-Gruppen für einen Kurs: Eine mit und eine ohne Lehrer. In den Gruppen ohne Lehrer wurde auch über andere Fächer geredet, der Umgangston war lockerer, und manchmal lästerten wir auch. Blöd nur, wenn jemand die Gruppen vertauschte. Nachdem eine Schülerin versehentlich in der gemeinsamen Facebook-Gruppe über die Lehrerin herzog, war das Klima im Klassenraum angespannt: kaum ein Lächeln und viele Hausaufgaben.

Facebook-Gruppen finde ich okay. Wenn ein Lehrer jedoch anfängt, Posts seiner Schüler zu kommentieren oder ihre Fotos zu liken, geht das zu weit. Denn damit mischt er sich in das Privatleben seiner Schüler ein. Wenn ich aus der Schule nach Hause gekommen bin, begann meine Freizeit. Beim Treffen mit Freunden hatte ich keine Lust, auf das ständige Vibrieren meines Handys zu reagieren, wenn mein Lehrer bei Facebook eine Antwort erwartete. Die gab ich ihm lieber am nächsten Tag in der Schule. Das ist schließlich viel persönlicher.

Angie Hiller

Whatsapp nervt nicht“ - sagt der Lehrer

Facebook – das ist doch schon wieder out. Mit meinen Oberstufenschülern eines beruflichen Gymnasiums über Whatsapp zu kommunizieren geht viel schneller. Deshalb habe ich mit jeder meiner Klassen eine gemeinsame 
 Whatsapp-Gruppe. Dafür nutze ich kein Zweithandy, wie manch anderer Lehrer. Die Nachrichten erreichen mich unter meiner privaten Handynummer. Anhand der blauen Häkchen kann ich sehen, ob alle Schüler meine Nachricht gelesen haben. Das ist praktisch und niemand kann sich später herausreden. Aus Erfahrung weiß ich, dass Schüler selten in ihr Mailpostfach gucken. Auch Facebook nutzen sie nicht mehr regelmäßig. Gibt es eine kurzfristige Unterrichtsänderung und nicht alle lesen die Facebook-Nachricht – ärgerlich. Wenn Handouts fehlen oder nur ein Teil der Schüler zur vorverlegten Unterrichtsstunde kommt, hält das auf.

Das Handy hat jeder ständig dabei. Trotzdem gibt es keine Probleme mit nervigem Nachrichtenüberfluss. Denn meine Schüler wissen, wann es sinnvoll ist, eine Frage in unsere Gruppe zu stellen – und wann nicht. Ich erhalte auch keine Anrufe zu späten Uhrzeiten, weshalb ich mich durch Whatsapp-Chats mit den Schülern nie gestört fühle.

Darüber hinaus ist es den Schülern möglich, mir eine private Nachricht zu schicken. Das ist vor allem am Wochenende praktisch: Ich bin Trainer einer Taekwondo-Gruppe und viel unterwegs. Natürlich gefällt es mir nicht, wenn Schüler untereinander meine Handynummer weitergeben. Das kann ich allerdings nicht vermeiden und habe mich damit abgefunden. Durch die Gründung eines Kampfsportvereins stehe ich sowieso in der Öffentlichkeit – meine Handynummer findet man bei Google.

Auch andere Dinge sehe ich nicht so eng: Während die Schüler am Wochenende feierten, schnappte sich ein Freund das Handy eines Schülers und schrieb mir – etwas betrunken – eine Nachricht. Gewundert habe ich mich schon. Doch in der Schule entschuldigte sich der Schüler peinlich berührt. So habe ich das Ganze schnell vergessen.

Es gibt allerdings eine Sache, auf die ich großen Wert lege: Ich nehme keine Schüler als Facebook-Freunde auf. Das gilt auch für Ehemalige. Ich bin eine Lehrkraft – kein Kumpel. Das soll auch den Schülern klar sein.

Aufgezeichnet von Angie Hiller

„Lehrer sollten sich ein Dienstsmartphone zulegen“ - sagt der Experte

Moritz Becker (38) arbeitet bei Smiley e. V., das Medienkompetenzen fördern will.

Herr Becker, wie kann eine sinnvolle Zusammenarbeit von Schülern und Lehrern in sozialen Netzwerken aussehen, und was sind konkrete Tipps für beide Seiten?
Egal was man macht, das professionelle Lehrer-Schüler-Verhältnis muss vonseiten des Lehrers aufrechterhalten werden. Bei Facebook ist zum Beispiel wichtig, dass der Lehrer nicht die Profile seine Schüler durchstöbert, wenn er mit ihnen befreundet ist. Für Schüler gilt, dass sie sich eine Liste mit Lehrern anlegen und die Privatsphäreeinstellungen so einrichten, dass der Lehrer nicht alles mitbekommt.

Andererseits haben Lehrer doch auch die Chance, sich dort in ein besseres Licht zu stellen, wenn sie auch etwas aus dem Privatleben mitteilen und nahbarer werden.
Beziehungen zwischen Menschen leben immer davon, dass man auch Privates von sich preisgibt. Dann baut man eine Bindung auf. Schwierig wird es, wenn die Schüler denken, dass man den Lehrer jetzt gut kennt und ihm auch die eigenen Dinge – mehr oder weniger – zur Verfügung stellt, zum Beispiel Sauf- und Bikinibilder. Deswegen: Lieber ein bisschen vorsichtig, als offen.

Wie sollten die Spielregeln aussehen, wenn man mit seiner Klasse beschließt, sich bei Whatsapp oder Facebook zu organisieren?
Der Lehrer sollte seine Teilnahme von sich aus immer nur anbieten. Die Schüler sollten eine Gruppe gründen und wenn sie es sinnvoll finden, den Lehrer nach Absprache mit ins Boot holen. Wenn aber ein Schüler nicht in der Gruppe ist, sollte es die Pflicht des Lehrers sein, diesen genauso zu informieren, sodass dieser keinen Nachteil hat.

Muss man ältere Lehrer für das Thema noch anders sensibilisieren?
Das Alter ist nicht immer entscheidend. Schwierig ist es für die, die im privaten Umfeld kein Whatsapp nutzen. Wenn jemand dann mitbekommt, dass seine Schüler dort beispielsweise 7000 Nachrichten am Tag schreiben, sind die Vorbehalte groß. Mein Tipp wäre, dass Lehrer sich Dienstsmartphones zulegen, was sie ab einer bestimmten Uhrzeit ausschalten und dann auch nicht mehr erreichbar sind.

Wird die Idee mit dem Dienstsmartphone viel umgesetzt?
Aus meiner Sicht zu wenig, weil es umständlich ist. Praktischer ist es, seine Privatnummer herauszugeben. Da wird es jedoch schwierig, wenn man auch am Wochenende von der Klasse angeschrieben wird. Manchmal ist es nicht leicht, das professionell auszublenden.

An einigen Schulen wird komplett auf den Einsatz von sozialen Netzwerken für die Zusammenarbeit verzichtet. Warum? Und ist das noch zeitgemäß?
Man kann sich so natürlich Ärger vom Hals halten. Ob das zeitgemäß ist? Man verbietet in der Schule ja auch kein Papier, damit keine Papierkügelchen mehr geworfen werden, weil es zu wichtig ist. Wenn man die Schüler da abholen will wo sie sind, dann ist das bei Whatsapp. Viele Lehrer erzählen mir auch, dass die Vernetzung den Klassenzusammenhalt stärkt. Deshalb ist es wichtig, auch dort professionell zu arbeiten.

Gibt es auch Unfälle in der Zusammenarbeit?
In einer Gruppe haben Schüler gut 700 Nachrichten pro Tag geschrieben, mit vielen belanglosen Nachrichten. Der Lehrer hat nicht alle gelesen und die Gruppe für Organisatorisches benutzt. Irgendwann hat ein Schüler dann rassistische Witze in die Gruppe geschrieben, die der Lehrer nicht gelesen hat, obwohl er online war. Die Schüler dachten allerdings, er hätte es gesehen, würde aber nichts dazu sagen. Darauf ist ein Schüler zu seinen Eltern gegangen. Am nächsten Tag war natürlich Alarm in der Schule, denn der Lehrer gebe den Schülern so das Gefühl, dass solche Witze in Ordnung wären. Der Lehrer hatte dann ein Problem.

Ist man als Lehrer dann wirklich in der Pflicht, in einer Gruppe mit so vielen Nachrichten alles zu lesen?
Ja. Deshalb ich finde es besser, wenn es in Klassen zwei Gruppen gibt: Eine mit Lehrer, die streng moderiert wird mit wenigen Nachrichten pro Tag. Und eine ohne Lehrer. Es ist wichtig für die Schüler zu lernen, dass Whatsapp ein Raum ist, in dem man vorsichtig ist. Wie im Flur vor dem Lehrerzimmer, dahat man keine dummen Witze zu erzählen.

Wenn der Lehrer am Abend noch mal daran erinnert, dass jeder seine Hausaufgaben zu erledigen hat – gilt dann für Schüler noch die Ausrede, sie vergessen zu haben?
Nein. Und das ist auch gut, denn so entsteht eine viel höhere Verbindlichkeit. Auf der anderen Seite muss man sich fragen: Worauf bereiten wir die Schüler vor? Ich habe von Eltern gehört, dass Auszubildende ihre Krankmeldung fotografieren und per Whatsapp an den Betrieb schicken – was aber oft nicht ausreicht. Die Schule ist immer noch in der Pflicht, die klassischen Kommunikationswege zu vermitteln. Und das ist die Kunst: Whatsapp ist für den Alltag. Aber eine Mail mit Betreff und Anrede – das muss Schule auch vermitteln können.

Interview: Manuel Behrens

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