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ZiSH Ein Freund in der Fremde
Hannover ZiSH Ein Freund in der Fremde
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20:46 23.11.2015
Omar hat von Anne die deutsche Sprache gelernt - und Anne von ihm, wie gut Mate-Tee schmeckt. Quelle: Schaarschmidt
Hannover

Limmern statt Zweck-WG

Die kleine Küche in Limmer wird nur durch schummriges Licht beleuchtet. Am Esstisch sitzen der junge Syrer Omar Kabeth und neben ihm seine Mitbewohnerin Anne Christens. Die beiden diskutieren – darüber, ob es der, die oder das Laptop heißt. Während die 22-jährige Journalistik-Studentin wild gestikulierend erklärt, fällt es Omar nicht leicht, ihr zu folgen. Dann hilft nur noch: lächeln.
Vor zehn Monaten lebte Omar in der Nähe von Damaskus. Tagelang gab es weder Strom noch Wasser. Als auch in seinem Stadtteil Bomben explodierten, entschied sich der 20-Jährige, vor dem Bürgerkrieg zu fliehen. Er beantragte ein Studentenvisum für Deutschland. Mit dem Auto fuhr er durch fünf Grenzkontrollen in den Libanon. Von Beirut flog er nach Deutschland.
Auf der Internetplattform „WG-gesucht“ fand Omar sein Zimmer. „Es war mir wichtig, mit Deutschen zusammenzuwohnen“, sagt der Syrer. Er hoffte, so schneller deutsch sprechen zu können und Leute kennenzulernen. Doch das klappte nicht: Für die beiden anderen Bewohner war es eine Zweck-WG. Omar fühlte sich einsam.
Das änderte sich erst, als Anne von ihrem Praktikum auf Mallorca zurückkehrte. Mit ihr kann Omar endlich anwenden, was er in seinem Deutschkurs gelernt hat. „Anne zwingt mich dazu, zu sprechen“, sagt Omar. Anfangs habe er nicht verstanden, warum Anne immer ihre Zimmertür auflasse. Er hat seine Tür immer abgeschlossen. Doch Anne ist ein offener Umgang wichtig.
Also nimmt sie Omar mit zum Limmern und stellt ihn ihren Freunden vor. „Er muss einfach mal unter Leute kommen“, sagt sie. Und Omar freut sich, endlich richtig in Deutschland anzukommen.
Anne ist mittlerweile aus der WG ausgezogen. An Omar denkt sie immer dann, wenn sie Mate-Tee trinkt. Denn wie gut der schmeckt, das hat sie von ihm gelernt.

Julie Saller

Hannover hilft

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Grenzenlose Freundschaft

Es ist Ahmeds zweiter Herbst in Deutschland. Aber es ist der erste, in dem er mit Alena Spaziergänge durch die bunt gefärbte Eilenriede macht. Die beiden haben sich letztes Jahr auf einer Weihnachtsfeier in Ahmeds Flüchtlingsunterkunft in Vahrenwald kennengelernt. Und das, obwohl Ahmed, der aus Gaza floh, damals kaum Deutsch konnte. Verstanden haben Ahmed und Alena sich trotzdem von Anfang an – hauptsächlich mithilfe seiner Freunde, die aus dem Arabischen ins Englische übersetzen, oder mit einer Übersetzungs-App. Augenzwinkernd reichen sie sich das Smartphone hin und her und lachen über die komischen Übersetzungen der App. Mit deutsch-arabischen Satzfetzen reden sie über gemeinsame Erlebnisse.
Während Alena sehr quirlig ist, wirkt Ahmed eher ruhig. Aufmerksam lauscht der 25-Jährige jedem Wort von ihr, lächelt aber nur selten. Der Palästinenser wurde in seiner Heimat von der radikal­islamischen Hamas verfolgt. Als Jura-Student war Ahmed in einer politischen Studiengruppe aktiv. Mehr sagt er dazu nicht. Mit Alena kann er über seine Heimat und seine schwangere Frau reden, die er nicht auf die gefährliche Flucht mitnehmen konnte. Alena und Ahmed verbindet mittlerweile eine Menge. Sie kochen oft gemeinsam. Manchmal kommt die 28-Jährige auch mit Freunden in die Flüchtlingsunterkunft und dann gehen sie alle zusammen feiern – auch wenn das nicht einfach ist, weil Gäste nur bis 22 Uhr in der Unterkunft bleiben dürfen und die Party erst später losgeht.
Trotz der gelegentlichen Schwierigkeiten in der Kommunikation sind Ahmed und Alena gute Freunde geworden. Und Alena fragt sich, wieso es das nicht häufiger gibt: „Beide Seiten sind neugierig aufeinander, aber niemand geht einfach so in eine Flüchtlingsunterkunft.“ Um diese Hemmungen abzubauen und den Kontakt zu erleichtern, hat die Diplompädagogin die Initiative „Du bist willkommen“ gegründet. Dort können sich Hannoveraner und Geflohene melden. Dabei werden auch Interessen abgefragt. Gibt es eine Übereinstimmung, werden Kontaktdaten ausgetauscht: Fast 30 Tandems wurden so schon vermittelt. Es geht darum, Zeit miteinander zu verbringen, sich auszutauschen und Spaß zu haben.
Aus eigener Erfahrung weiß Alena, wie viel beide Seiten voneinander lernen können – über Kulturen, Sprachen und vieles mehr. Für sie ist Ahmed ein guter Freund geworden. „Er merkt als Erster, wenn es mir nicht gut geht. Für so was muss man nicht die gleiche Sprache sprechen.“

Jacqueline Niewolik

Weitere Infos zu Alenas Initiative auf
 www.du-bist-willkommen.com

Der Linksverteidiger

Mit dem Ball kann Daaha richtig gut umgehen. Bei den Trainings-Aufwärmspielchen der U23-Fußballmannschaft des SV Germania Grasdorf führt der hoch aufgeschossene Junge das Leder eng und gekonnt am Fuß. Man sieht, dass der 19-Jährige auch in seiner Heimatstadt Qoryooley schon Fußball gespielt hat.
Seit Daaha vor elf Monaten als Flüchtling alleine aus Somalia nach Deutschland kam, gehört der Sport zu einem der wenigen Dinge, die sein altes und sein neues Leben verbinden. „Zu hart“ sei der Weg aus Somalia hierher gewesen, sagt er. Mehr möchte er über seine Flucht nicht sagen – auch nicht, was aus seiner Familie geworden ist. Stattdessen will er lieber nach vorne gucken und Deutsch lernen.
Denn die Kommunikation ist noch schwierig. In seinem Heimatland werden die Landessprachen Somali und Arabisch gesprochen, und so sind es meist Sprachfetzen, die er mit seinen neuen Mannschaftskameraden austauscht. Doch im Moment reicht das – auf dem Fußballplatz braucht es nicht viele Worte. Seine Position auf dem Feld kennt er auch schon: Das lange deutsche Wort „Linksverteidiger“ geht ihm zwar noch etwas schwer über die Lippen, aber im Zweifel wird dem zurückhaltenden Jungen in der Mannschaft immer geholfen. „Die taktischen Spielanweisungen übersetzen wir meist auf Englisch“, erzählt Maxi, mit dem sich Daaha besonders gut versteht. Aus „Verteidigen“ wird „Defence“ und aus „Halten“ wird „Stay“.
Dass Daaha überhaupt mittrainieren kann, hat er auch der großen Hilfsbereitschaft des Vereins zu verdanken. Hier, beim SV Grasdorf, bekam er – wie einige andere Flüchtlinge auch – neben der unbürokratischen Möglichkeit mitzutrainieren auch Trainingsklamotten und Schuhe. Auch bei Punktspielen soll er in Kürze dabei sein.Die Genehmigung habe der Verein schon angefordert, erzählt Trainer Klaus Komning.
Es wäre ein nächster Schritt hin zu Daahas großem Traum, einem besseren Leben in Deutschland. Hier möchte er selbst Geld verdienen und neue Freunde finden. Dem letzten Ziel ist er beim SV Grasdorf schon ein gutes Stück näher gekommen.

Ansgar Nehls

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