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ZiSH Du Lauch!
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14:34 20.02.2015

Das Leben als Rapper ist kein Zuckerschlecken. Hamburg wird in den Songs schnell zum Getto, wo nur die Harten durchkommen. Zumindest laut Nate57. Dass der 25-Jährige zu den Harten gehört, kann er nicht oft genug betonen: „Du weißt, wie es läuft – mach’ ich Geld, geb’ ich’s aus. Bei mir sieht das besser aus, du hässlicher Lauch!“

Nate57 hätte seine Kontrahenten auf viele Arten schmähen können. Entschieden hat sich der Hamburger für den Lauch. Wie süß! Zumal es aus dem sonst eher derben Wortschatz des Rappers heraussticht. Vielleicht ist das der Grund, warum das Suppengemüse gerade so populär ist. „Lauch“ bezeichnet mit mildem Spott Leute, die so schnell in die Höhe gewachsen sind, dass die Muskeln nicht nachkommen konnten – und eben so dünn sind wie eine Lauchstange. In den Achtzigerjahren hätte man sie „Spargeltarzan“ genannt – um beim Gemüse zu bleiben. Schimpfwörter interessieren auch die Wissenschaft: „Jedes Wort hat neben einer festen Bedeutung auch eine Konnotation, etwas, das mitschwingt“, erklärt Lutz Kuntzsch, Sprachberater der Gesellschaft für deutsche Sprache. Beim Lauch sei das eben die Form: lang und dünn. „Deshalb werden damit eben auch lange, dünne Menschen bezeichnet.“ Vor allem für Rapper, die sich durch ihre kräftige Statur profilieren, ist das nicht erstrebenswert – und somit eine treffende Beleidigung.

Und das nicht nur beim Battle untereinander: Jüngst beleidigte Rapper Haftbefehl Moderator Jan Böhmermann als Lauch. Und auch in Tracks von Kollegah wird das Wort verwendet. „Ein Schimpfwort setzt sich durch, wenn es gefällt“, sagt Kuntzsch. „Erst in der Clique, dann verbreitet es sich weiter.“ Wenn es Promis benutzen, zieht das schnell Kreise: „Du Lauch!“ ist längst auf Schulhöfen angekommen. Und fügt sich neben Beschimpfungen, die Folge eines verhassten Urlaubs auf dem Bauernhof sein könnten: „Spaten!“, „Bauer!“. Historisch gesehen sind diese Begriffe untypisch für deutsches Fluchverhalten: In seinem Buch „Das Feuchte und das Schmutzige“ hat Hans-Martin Gauger vulgäre Sprache untersucht. Danach benutzen Deutsche hauptsächlich Wörter aus dem „exkrementellen Bereich“ – „Scheiße“. Da ist „Lauch“ schon eine deutlich charmantere Beleidigung – eine, über die Beleidiger und Getroffener schmunzeln können. Es sei denn, sie sind Rapper.

Manuel Behrens und Maike Brülls

„Hip-Hop“ bringt Schimpfwörter in Umlauf

Prof. Jannis Androutsopoulos, Linguistikprofessor an der Universität Hamburg

Herr Androutsopoulos, haben Sie „Lauch“ schon einmal als Beleidigung gehört?
Gehört habe ich es noch nie. Der Begriff wird aber nicht ganz neu sein. Lauch schmeckt zwar ganz gut im Wok, sieht aber nicht so schön aus. So eine Beleidigung ist nicht erstaunlich, wenn man weiß, wie Schimpfwörter entstehen. Menschen werden mit Tieren, Körperöffnungen oder eben mit Gemüse verglichen.

Wie ist „Lauch“ einzuordnen?
Das kommt immer auf den Kontext an. Schimpfwörter entstehen im Gebrauch. Es kann beleidigend gemeint sein oder niedlich. Ich kann auch meine Freundin als Lauch bezeichnen, wenn sie grün angezogen ist.

„Lauch“ wird zurzeit häufig von Rappern verwendet. Wie prägt Hip-Hop den Schimpfwortschatz?
Man darf nicht voreilig ein Reiz-Reaktions-Schema annehmen. Hip-Hop als Populärkultur spielt eine größere Rolle bei der Verbreitung. Aber nur weil man ein Schimpfwort hört, nennt man seine Mitschüler nicht gleich so. Allerdings ist Rap näher an der oft rauen Alltagssprache der Großstädte. Dort werden Konflikte ausgetragen und Gegensätze inszeniert. In der Popmusik geht es eher um Sehnsucht und Liebe. Deshalb unterscheiden sich Rap- und Popmusik im Wortschatz: „Hurensohn“ oder ähnliches taucht grundsätzlich nur im Hip-Hop auf.

Rapper Haftbefehl hat das Wort „Azzlack“ etabliert, manch einer sagt sogar, er habe es erfunden. Wie hoch schätzen Sie den Einfluss von Hip-Hop auf Jugendsprache ein?
Hip-Hop hat Einfluss darauf, Schimpfwörter in Umlauf zu bringen. Für diese Zirkulation ist Popmusik allgemein ein zentraler Motor. Inwiefern solche Neuschöpfungen in den Wortschatz übergehen, wissen wir nicht. Ausdrücke wie „Azzlack“ können genauso gut nach ein paar Jahren wieder verschwinden.

Wie gelangen Begriffe aus Songtexten in den Sprachgebrauch von Jugendlichen?
Zuerst werden Refrains und Schlagreime nachgesungen oder nachgesprochen. Das funktioniert natürlich besonders gut bei deutschsprachigen Lyrics: Was gut ankommt, wird übernommen.

Gibt es Kriterien, aufgrund derer man sagen kann, ob sich ein Wort als Beleidigung hält oder nicht?
Erst, wenn ein Ausdruck sich von seinem Ursprung gelöst hat, ist er in der Alltagssprache angekommen. „Lauch“ ist das noch nicht.

Interview: Niklas Kleinwächter

Lang lebe der Lauch!

  • Das 15 Kilogramm schwere Wildenten-Pokémon Porenta hält eine Lauchstange in seinem rechten Flügel. Je nach Pokémon-Edition verwendet Porenta das Gemüse entweder zum Nestbau oder als schwertartige Waffe.

  • Bolle, Phorro, Welschzwiebel und Burrä sind nur einige der zahlreichen Namen, unter denen der Lauch umgangssprachlich bekannt ist.

  • Wales hat vier Nationalsymbole: Einen Drachen, einen Löffel, einen Ball und eine Lauchstange. Es gibt viele Mythen darüber, wie es das Gemüse auf das Emblem geschafft hat. Einer davon besagt, dass Soldaten im 7. Jahrhundert Lauchstangen zur Identifizierung bei sich tragen mussten. 

  • Lang lebe der Lauch: Im Kühlschrank hält er sich bis zu zwei Wochen. 

  • Der römische Kaiser Nero hatte eine Vorliebe für Lauch. Der Machthaber war sich sicher, dass das Gemüse Balsam für seine Stimme sei.

  • Im Internetshop DaWanda gibt es neben gehäkelten Würstchen, Käse oder Spiegeleiern auch Lauch zum Kuscheln zu kaufen. Eine gehäkelte Halskette mit Blumenkohl, Salatköpfen und Lauch kostet stolze 55 Euro.

  • Auf Chefkoch.de gibt’s 13 322 
Rezepte zum Lauch. Die Paprika schafft es nur auf 5059 Einträge. Die Kartoffel hingegen wartet mit 24 986 Rezeptideen auf.

  • Lauch ist ein sehr heimisches Gemüse: Rund 70 Prozent der weißgrünen Stangen, die in den Supermärkten liegen, werden auf deutschen Feldern angebaut.

  • Legt man den unteren, weißlichen Teil der Lauchstange auf einen Insektenstich, hört dieser schnell auf zu jucken. Außerdem löst Lauch Schleim, fördert Harndrang und ist ein natürliches Abführmittel.

  • Der Begriff Lauch stammt vom mittelhochdeutschen Wort louch. Der ist sehr wahrscheinlich verwandt mit Locke, was ursprünglich Gebogener hieß. Denn wie die Haarlocke sind die Blätter des Gewächses auf dem Feld nach unten gebogen.

Sarah Franke

So schimpft der Schulhof*

1)  Horst: einfältiger Mensch
2)  Opfer: unterlegene Person
3)  Spacko: dämlicher und ungelenker Typ
4)  Lauch: spackeliger Typ
5)  Lappen: Person, die nichts auf die Reihe bekommt
6)  Spast: rücksichtsloser Idiot
7)  Evolutionsbremse: Person, die der positiven Entwicklung der Menschheit aufgrund ihrer Dummheit im Weg steht
8)  Arschloch: Universalbeleidigung
9)  Schwanzgarage: Frau, die sich wahllos auf Geschlechtsverkehr einlässt
10)  Hurensohn: beleidigt nicht nur die 
angesprochene Person, sondern auch die Familie

*von mildem Spott (1) bis krasser Beleidigung (10), sortiert von 
Zehntklässlern der Elsa-Brändström-Schule und der Sophienschule

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