Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
ZiSH Nachts am Kiosk: Wegbier und Bunte Tüte
Hannover ZiSH Nachts am Kiosk: Wegbier und Bunte Tüte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:24 23.06.2015
Verkäufer mit Menschenkenntnis: In Mustafas und Ellas Kiosk sind die beiden immer auch Kumpel und Therapeut für ihre Stammkunden. Quelle: von Ditfurth
Hannover

Hoch oben an einem Straßenschild hängt ein Fahrrad. Am Morgen war Markt auf der Leinaustraße in Linden-Nord, und der Drahtesel schien einem Standbesitzer im Weg gewesen zu sein. Kurzerhand wurde das Rad zwei Meter über dem Boden mit Kabelbinder befestigt. „Schon wieder“, sagt Ella mit ihrem breiten polnischen Akzent und lacht, als sie zum Rauchen hinter der Kiosktheke hervorkommt. Sie gesellt sich zu ein paar Stammkunden an den Stehtisch vor dem Kiosk an der Leinaustraße, Ecke Pfarrlandstraße. Der zierlichen 37-Jährigen reicht er fast bis zum Kinn. Ella ist eine der wenigen Frauen, die in Kiosken arbeiten – 75 Prozent sind Männer. Probleme hat sie aber noch nie gehabt. „Am nervigsten sind betrunkene Mädchen, die ihren Perso nicht zeigen wollen – weil sie noch keinen haben.“

Es ist 19 Uhr und ein kalter Sonnabend, gerade hat es aufgehört zu regnen. Auf der Limmerstraße sind bald alle Sitzgelegenheiten besetzt, doch an der Leinaustraße ist es ruhig. „Man merkt, dass der Monat bald zu Ende ist und die Leute nicht mehr so viel Geld übrig haben“, sagt Ella. „Außer Studenten – die kaufen immer ein.“ Seit viereinhalb Jahren ist Ella in Mustafas Kiosk angestellt. Den gibt es schon seit 35 Jahren, auch wenn der Besitzer schon einige Male gewechselt hat. Er ist Treffpunkt für die Nachbarschaft und letzte Möglichkeit für Partygänger, sich auf dem Weg zum benachbarten Faust-Gelände oder der Ihme einzudecken. Doch die Konkurrenz ist groß. Ungefähr 340 Kioske gibt es in Hannover. Linden hat mit neun Kiosken pro Quadratkilometer die höchste Dichte, sagt eine Studie der Leibniz-Uni.

Wenn andere feiern, muss Ella arbeiten. Quelle: Philipp von Ditfurth

20 Uhr: Bunte Tüte

Ellas Kundschaft ist so bunt wie die Süßigkeitenauslage: Sie bedient Studenten, die nachts noch ihren Kühlschrank auffüllen müssen. Senioren, die sich mit Klatschheften eindecken oder einfach nur ein bisschen quatschen möchten. Oder Partygäste auf dem Durchmarsch. Laut der Kioskstudie der Uni sind rund 65 Prozent aller Einkäufer Stammkunden. Ella kennt die meisten Kunden beim Namen oder weiß zumindest genau, was sie wollen, wenn sie den kleinen Laden betreten. Einen jungen Italiener mit umgedrehter Basecap fragt Ella, ob er ein Eis oder eine bunte Tüte möchte. Erst will er nichts davon, kauft nach langem Überlegen schließlich beides. Ständig grüßt sie bekannte Gesichter auf der Straße und plaudert mit ihnen. Die persönliche Beziehung zu den Kunden ist wichtig: Seit 2007 gilt ein neues Ladenschlussgesetz, nach dem auch Supermärkte bis 24 Uhr geöffnet haben dürfen. Das war bis dahin vor allem Kiosken vorbehalten. Ella macht sich wegen der Konkurrenz keine Sorgen: „Wem bei uns mal ein paar Cent fehlen, um etwas zu kaufen, dem helfen wir gerne. Stammkunden dürfen auch später bezahlen. Den Supermarkt, der das macht, will ich sehen“, sagt sie.

Getränke kalt stellen, sauber machen und bedienen – auch wenn die Tätigkeiten im Kiosk nicht sonderlich anspruchsvoll sind, hat Ella großen Respekt vor der Aufgabe. „Bevor ich selber einen Kiosk aufmache, müsste ich noch ein paar Jahre Erfahrung sammeln“, sagt sie. „Man muss gut kalkulieren können, sonst schafft man es nicht. Und man braucht Menschenkenntnis.“ Denn wer mit so vielen verschiedenen Typen zu tun hat, ist nicht nur Verkäufer, sondern manchmal auch Kumpel. Oder Therapeut.

22 Uhr: Ein Offenes Ohr

Es ist dunkel und kalt geworden. Auf der Limmerstraße sitzen noch einige Hartgesottene auf den Bänken. An der Leinaustraße ziehen vereinzelte Gestalten am Kiosk vorbei. Leise tönt das Murmeln der Angestellten vom Kiosk gegenüber herüber – nichts los. „Hallo Ali!“, sagt Ella, als ein schwarzer Mann ins Kiosklicht tritt. Während er an seinem Bier nippt, erzählt er in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Deutsch von seinem Heimatland, dem Niger. Ella hört aufmerksam zu und fröstelt, während Ali von Hitze und der Wüste berichtet.

Andere Kioske haben ein riesiges Sortiment, wie etwa Onkel Olli’s in der Nordstadt, wo über 200 verschiedenen Biersorten im Regal stehen. Laut der Studie des Instituts für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Leibniz-Uni sind Alleinstellungsmerkmale wie besondere Produkte oder ein großes Sortiment wichtig, um die Kunden zu locken. Dafür ist bei Mustafa mit seinen gut 15 Quadratmetern zu wenig Platz. Stattdessen gibt es hier ein nettes Gespräch, offene Ohren oder einen Ratschlag.

24 Uhr: Feierei-Nachschub

Quietschend hält wieder eine Bahn an der Haltestelle Leinaustraße. Ella schaut um die Ecke und sieht einen schwer torkelnden Partytrupp, der sich dem Kiosk nähert. Mit einer Bong aus Plastik schlägt ein hemdsärmeliger Lockenkopf auf der Straße seinem bulligen Begleiter von hinten auf den Kopf. Dafür kassiert er einen kräftigen Tritt in den Hintern. Das stumpfe Prozedere wiederholt sich einige Male, während die Hälfte der Gruppe sich bei Ella mit dem Nachschub für die Partynacht eindeckt. Eine Gruppe Mädchen posiert vor dem Fahrrad am Straßenschild für ein Selfie.

„Nicht-Lindener benehmen sich in der Regel weniger gut“, sagt Ella, als sie wieder hinter ihrer Theke hervorkommt, sich eine Zigarette ansteckt und dem Partypulk hinterherschaut. „Sie kommen aus anderen Stadtteilen und meinen, machen zu können, was immer sie wollen“, sagt Ella. Neben Müll und umgeworfenen Fahrrädern sei Lärm das Hauptproblem. „Seit einem halben Jahr ist es besser. Die Faust versucht das unter Kontrolle zu kriegen.“ Auch auf der Limmerstraße ist es keine Seltenheit, dass Anwohner aus ihrem Wohnungsfenster lautstark um Ruhe bitten.

Gegen 1 Uhr wird es noch mal voll im Kiosk: Von der Bahn kommen neue Gäste, und in der Faust scheint noch nicht viel los zu sein, sodass einige Besucher noch ein Bier am Kiosk trinken wollen oder Zigarettennachschub brauchen. Während Ella die Kunden bedient, erzählt draußen ein Zimmermann zwei Transvestiten, die auf dem Weg zu einer Gayparty sind, von seinen Reisen. Daneben wird mit Schnaps angestoßen.

2 Uhr: Der Erste Kaffee

Um 2 Uhr schließt Ella die Metallpforte vor der Kiosktür ab. Vorher hat sie noch den Kühlschrank nachgefüllt, die Kaffeekanne ausgewaschen und die Außenbeleuchtung ausgeknipst. Noch eine letzte Zigarette vor dem Heimweg – Feierabend. Bald werden die Brötchen angeliefert. Und schon in drei Stunden geht es wieder weiter, dann beginnt Mustafas Frühschicht. Gut möglich, dass die letzten Kunden dieser Nacht die ersten am Morgen sind: ein Kaffee zum Ausnüchtern und Brötchen für den Heimweg.

Manuel Behrens 
und Paulina Sophie Westing

Kioskwissen

  •  Im Kampf um den Titel des Kioskstadtteils schlechthin streiten sich Linden-Limmer und Mitte. In Linden-Limmer gibt es laut Uni-Studie mit neun Kiosken pro Quadratkilometer die höchste Kioskdichte. Mitte ist dagegen der am dichtesten mit Kiosken besetzte Stadtteil – gemessen an der Bevölkerung. Dort gibt es pro 580 Einwohner einen Kiosk.
  • Insgesamt gibt es in Hannover 341 Kioske (Stand 2013). Das ergibt rund 1502 Einwohner pro Kiosk.
  • Für das Wegbier oder andere nächtliche Besorgungen gibt es mittlerweile einige Alternativen. So haben Supermärkte im Schnitt wesentlich länger geöffnet als früher. Außerdem fühlt sich jeder fünfte Kiosk-Besitzer durch Tankstellen in seiner Existenz bedroht.
  • Trotzdem ist immerhin die Hälfte der Besitzer mit den Umsätzen ihres Kioskes zufrieden.
  • In Hannover schaffen Kioske rund 700 Arbeitsplätze.

  • Der durchschnittliche Kioskbesitzer in Hannover ist männlich, hat türkische Wurzeln und eine abgeschlossene Ausbildung. Über 80 Prozent haben einen Migrationshintergrund.
  • Rund die Hälfte aller Kioskbetreiber nimmt kostenlose Hilfe von Verwandten in Anspruch, so wird das Büdchen zur Familienangelegenheit.
  • 61 Jahre – so lange hat Liane Korbach ihren Kiosk am Herrenhäuser Markt geführt. Seit Mai ist die ehemals dienstälteste Kioskbetreiberin Hannovers nun im Ruhestand – und bekam sogar einen Abschiedsbrief von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.
  • Hannover hat auch ein Kiosk-Quartett. Das von Lukas Thorsson erfundene Kartenspiel hat Kategorien wie „Jahr der Übernahme“ oder „günstigstes Bier“.
  • Wer noch nach einem neuen Stammkiosk sucht, kann sich auf kioskguide-hannover.de persönliche Bewertungen zu vielen Kiosken in Hannover ansehen. Auf der Internetseite findet man Öffnungszeiten und Bierpreise im Überblick, für unterwegs gibt es eine Hannover-App mit Karte. Für alle, die in Hannover noch den Überblick verlieren.

Ansgar Nehls

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
ZiSH Boardtrends - Brettgeschichten

Skateboard, Longboard, Mini-Board – auf den ersten Blick sind das alles nur Bretter mit vier Rollen darunter. 
Dabei gibt es wichtige Unterschiede. ZiSH hat sich diese erklären lassen.

19.06.2015
ZiSH Abi-Bücher - Gebundene Erinnerung

Die Schule ist zu Ende – für immer. Zumindest für die diesjährigen Abiturienten. Doch eines bleibt: Erinnerungen im Abi-Buch.
 ZiSH hat mit einer Redaktion gesprochen und zeigt die schönsten und witzigsten Seiten aus den Büchern.

15.06.2015
ZiSH Wichtige Überlebenstipps - Das Festival-Abc

Endlich ist Festivalsaison. Doch zwischen Zeltplatz und den Lieblingsbands können böse Überraschungen warten.
ZiSH gibt Tipps für den Besuch von versifften Dixi-Klos und erklärt, warum Gummistiefel unterbewertet sind.

12.06.2015