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ZiSH Warum sich Jugendliche für ihr Aussehen unters Messer legen
Hannover ZiSH Warum sich Jugendliche für ihr Aussehen unters Messer legen
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13:40 27.09.2011
Quelle: Simon Peters
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Emely232 findet sich nicht schön. Und sie will das ändern. „Ich will meine brust vergrössern, eine nasenkorrektur, sowie eine narbenbehandlung vornehmen lassen“, schreibt sie in einem einschlägigen Internetforum. „Da das alles doch ein wenig kostet bin ich nun am überlegen ob ich das im ausland machen lassen soll. wer hat da erfahrungen??“, fragt emely232. Und die Internetgemeinschaft hilft postwendend: mit Adressen von günstigen und angeblich kompetenten Schönheitschirurgen, von Tschechien bis Brasilien.

Nicht nur ältere Menschen lassen sich beim Chirurgen ihre selbst definierten Problemzonen wegschneiden, zurechtformen und glätten. Auch Jugendliche würden immer öfter mit dem Gedanken spielen, sich operieren zu lassen, berichtet etwa Gerd Kuznik, leitender Psychologe der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus auf der Bult. Viele junge Mädchen wollten sich Fett absaugen oder die Nase richten lassen, mancher Jungen überlegte, seine Ohren oder die Nase operativ zu verändern. „Sie denken, der Mensch sei ein Baukasten, den man neu zusammensetzten kann, wie man will“, kritisiert Kuznik, der Jugendliche mit Traumata, Ängsten oder Essstörungen behandelt.

Wie viele Menschen sich jährlich aus rein ästhetischen Gründen operieren lassen, ohne dass es medizinisch notwendig wäre, weiß niemand genau. „Rein juristisch kann in Deutschland jeder Arzt alles tun“, sagt Sven von Saldern, Präsident der Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC). Dass fachfremde Fachärzte eine Schönheitsoperation durchführen, sei „nicht in riesigen Zahlen üblich, aber gar nicht so selten“.

Vor Kurzem hat der Verband 1100 Patienten befragt, die sich einer Schönheits-OP unterzogen haben: Nur 0,1 Prozent waren unter 18 Jahren. Auch andere Gesellschaften und Dachverbände von ästhetischen und plastischen Chirurgen, von Medizinern also, die eine sechsjährigen Facharztausbildung durchlaufen und Kenntnisse in der Chirurgie haben, betonen, dass die Zahl minderjähriger Patienten gering sei.

Doch der Titel Schönheitschirurg ist in Deutschland nicht geschützt, jeder Arzt kann diesen Titel benutzen. Wie hoch die Dunkelziffer der operierten Minderjährigen also tatsächlich ist, weiß niemand. Auch nicht, wie viele Deutsche ins Ausland fahren, um sich dort operieren zu lassen – weil es billiger und rechtlich unproblematischer ist. Kerstin van Ark, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), vermutet, dass diese Zahl steigt. „Das zeigen allein die vielen Anbieter und Foreneinträge im Internet“, sagt sie.

In Deutschland müssen die Erziehungsberechtigten mit der Schönheitsoperation ihres minderjährigen Kindes einverstanden sein. Seriöse Ärzte würden Jugendlichen und Eltern von einer Operation meistens abraten, sagt Regina Wagner, Fachärztin für ästhetische Chirurgie und Vorstandsmitglied der DGÄPC. „Natürlich können Jugendliche gern kommen und sich beraten lassen, ihre Probleme müssen ernst genommen werden“, sagt sie. „Aber Fett abzusaugen oder die Nase zu korrigieren hat keinen Sinn, bevor das Wachstum abgeschlossen ist. Bei vielen jungen Menschen ist der Wunsch drei Jahren später dann auch verschwunden.“

Das betont auch Psychologe Kuznik: „Ein so massiver Eingriff wie eine Schönheitsoperation ist bei Jugendlichen überhaupt nicht zu vertreten“, sagt er. „Die Bewertung des eigenen Körpers verändert sich noch.“ Kuznik sieht den extremen Körperkult in den Industriestaaten als generelles gesellschaftliches Problem. „Dass dünn gleich attraktiv bedeutet, hat keinen objektiven Grund. In den Fünfzigern und Sechzigern waren die Schönheitsideale noch andere, der Druck ist stark gestiegen.“ Jugendliche in der Pubertät seien für den Druck besonders anfällig. Wenn zu den Schönheitsidealen in den Medien familiäre Probleme oder Schulprobleme kommen, können Depressionen und starke Selbstzweifel parallel mit einer krankhaften Beziehung zum eigenen Körper entstehen.

Die 17-jährige Amelie* hat sich die Entscheidung zu ihrer Schönheitsoperation nicht leicht gemacht. In ihrem Fall kamen zu den ästhetischen auch medizinische Gründe: Durch ihre großen Brüste bekam sie Rückenprobleme. Nun sitzt die junge Frau mit den langen rötlichen Haaren vor einer Tasse schwarzen Kaffee in einem Café am Ernst-August-Platz, dreht sich eine Zigarette und sinkt tief in ihren Stuhl zurück. Sie habe schon mit 13 unter ihrer großen Oberweite gelitten und wurde von ihren Mitschülern gehänselt, erzählt sie. „Als die anderen Mädchen in der fünften Klasse langsam ihre A-Körbchen bekommen haben, hatte ich schon ziemlich große Brüste. Das fanden alle seltsam.“

Amelie litt nicht nur unter den Blicken ihrer Mitschüler. Ganz normal laufen gehen, das konnte sie nicht. Um an Brustumfang zu verlieren, versuchte sie abzunehmen. Bei einer Körbchengröße von F waren aber alle Versuche zwecklos. Durch das Gewicht bekam sie starke Rückenschmerzen. Sie versuchte, ihre Rückenmuskulatur mit Sport zu stärken. „Aber so stark konnten meine Rückenmuskeln gar nicht werden, dass es irgendetwas genützt hätte“, sagt sie. Schließlich kam ihr die Idee einer operativen Brustverkleinerung. „Ich bin erst zu meiner Frauenärztin gegangen. Die aber sagte, dass ich für den Eingriff volljährig sein müsse.“ Doch Amelie ließ sich von dem Gedanken nicht abbringen. Zusammen mit ihrem Vater ging sie zu verschiedenen Chirurgen in Hannover. Die meisten von ihnen hatten aber Bedenken wegen des Alters.

Schließlich fand die Schülerin im Mai 2011 dann die Klinik, die sich zu dem Eingriff bereit erklärte. „Ich finde es eigentlich wichtig, dass man seinen Körper so akzeptiert, wie er ist“, sagt Amelie. „Aber ich habe echt gelitten.“ Ihr sei bewusst, dass das ein großer Eingriff sei, der eine große Veränderung für das Leben bedeutet. Ein Eingriff, der ihr und ihrem Vater 8000 Euro wert war. Ihre Krankenkasse übernahm die Kosten nicht. Dafür müssen die Brüste einer Frau ein bestimmtes Gewicht haben, das bei Amelie nicht erreicht wurde. Also nahm ihr Vater einen Kredit auf. Den Flyer des Kreditinstituts bekamen sie direkt beim Beratungsgespräch in der Praxis. Da die meisten Patienten das Geld für die OP nicht einfach aufbringen können, arbeitet die Praxis mit dem Kreditinstitut zusammen.

Mit einem mulmigen Gefühl fuhr Amelie schließlich zur Operation in die Klinik. Die Ärztin hatte ihr vorher erklärt, dass ein Taubheitsgefühl in der Brust zurückbleiben könne und dass es in manchen Fällen Nachblutungen gebe. Auch der Gedanke, dass sie hinterher ganz anders aussehen könnte als vorher, ängstigte sie. Wie ist es wohl, wenn man sich im Spiegel nicht mehr wiedererkennt, fragte sich Amelie. Und was wäre, wenn sie sich auch in ihrem neuen Körper nicht wohlfühlen würde?
Amelie ließ sich kurz vor den Sommerferien operieren – um in der Schule nichts zu verpassen. Und um Zeit zu haben, sich auszuruhen. Nach dem dreistündigen Eingriff und einer Nacht im Krankenhaus ging es ihr gut: „Ich habe mich gleich wohlgefühlt.“

Generell aber hält die Schülerin, die nächstes Jahr Abitur macht, nicht viel von Schönheits-OPs. „Manche machen es sich zu leicht, wenn sie zum Arzt gehen, um sich Fett absaugen zu lassen. Man kann ja auch Sport treiben.“ Von ihrer Operation sind nur noch ein paar Narben zurückgeblieben. Heute fühlt sich das Mädchen mit Körbchengröße C/D viel wohler: „Ich kann einfach losgehen und mir die Klamotten kaufen, die mir gefallen. Das erste, was ich mir nach der OP gekauft habe, waren schöne BHs und ein Bikini.“ Und uneingeschränkt Sport treiben könne sie auch wieder. Bereut habe sie ihre Entscheidung noch nie – im Gegenteil. „Ich fühle mich jetzt rundum wohl und genieße mein neues Lebensgefühl.“

*Name von der Redaktion geändert

Friederike Vogel, Isabell Rollenhagen, Mareike Zoege

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