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ZiSH Smells like Nirvana
Hannover ZiSH Smells like Nirvana
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10:35 20.09.2011
Nirvanas zweites Album Nevermind verkaufte sich rund 30 Millionen Mal. Quelle: Geffen (Universal)

1. „Nevermind“ steht in keinem Lexikon. Das Wort gibt es nicht. Korrekt müsste der Albumtitel „Never mind“ heißen. Oh well, whatever.

2. Das Baby auf dem Cover ist Spencer Elden. Seine Eltern, Freunde des Fotografen, bekamen für die Aufnahmen 150 Dollar. Elden hat im vergangenen Jahr ein Praktikum bei Shepard Fairey gemacht, der die „Hope“-Plakate für Obamas Wahlkampf gestaltete. Über die Aufnahmen und seinen berühmten Penis sagte er kürzlich: „Ich fühle mich wie der größte Pornostar der Welt.“ Angeblich hat Elden heute eine Platin-Schallplatte von „Nevermind“ über seinem Bett hängen. Kurt und seine Frau Courtney Love wollten den Jungen zum Essen ausführen, wenn er älter wäre. Kurt erschoss sich, bevor der Junge drei Jahre alt war.

3. Am 24. September 1991, dem Tag der Veröffentlichung von „Nevermind“, war es außergewöhnlich schön im sonst oft nebligen und regnerischen Seattle. Kein Regen, leichter Wind, Nachmittags sogar 25 Grad. Am 5. April 1994, dem Tag des Selbstmords Kurt Cobains, war es bei 10 Grad neblig.

4.Kurt smells like Teen Spirit“ – Kathleen Hanna, Punk-Sängerin der Band Bikini Kills und eine gute Bekannte von Kurt Cobain und seiner damaligen Freundin Tobi Vail, hatte dem Paar ein kleines Graffito über dem Bett hinterlassen: Nirvanas Sänger mit dem Karohemd und den strähnigen Haaren rieche nach „Teen Spirit“, dem Deodorant seiner Freundin. Den vermeintlichen Wink mit dem Zaunpfahl interpretierte Cobain als einen passenden Namen für einen neuen Song: „Smells Like Teen Spirit“. Mit „Nevermind“ landet die ungewollte Werbung für ein Rolldeo weltweit in den Charts. Ein penetranter, künstlicher Duft nach Rosen, viel zu süßen Erdbeeren und etwas Alkohol, – so riecht „Teen Spirit“. Mit der Chartplatzierung gelangte das Deo der Firma „Lady Speed Stick“ in die Badezimmer der weiblichen Fans – und wurde zum Verkaufsschlager des Kosmetikunternehmens. Mit Duftmischungen wie „Baby Powder Soft“ oder „Caribbean Cool“ wollten die Teenager Tobi Vail nacheifern, die Cobain nahe stand – und „Teen Spirit“ getragen haben soll. Mit Nirvanas Ende ist auch die Beliebtheit des Antitranspirants gesunken. „Teen Spirit“ gilt heute als die Marke der nervigen kleinen Schwestern, die Glitzer mögen und eigentlich noch kein Deo bräuchten. Eine Phase, die vorbeigeht.

5. „Smells Like Teen Spirit“ wurde in F-Moll komponiert.

6. Produzent Butch Vig wurde von mehreren Bands gebeten, ihr Schlagzeug so klingen zu lassen wie das bei den „Nevermind“-Aufnahmen im Sound-City-Studio. Seine Antwort: „Der einzige Weg, das so klingen zu lassen: Lasst Dave Grohl Schlagzeug spielen im Sound-City-Studio!“ Dave Grohls Snare Drum wurde „The Terminator“ genannt. Sein Drum-Kit war ein Tama Grandstar aus den Achtzigern.

7. Covern – Fluch und Segen: Einer, der sich schon zu Cobains Lebzeiten getraut hat, ist „Weird Al“ Yankovic. Mit „Smells Like Nirvana“ parodierte der amerikanische Singer-Songwriter 1992 Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“. Yankovic, der vorab die Erlaubnis der Band eingeholt hatte, amüsierte sich in seinem Song über Cobains häufig unverständliche Texte: „What is this song all about/ Can’t figure any lyrics out“, heißt es in der Parodie. Später freute sich Nirvana mit „Weird Al“ Yankovic über eine Chartplatzierung in den USA und Australien. Siebzehn Jahre nach Cobains Tod covert Pop-Sängerin Miley Cyrus „Smells Like Teen Spirit“ für ihre aktuelle „Gypsy Heart Tour“. Mit Veröffentlichung des Songs sank die Popularität des Teenie-Stars. Für die Leser der US-Musikzeitschrift „Rolling Stone“ war Mileys Versuch sogar das „Worst Cover Ever“.

8. Etwa hundert Grunge-Fans waren am 9. November 1989 ins Musiktheater Bad in Herrenhausen gekommen, um, während in Berlin die Mauer fiel, eine Newcomer-Band aus Seattle auf der Bühne zu sehen. Es sollte das einzige Konzert bleiben, das Nirvana in Hannover jemals geben sollte. In diesem Jahr waren Kurt Cobain, Krist Novoselic und der damalige Drummer, Chad Channing, auf eine erste Europatour gegangen, um ihr Debütalbum „Bleach“ vorzustellen. Der Gig im Bad dauerte knapp fünfzig Minuten. An sechster Stelle auf Nirvanas Setlist für das Konzert in Hannover stand „Polly“. Der von Kurt Cobain geschriebene Akustiksong hatte es nicht aufs Debütalbum geschafft. Cobain war der Meinung, das Stück passe nicht in das Klangkonzept des Albums: laute E-Gitarren. Zwei Jahre später findet sich „Polly“ auf „Nevermind“ wieder. Bis zu Cobains Tod wurde der Song auf fast allen Nirvana-Konzerten gespielt.

9. Als Genre entstand Grunge Mitte der Achtzigerjahre in Seattle. Bands wie Soundgarden und Alice in Chains hatten als erste die Mischung aus Heavy Metal und Punkrock für sich entdeckt und damit eine neue Musikrichtung geprägt. In einem Interview mit dem „Metal Hammer“ hat Kurt Cobain im Dezember 1991 die Entstehung des Nirvana-Sounds folgendermaßen erklärt: „Ich war ein großer Punkrock-Fan, aber eins hat mich immer gestört: Dass viele Punks einfach verleugneten, dass Siebziger-Hardrock auch nur erwas taugt. [...] Ich habe mich dann irgendwann entschieden, den Versuch zu starten, diese beiden Dinge zusammenzuschmieden, und allen Meckerern zu sagen: ,Fuck Off!'“ Das kleine Independet-Label „Sub Pop“ hat die Musik als „Seattle Sound“ vermarktet. Schnell wurden die großen Musiklabels auf die Bands aufmerksam.

10. Nirvana spielten bei einer Release-Party zu „Nevermind“ am 16. September 1991 im Plattenladen Beehive Records in der Nähe der Universität Seattle. Der Eintritt war frei, Besucher berichteten, dass „unglaublich viel Inventar“ kaputtging. Doch es ist nur ein Gerücht, dass die Band rausgeschmissen wurde, weil sie eine Essenschlacht begonnen hatte.

11. Die Gitarre, die zu den Aufnahmen von „Polly“ und „Something In The Way“ benutzt wurde, hatte nur fünf Saiten.

12. Der Affe auf der Rückseite des Covers von „Nevermind“ heißt Chim Chim. Das Foto beziehungsweise die Collage hat Kurt Cobain gestaltet. Der echte Chim Chim ist der Held des Cartoons „Speed Racer“. Über dem Affen ist ein kleines Bild der Rockband Kiss abgebildet. Nirvana hatte ein Jahr zuvor den Kiss-Song „Do You Love Me?“ für deren Tribute-Album „Hard to Believe“ gecovert.

13. Nirvana spielte die „Nevermind“-Single „Smells Like Teen Spirit“ das erste Mal live am 17. April 1991 im OK Hotel in Seattle. Das Hotel wurde bei einem Erdbeben 2001 schwer beschädigt. Heute gibt es dort Wohnungen und Ateliers.

14. Der mobwringende Hausmeister im Video zu „Smells Like Teen Spirit“, Rudy Larosa, war der Hausmeister im Apartmentgebäude von Videoregisseur Samuel Bayer. Angeblich bekam er vom vielen Rauch auf der Bühne einen Asthmaanfall. Larosa spielte seine Rolle erneut bei „Weird Al“ Yankovics Coverversion „Smells Like Nirvana“, über die Kurt Cobain sagte: „I laughed my butt off.“

15. Nevermind „ist einfach nur göttlich“, schrieb Robert Müller vom „Metal Hammer“ im November 1991. Alle Songs des neuen Albums seien voll von Grunge-Tugenden, die sich „in unübertroffener Reinheit auf dieser Platte“ wiederfänden. Auch „Musikexpress“-Autorin Martina Wimmer drückt in schwärmenden Adjektiven ihre Hochachtung vor dem neuen Album aus. In ihrer Rezension schrieb sie von „hitverdächtigen Harmonien“, „hinreißende Melodien“ und einem „überzeugenden Ergebnis“. Etwas zurückhaltender äußerte sich Ira Robbins in der US-amerikanischen Ausgabe des „Rolling Stone“: „Immer häufiger stürzen ambitionierte Bands, die edelmütig an ihren Prinzipien festhalten, in die Tiefen des kommerziellen Misserfolgs. Anstand ist eine schwere Bürde, für jene, die die Charts hinaufklettern wollen“, schrieb die Autorin, die Nirvana als „rauflustige Garagenband am Scheideweg zum Land der Großen“ bezeichnete. Doch auch sie war am Ende begeistert von dem „dynamischen Mix aus brodelnden Power-Chords, manischer Energie und akustischer Zurückhaltung“, der „Nevermind“ zu einem „adrenalingeladenen Herzen aus Pop mit unvergleichbar erhabenem Material“ mache.

16. Auf „Nevermind“ spielt und singt Kurt Cobain. In seinen Tagebüchern und auch in Briefen schreibt er meist als Kurdt. Manchmal nennt er sich auch Kurdt Kobane. Kurt und seine spätere Frau Courtney haben sich in Hotels oft als Mr and Mrs Simon Ritchie registrieren lassen – dem bürgerlichen Namen von Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious.

17. Fast wäre das Baby auf dem Cover noch jünger gewesen als der damals dreimonatige Spencer Elden. Kurt Cobain wollte ursprünglich das Foto von einer Unterwassergeburt auf das Cover setzen lassen – das war der Plattenfirma dann doch zu explizit. Sie überlegte sogar zwischenzeitlich, den Babypenis mit einem schwarzen Balken zu versehen.

18. Nicht nur die Band, sondern auch ihr neues Label Geffen unterschätzte der Erfolg von „Nevermind“ völlig. In den USA wurden zunächst nur 45 000 Exemplaren gepresst, nach England gelangten gar nur 6000 Alben – viel zu wenig, um die Nachfrage zu befriedigen. „Nevermind“, das in Deutschland bis auf Platz drei der Albencharts kletterte, verkaufte sich bis heute weltweit rund 30 Millionen Mal. Ab Freitag dürften noch ein paar Exemplare dazukommen. Dann erscheint bei Universal die „20th Anniversary“-Neuauflage als Zwei- und Vier-CD-Box-Version mit unveröffentlichten Songs, B-Seiten, Radioauftritten und Livemitschnitten.

19. „Nevermind“ wurde im selben Studio (Sound City, Los Angeles) aufgenommen wie „Rumours“ von Fleetwood Mac. Etwas seichter, aber mit mehr als 40 Millionen verkaufter Tonträger noch erfolgreicher als „Nevermind“.

20. Bassist Krist Novoselic veröffentlichte nach dem Ende von Nirvana kommerziell erfolglose Alben mit seinen Bands Sweet 75, No WTO Combo und Eyes Adrift. Novoselic ist in den USA politisch stark engagiert, besonders in kapitalismuskritischen Organisationen. Schlagzeuger Dave Grohl ließ kurz nach dem Ende von Nirvana das Schlagzeug am hinteren Bühnenrand stehen, schnappte sich Mikro und Gitarre und gründete mit den Foo Fighters eine der erfolgreichsten Rockbands der Gegenwart.

Mitarbeit: Gerd Schild, Alisa Schellenberg, Julia Henke, Joss Doebler, Isabell Korth und Karsten Röhrbein

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