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ZiSH Wie beendet man eine ungewollte Freundschaft?
Hannover ZiSH Wie beendet man eine ungewollte Freundschaft?
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18:16 26.02.2018
In der Freundesfalle: Jemandem zu sagen, dass man nicht befreundet sein möchte, ist ziemlich schwer. Quelle: Foto: Unsplash/Du Preez (Symbolbild)
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Hannover

Noch bevor ich meinen College-Block in meinen Rucksack stopfte, hatte Marie, die eigentlich anders heißt, beschlossen, dass wir Freunde werden. Zu Beginn des Semesters vor etwa einem Jahr setzte sie sich in einem Seminar neben mich. Mehr als zehn Worte wechselten wir in der ersten Sitzung nicht. Doch direkt danach fragte sie mich, ob wir noch einen Kaffee zusammen trinken wollen. „Wow, die ist ja schnell“, dachte ich mir und sagte überrumpelt zu.

Es war nicht der letzte gemeinsame Kaffee: Auf den folgenden Treffen merkte ich, dass die Chemie zwischen uns nicht stimmte. Marie ist ein Mensch, der Stress im Leben braucht – und davon auch gerne erzählt. Sie jammert viel über ihre vielen Hausarbeiten, die Probleme mit ihrem Freund oder mit ihrer Familie. Bei solchen Themen schalte ich schnell ab. Schließlich weiß ich, dass bei ihr eine „total verhauene Klausur“ am Ende doch eine 1,3 bedeutet – Marie liebt Schwarzmalerei und das Drama, während ich es gern ruhig habe. Deswegen wache ich nach ihren dystopischen Visionen erst wieder auf, wenn sie mich fragt, wann wir uns das nächste Mal treffen. Morgen, übermorgen? Oder an beiden Tagen? „Ich habe noch dieses Referat und muss zum Training“, murmele ich. „Sag Bescheid, ich nehme mir Zeit“, antwortet sie. 

Das Problem ist: Ich will mir diese Zeit nicht nehmen. Nicht für Marie. Wie sage ich ihr, dass ich diese Freundschaft nicht will, ohne sie sehr zu verletzen? Wie gebe ich ihr einen freundschaftlichen Korb?

Grauen vor den Treffen

Jeder hat Freunde, die er nicht zu seinen engsten und besten zählt: nette Kommilitonen, mit denen man in der Uni abhängt, Kumpels, mit denen man abends um die Häuser zieht, oder die, mit denen man sonntags auf dem Fußballplatz steht. Jeder Mensch kann in seinem Leben nur drei gute Freunde haben, meint der Berliner Freundschaftsforscher Wolfgang Krüger. Für mehr reicht die Zeit nicht.

Marie will in meinen engsten Kreis – und versucht dafür alles. In den ersten Wochen gingen wir nach unserem Seminar regelmäßig einen Kaffee trinken. Als das Semester um war, sahen wir uns nicht mehr wöchentlich, weshalb Marie anfing, mir beinahe täglich zu schreiben, wann wir uns mal wieder treffen. Neun von zehn Anfragen lehne ich ab – so habe ich versucht, ihr zu sagen, dass ich nicht noch mehr Kontakt mit ihr möchte. Bei der einen Ausnahme willige ich ein und wir kochen gemeinsam. Dass ich jedoch mehr Zeit mit meinen engen Freunden verbringen möchte, versteht sie nicht. Auch nicht, dass ich sie dann nicht mitnehme. Ihre Andeutungen wie „Heute Abend hätte ich ja auch Zeit“ überhöre ich und hoffe, sie versteht diese Körbe. Doch das tut sie nicht – und lädt sich mittlerweile selbst bei meinen Kumpels ein, wenn sie weiß, dass ich zu ihnen zum Zocken fahre.

Für Marie scheine ich sehr wichtig zu sein. Deshalb fühle ich mich verpflichtet, Zeit mit ihr zu verbringen. Tatsächlich haben Forscher des Massachusetts Institute of Technology und der Universität Tel Aviv herausgefunden, dass 94 Prozent ihrer Probanden einen Menschen als ihren Freund angaben und sich sicher waren, dass dieser dasselbe empfindet. In Wirklichkeit bestanden jedoch nur 53 Prozent der Freundschaften wechselseitig. Nur aus Mitleid Zeit mit Marie zu verbringen, macht mich unglücklich: Schon vor der Verabredung denke ich wehmütig an meine anderen Freunde, mit denen ich viel lieber im Park Volleyball spielen oder in Ruhe quatschen möchte.

Ein freundschaftlicher Korb

Wie so ein Korb nach einem Date mit Aussicht auf eine Beziehung abläuft, ist klar. „Du bist nicht mein Typ“ oder „Wir passen nicht gut zueinander“ sind häufige Antworten. Letztere passt auch auf Marie und mich. Der Unterschied: Hören wir diesen Satz von unserem Date, lecken wir uns kurz die Wunden und suchen weiter, weil „andere Mütter auch schöne Söhne“ haben und wir uns einreden, dass es derjenige eben nicht sein sollte. 

In einer Freundschaft treffen diese Worte die Seele viel tiefer und persönlicher. Obwohl wir bei der Auswahl unserer Freunde scheinbar viel großzügiger sind: Ein paar gemeinsame Interessen und Ansichten reichen Marie, um mich als eine ihrer engsten Freundinnen zu bezeichnen.

Aber sollten wir uns unsere Freunde nicht ebenfalls nach der Chemie und der gleichen Wellenlänge aussuchen? Ich finde schon. Wahre Freundschaften sind eben nicht einfacher und unkomplizierter als Beziehungen. Manchmal passt es auch hier einfach nicht. Deshalb ist es vielleicht nicht nur für mich wichtig zu lernen, wie man Freunden einen Korb gibt.

Die halbherzige Freundschaft meinerseits mit Marie zieht sich nun schon seit einem Jahr wie Kaugummi und wird immer schwerer auszuhalten. Es ist nicht nur, dass die Treffen anstrengend sind und sich wie ein unangenehmer Arztbesuch anfühlen. Vielmehr verändere ich mich auch als Person. Dauernd ertappe ich mich dabei, wie ich meinen Frust bei meinen Kumpels rauslasse. „Warum machst du überhaupt etwas mit ihr?“, fragen sie mich dann genervt. Ständig über jemanden negativ reden und pessimistisch sein passt nicht zu mir. Langsam werde ich wie Marie – und spätestens das gibt mir den letzten Schubs, mit ihr reinen Tisch zu machen.

Von ZiSH

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