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Restauranttests So schmeckt es im Alten Jagdhaus
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01:15 16.07.2018
Angerichtet: Joachim Stern und Britta Mönkedieck. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

An der Ampel kommen uns Zweifel. Links liegt Mittelfeld, rechts das Areal eines Kleingärtnervereins, in das wir einbiegen sollen. Hier soll ein Restaurant sein? Wir hacken auf unser Navigationsgerät ein, doch die Grünphase macht voreiligen Verkehrsmanövern den Garaus. Wenig später kommen wir zwischen Seelhorster Stadtwald und Schrebergärten zum Stehen. Neben uns steht ein klassizistischer Laves-Bau in der Landschaft, das ehemalige Jagdhaus einer Adelsfamilie, Baujahr 1852. Hier wollten wir hin, wollen essen, schlemmen, genießen. Das ist unser erklärtes Ziel, denn seit 2005 wird das Gebäude von Koch Joachim Stern mit Leben erfüllt: „Wir kopieren keine aktuellen Küchentrends oder Anrichteweisen der Speisen, wir bieten eine ehrliche Zubereitung der Speisen mit unverwechselbarer, eigener Handschrift“, steht auf dem Internetauftritt geschrieben. Das ist doch mal ein Wort!

Bei einem unserer ersten Gänge sind wir sogar geneigt, aufzuspringen und lauthals hinzuzufügen: „Eine erstklassige Handschrift, liebe Leute!“ Denn sei es nun Absicht, Zufall oder Intuition: Die Honigmelone, die wir essen, ist noch nicht ganz reif, hat noch nicht diese erschlagende Süße und gibt dem feinwürzigen Salat mit Pfifferlingen, Gartenbohnen und Kerbel dadurch den letzten Pfiff. Serviert wird das Gemüse obendrein mit einer Wachtelbrust (16 Euro), die Haut knusprig wie Kartoffelchips, das Fleisch dabei zart, aromatisch und saftig.

Hochfein ist auch die Blutwurst vom Ferkel mit Linsensalat (16 Euro). Nicht nur der gute Geschmack, besonders das Mundgefühl der feinen Wurst ist bemerkenswert, da die Fettstücke nicht grob sind, sondern klein unter die Farce gearbeitet wurden. Prima schmeckt auch die niedersächsische Mockturtlesuppe vom Kalbskopf (10 Euro), deren Brühe durch die durchwachsene Maske etwas gelierte. Kaum haben wir aufgegessen, kommt Servicechefin Britta Mönkedieck mit quietschenden Turnschuhen übers Parkett. Hat es geschmeckt? Hat es!

Klassische Küche im ehemaligen Jagdhaus einer Adelsfamilie

Kronleuchter, Digestifwagen, Vitrine

Im Grunde sind wir der Küche so sehr zugetan, dass wir uns jetzt sogar in dem etwas eigentümlichen Flair wohlfühlen. Kronleuchter, Digestifwagen, Vitrine. Bordeaux- und cremefarbene Tapete, teils mit Ornamenten. Und ist das echter Stuck? Egal. Wirkt ein bisschen erzwungen klassisch, würden da nicht ein Porzellantiger im Eingangsbereich stehen, Stoffgorillas in einem Nebenraum sitzen und Engelchen im Fachwerk baumeln. Muss man so annehmen. Schöne Idee: Die Bouteillen der Weinkarte sind auf einem Wagen in der Mitte des Raums arrangiert, es gibt Kaiserstühler Spätburgunder oder auch Pfälzer Riesling von bekannten Winzern. Unschöne Idee: Es gibt keine Menüs, weswegen drei Á-la-carte-Gänge (Vorspeise, Hauptgericht, Dessert) mit rund 50 Euro zu Buche schlagen.

Eine selten zu findende Kombination ist die gelierte Rinderbrühe mit Kaviar, in diesem Fall vom Saibling (18 Euro). Die Vorspeise ist zwar nicht sonderlich ansprechend angerichtet, aber geschmacklich erstklassig. Das kühle Gelee balsamiert den Gaumen, während salzige Kaviarperlen platzen, dazu gibt es säuerliche, scharfe oder cremige Aromaten, die individuell hinzugefügt werden können: Crème Fraîche, rote Zwiebeln (roh) oder Avocado. Passt alles ganz wunderbar und erweitert harmonisch das Spektrum von Brühe und Rogen. Exzellent sind auch die schonend gegarten Ochsenbacken (28 Euro). Wenngleich sich etwas zu viel Rotwein-Schalotten-Soße auf dem Teller befindet, ist das Fleisch zart und geschmackvoll. Die Gemüse (Spitzkohl, Erbsenpüree mit Mais, Kohlrabi) haben Biss und Eigengeschmack. Die Rote Bete ist etwas zu weich geraten, dafür ist die Schmorgurke ganz hervorragend.

Nicht ganz einig sind wir mit den Rotgarnelen aus Wildfang (30 Euro), die Stern mit schwarzem Knoblauch und Algensauce zubereitet. Das liegt weniger an der schönen Idee als an der Umsetzung. Der fermentierte Knoblauch, der in seiner breiten Süße an getrocknete Pflaumen, im Geschmack an geschmorte Pilze und feinsäuerlichen Balsamico erinnert, passt an und für sich gut zu den süßen, saftigen Garnelen. Es ist nur zu viel des Guten. Der Knoblauch überpinselt mehr den Geschmack der Krustentiere, als dass er ihn akzentuiert. Zudem fehlt auch etwas Salz, das der Kreation mehr Kontur verliehen hätte. Die Algensoße lässt Profil vermissen.

Am Ende ist Joachim Sterns Handschrift zwar nicht unverwechselbar – wie viele Köche können das ernsthaft von sich behaupten? –, aber der Mann hat sein Wort gehalten. Unser Navi würde sagen: Sie haben ihr Ziel erreicht!

Fazit

Handwerklich ausgefeilte Küche mit guten Produkten, zwei Punkte, die auch die gehobenen Preise rechtfertigen. Gesamtnote: 8/10 (Essen: 8, Service: 8, Ambiente: 7).

Anschrift: Vor der Seelhorst 111, 30519 Hannover ( Seelhorst)

Öffnungszeiten: Restaurant täglich ab 18.00 Uhr, Ruhetag Montag und manchmal sonntags.

Von Hannes Finkbeiner

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