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ZiSH Corey Taylor im Interview: „Der Hass platzt heraus“
Hannover ZiSH Corey Taylor im Interview: „Der Hass platzt heraus“
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14:35 18.05.2018
Spielen am 11. Juni in Hannover: Stone Sour um Frontmann Corey Taylor (Mitte). Quelle: Roadrunner Records
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Hannover

 Im Interview spricht Corey Taylor über Fans, die Probleme der USA und warum Heavy-Metal niemals uncool sein wird. Am 11. Juni spielt er mit Stone Sour in Hannover.

Hallo Mr. Taylor! Egal, auf welches Rockkonzert oder Festival man so geht – überall laufen Fans mit Slipknot-Logos und Stone-Sour-Shirts rum. Auch, wenn ihr gar nicht spielt. Was macht eure Fans so besonders? 

Das ist total cool und erinnert mich an meine eigene Jugend. Damals bin ich mit Black-Sabbath-Shirts rumgelaufen. In jeder Generation gibt es eine Handvoll Bands, die auch nach außen so präsent sind. Und wir sind sehr stolz, mit Slipknot dazuzugehören. Einmal habe ich eins unserer Shirts auf der Titelseite einer Zeitung gesehen. Es ging um Schulabbrecher, die ihren Abschluss nachholen. Und der Junge sah stolz aus, an seinem ersten Schultag unser Shirt zu tragen. Ich dachte: „Wie cool ist das denn?" Da war ich echt glücklich. 

2017 lief der Slipknot-Film „Day of the Gusano“ im Kino. Darin seid ihr auf eurem eigenen Festival in Mexiko zu sehen. In einigen Momenten wirkst du fast überrumpelt und gerührt, weil die Fans so unglaublich glücklich und stolz sind, dass ihr einfach dort seid. Kann einem diese Art der Vergötterung zu Kopf steigen? 

Ich habe in den letzten Jahren meine Dankbarkeit dafür wiederentdeckt. 

Wieso wiederentdeckt? 

Dafür, was ich machen darf und dass die Fans immer dabei sind – egal was passiert. Es gibt viele Bands, die ihre Fans für selbstverständlich halten. Oder als Geldquelle. Wir waren immer eine Band der Fans. Als der Film in den Kinos lief, haben Kids auf ihren Sitzen gemosht, als wären sie auf dem Konzert. Irre. 

Du bist mit deinen Bands viel auf Tour, siehst neue Orte und lernst Menschen aus allen möglichen Ländern kennen, die auf euren Shows einfach gemeinsam eine gute Zeit haben wollen. Wie ist es für dich, danach in die USA und in eine tief gespaltene Gesellschaft zurück in den Alltag zu kommen? 

Hart. Das, was gerade bei uns in Amerika los ist, sind Sachen, die ich vorher nur vom darüber Lesen aus den Sechzigerjahren kannte: Dieser Hass, der scheinbar lange unter der Oberfläche gebrodelt hat, platzt jetzt heraus. Muss man sich mal vorstellen: Als ich Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger gerade ein junger Erwachsener war, hat man von dieser Wut nichts gemerkt. Von diesem Rassismus und politischer Trennung war in diesem Maß auf jeden Fall nichts zu spüren. Hass ist einfach brutal auf dem Vormarsch. 

Kann man dagegen irgendetwas unternehmen? 

Ich habe angefangen, dagegen zu kämpfen und meinen Status als Musiker auszunutzen. Einen Rassenhass wie jetzt gerade habe ich so noch nie erlebt. Und das widerspricht genau dem, wofür wir als Slipknot seit dem ersten Tag stehen: Egal, wo du herkommst, welche Hautfarbe du hast, welche Sprache du sprichst oder wie viel Kohle du hast – ihr gehört alle dazu. Sobald ihr auf unser Konzert kommt, sind diese Unterschiede völlig egal. Darauf kommt's an. 

Glaubst du denn, dass diese Zeit des Hasses auch wieder vorbeigeht? 

Ewig geht das nicht weiter. Dieser Hass hat auch einen Widerstand geweckt. Aber soziale Medien haben es für extreme Menschen auf beiden Seiten wirklich leicht gemacht, ihre Meinungen rauszuhauen. Werte wie Empathie bleiben dabei völlig auf der Strecke. Menschen wie ich, die in der Mitte von alldem stehen, versuchen rauszufinden, wie es soweit kommen konnte: Warum sind in Amerika so viele Menschen bereit, Extremisten zuzuhören, die nur böse Absichten haben. Wenn ich Sachen lese wie „Jeder, der nicht weiß ist, gehört nicht zu Amerika“, denke ich: Willst du mich verarschen? Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Aber ich tue mein Bestes, um dagegen anzukämpfen. 

Politische Missstände haben schon in der Vergangenheit für großen Protest unter Musikern und Künstlern gesorgt. Warum ist die Metal-Szene in dieser Hinsicht so lahm? Ist Metal konservativ oder einfach unpolitisch? 

Viele der inzwischen älteren Bands schreiben keine politischen Songs mehr, das stimmt. Als ich aufgewachsen bin, haben sie das noch getan: Hör dir mal den alten Kram von Metallica, Testament und Megadeath an. Vielleicht wollen die ihre älteren, konservativen Hörer mit ihren Sichtweisen nicht mehr vor den Kopf stoßen. Aber die jüngeren Bands sind heutzutage wieder sehr politisch unterwegs. Das ist super. Und auf dem neuen Slipknot-Album wird es auch politische Songs geben. 

Politische Songs – das habt ihr bisher eher vermieden. Meinung geändert? 

Für mich geht's in meinen Songs um die Dinge, die mich gerade am meisten beschäftigen. Und das sind gerade solche Themen. Grundsätzlich haben wir schon immer über die Dinge gesungen, die Menschen voneinander trennen. 

Die klassischen Jugendkulturen lösen sich immer weiter auf. Neue Generationen an Metal-Kids, die Slipknot, Metallica und Led Zeppelin hören, gibt es immer noch. Wie kommt das? 

Wir geben es weiter, ganz einfach. Unsere Musik ist unabhängig von dem Stand der Technik oder so. Das ist wie bei Geschichten, die mündlich überliefert werden. So als wären es Songs, die schon von unseren Vorfahren gesungen worden sind: Die wurden nie aufgeschrieben, sondern einfach nur durch das Singen weitergegeben. Und so ist es auch bei Heavy Metal, Rock und Punk: Diese Genres können und werden nicht aussterben. Sie brauchen den Mainstream nicht, um weiterzuleben. Man kann sich gerne einreden, dass irgendein grässlicher Autotune-Hip-Hop Mainstream ist und dass Rock nicht mehr cool ist. Ich sag's dann den 50 000 Leuten, die vor unserer Bühne stehen.

Das ist Corey Talyor

 Die meisten Dinge, die Corey Taylor anfängt, funktionieren: Mit Slipknot und Stone Sour ist er als Sänger in zwei äußerst erfolgreichen Metalbands unterwegs und auch drei Romane hat er schon veröffentlicht. Dabei wuchs der heute 44-Jährige nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens auf: Sein Vater tauchte ab, als Corey noch ein Kind war, er brach die Schule ab und lebte längere Zeit als Obdachloser in seiner Heimatstadt Des Moines, Iowa. 1992 gründete er die Band Stone Sour. Fünf Jahre später wurde er Sänger von Slipknot. Mit Stone Sour spielt Corey Taylor am 11. Juni in der Swiss-Life-Hall. Karten gibt es unter haz.li/tickets.

Von Manuel Behrens

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