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13:23 03.03.2015
Will über Younow fame werden: Marie. Quelle: von Ditfurth
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Hemmingen

Marie drückt mit dem Zeigefinger auf eine weiße Taste ihres Keyboards. „Okay, ich spiele jetzt mein Standard-Lied“, sagt die 15-Jährige in die Webcam. Zaghaft spielt sie erste Töne. Dann wird die Melodie von der Klavier-Ballade „River Flows in You“ erkennbar. Ein bisschen hektisch, ein bisschen holprig. Als sie fertig ist, beißt sie sich leicht auf die Unterlippe. Auf dem Bildschirm erscheint ein Herz-Emoji. „Oh danke“, sagt Marie und lächelt.

35 Personen haben Marie bei ihrem kurzen Keyboard-Solo zugesehen. Über Younow. Mit nur einem Knopfdruck können sich Jugendliche hier im Internet präsentieren – per Livestream. Dafür muss Marie sich bloß vor ihre Webcam setzen und losplaudern. Weil das Netzwerk so einfach funktioniert, nutzen es auch viele Minderjährige – obwohl man laut den Nutzungsbedingungen von Younow mindestens 13 Jahre alt sein muss. Deswegen ist die Plattform umstritten. „Younow ist in dieser Hinsicht bedenklich“, sagt Karin Wunder, Projektleiterin von Juuuport, einer Internet-Selbstschutz-Plattform für Jugendliche. „Kinder zeigen sich teilweise sehr unbedarft und privat.“ Sie filmen sich zum Beispiel, wenn sie im Schlafanzug im Bett liegen – ohne zu wissen, was das bei manchem Zuschauer auslösen kann. Besucher des Streams können in einer Chatleiste kommentieren und direkt mit den Jugendlichen vor der Kamera kommunizieren. Da werden private Fragen gestellt – oder manchmal Aufforderungen wie „zeig doch mal deine Beine.“ Einige kommen solchen Aufforderungen auch nach.

Ich möchte bei Younow auf meinen Youtube-Kanal aufmerksam machen – fame werden.

Marie weiß um diese Kritik, ist aber trotzdem regelmäßig auf Sendung. „Ich bin durch Youtube auf Younow gekommen. Viele Youtuber streamen auch hier“, sagt sie. „Das ist total cool. Als wäre man zusammen in einem Raum.“ Erst hat die 15-Jährige nur zugesehen. Seit zweieinhalb Monaten streamt sie auch selbst. „Vor allem möchte ich die Leute auf mich und meinen Comedy-Youtube-Kanal aufmerksam machen – fame werden“, sagt Marie. So wie ihre Vorbilder, die Youtuber von Apecrime. Die Wand hinter ihr ist voll von Postern und Fotos der Jungs. Sogar an die Wand gemalt hat Marie sie – daneben ein großes Herzchen.

Nicht nur Marie hat Younow für sich entdeckt. Seit Ende 2014 melden sich immer mehr Deutsche an. Vor allem Kinder und Jugendliche. „Das ist genau auf die Bedürfnisse von Jugendlichen zugeschnitten“, sagt Wunder. „Selbstdarstellung ist in der Pubertät ein großes Thema. Sie bekommen da Feedback – und zwar schneller und einfacher als bei Youtube.“

Marie ist ein großer Fan der Youtuber Apecrime - das sieht man ihrem Zimmer an. Quelle: von Ditfrurth

Marie schiebt das Keyboard zur Seite. Dann zieht sie ein Mikrofon, das wackelig mit Tesafilm auf einem Fotostativ festgeklebt ist, zu sich heran. „Stellt mir mal ein paar Fragen, es ist so still hier“, sagt sie zu ihren Zuschauern. Richtig Spaß macht das Streamen erst, wenn viele Personen einem zuschauen und Kommentare und Fragen schreiben. Gerade sind 30 Leute auf ihrem Kanal. Marie hat sich für ihren Stream nichts überlegt. Sie sitzt da und wartet auf Fragen. So machen es viele. Manche nutzen Younow aber auch, um Livesets zu übertragen. Auch kleinere Theatersketches werden aufgeführt. Sehr beliebt aber etwas kindischer sind Telefonstreiche, die live vor der Kamera gespielt werden.
Marie rutscht ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her und fährt sich mit der Hand durch die langen Haare. Immer noch keine Frage. Sie macht ein Musikvideo bei Youtube an: „Techno Hands Up 2014“. Endlich ploppt eine Frage im Chatfenster auf: „Wenn du dir eine Superkraft aussuchen könntest, welche wäre das?“ fragt Alice. „Dann wäre ich gern unsichtbar“, sagt Marie. Younow-User Reto stellt die nächste Frage gleich hinterher: „Was würdest du machen, wenn Justin Bieber vor deiner Tür stünde?“ Marie lacht. „Ich würde die Tür zuknallen. Wobei nein – erst würde ich ein Foto machen. Als Beweis, dass er da war.“ „Beste Antwort“ schreibt Alice. Dahinter vier Lachsmileys.
Alice und Reto kennt Marie schon. Sie machen auch Youtube-Videos. Die drei folgen sich gegenseitig bei Instagram und sind Facebook-Freunde. Im April werden beide zu Maries Geburtstag kommen – Reto kommt dafür extra aus der Schweiz. „Die beiden sind mittlerweile Freunde von mir“, sagt Marie. „Im Internet Freunde zu finden ist viel besser. Man weiß gleich, dass sie die gleichen Interessen haben.“

Bei Younow zeigt sich jeder so, wie er ist – oder gerne wäre. Quelle: Screenshot Younow

Wenn sie gerade nicht vorm Laptop sitzt, geht Marie in die zehnte Klasse der Realschule KGS Hemmingen. Viele Freunde hat sie da nicht – aber das will sie auch gar nicht. „Ich kann mit denen nichts anfangen. Muss ich ja aber auch nicht – dafür habe ich immerhin Skype, Younow und Youtube.“ Dass Marie auf diesen Seiten aktiv ist, wissen ihre Mitschüler. Einige finden es gut, andere nicht, wieder andere sind selbst bei Younow aktiv. Marie hat auch schon Mitschüler gesehen, die im Foyer ihrer Schule heimlich gestreamt haben – damit deren Eltern es nicht mitbekommen.

Maries Eltern hingegen wissen, was ihre 15-jährige Tochter im Internet macht. „Marie hat mir Younow gezeigt“, sagt ihre Mutter Carmen. „Ich weiß, wie es funktioniert und was sie von sich zeigt. Und wenn was Doofes passiert, sagt sie mir Bescheid.“ Zum Beispiel gestern: Da wurde Marie von einem User gebeten, aufzustehen. Als sie dem nachkam, sagte er ihr, dass sie fett ist und Liegestütze machen soll. „Natürlich habe ich das nicht gemacht, sondern ihm gesagt, er soll einfach wegschalten, wenn’s ihm nicht gefällt“, sagt Marie. Dann hat sie ihn gemeldet. „Wichtig ist, dass man solchen Hatern die Meinung sagt. Wenn man macht, was sie sagen, oder einfach off geht, haben sie gewonnen.“
Nach einer Stunde verabschiedet sich Marie von ihren Zuschauern. „Ich gehe jetzt erst mal. Vielleicht komme ich heute Abend nochmal wieder.“ Und wenn nicht ist es auch nicht so schlimm. Ein paar von ihnen sieht sie ja spätestens auf ihrer Geburtstagsfeier.


Maike Brülls

Das ist Younow

Seinen Stars näher zu kommen – das ist der Traum vieler Menschen im Internet. Auf der Videoplattform Younow kann jeder kurzfristig zum Ministar werden. Dafür braucht es nur eine Webcam – und die Bereitschaft, vor Fremden zu reden.
Seit 2011 bietet Younow Jugendlichen über 13 Jahren die Möglichkeit, sich per Video mit anderen Leuten zu verbinden. Die Liveübertragung beginnt ganz einfach auf Knopfdruck. Komplizierte Programme sind dafür nicht nötig. Dadurch wird keiner ausgeschlossen – und jeder hat die Chance, sich vor mehreren Hundert Zuschauern zu zeigen.
Auf der anderen Seite ist es auch möglich, anderen Nutzern bei dem zuzuschauen, was sie gerade machen. Im Chat können live Fragen an die Person vor der Kamera gestellt werden. Das soll nicht nur zum Spaß sein. Younow will auch kreative Köpfe fördern: Deswegen gibt es in der Suche auch die Möglichkeit, nach Kategorien wie #musician, #singing und #dance zu filtern.
Dem Missbrauch der Plattform setzt Younow klare Grenzen: Zu viel nackte Haut ist genauso verboten wie jede Art von Mobbing. In der Praxis wird das natürlich nicht immer eingehalten. Für den Notfall gibt es Moderatoren, an die sich der User wenden kann.

ZiSH

Experteninterview

Nachgefragt bei Christopher Buschow, 
Medienwissenschaftler am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung 
Hannover. Quelle: Handout

Bei Younow senden Jugendliche live aus ihren Kinderzimmern. Woher kommt der Wunsch, sich in Livestreams zu zeigen?
Es gab schon immer den Wunsch, sich mit anderen via Bild zu vernetzen. Jugendliche wollen sich wieder näher kommen. Sie wollen Dinge miterleben und sich stärker ans reale Leben binden.

Was ist denn an Younow anders als bei Skype und anderen Videoplattformen?
Im Gegensatz zu Skype befindet man sich bei Younow nicht mehr nur unter vier Augen. Grund dafür, dass das so gut ankommt, könnte der Wunsch nach Selbstdarstellung oder nach Kontakt zu anderen Menschen sein.Gerade für Jugendliche ist oft auch Orientierung wichtig: Was passiert bei den anderen?

Warum wird Younow von Pädagogen kritisch gesehen?
Liveübertragungen sind schwierig zu kontrollieren. Dort können natürlich Belästigungen auftreten. Aber auch der Datenschutz ist ein Problem. Eltern sollten ihren Kindern den Umgang nicht direkt verbieten. Aber sie können sich nach sichereren Alternativen umschauen. Eine mögliche kommt sogar aus Hannover: Das Start-up vive.me.

Interview: Nikolai Willgeroth

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