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Restauranttests So schmeckt es im Vietal Kitchen
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00:18 05.06.2018
Das Gericht „Goldener Mönch“: Katrin Stehr mit Tempeh und Tofu aus dem Wok in Currycreme mit Gemüse. Quelle: Philipp Von Ditfurth
Hannover

Erst als der Boden unseres tiefen Tellers sichtbar wird und sich unser gebackener Bio-Tofu (9,90 Euro) dem Ende neigt, merken wir, dass wir noch keinen Gedanken an den Inhalt unserer Kostprobe verschwendet haben. Die Erdnuss-Kokos-Creme war so fein und vollmundig, dass wir den Grund unseres Besuchs ganz vergaßen. Die bissfesten Gemüse (Pak Choi, Brokkoli, Grüne Bohnen, Paprika) waren frisch. Dazu gab es einen bemerkenswerten Vollkornreis mit einigen Kürbiskernen, der wunderbar feinwürzig duftete. Können wir nicht bestreiten: Das Hauptgericht hat uns beeindruckt.

Fast reumütig sitzen wir deswegen vor unserem leeren Teller und sehen uns selbst, wie wir noch wenige Stunden zuvor durch den Internetauftritt von Vietal Kitchen in der Lister Meile klickten und folgenden Satz belächelten: „Wir sind heutzutage ständig abgelenkt und werden von der permanenten Bilderflut überfordert. Vietal Kitchens schlichtes Interieur mit den jadegrünen Lamellenfenstern wirkt beruhigend und hilft, sich auf das Wesentliche zu fokussieren: den Teller voller wertvoller, schonend zubereiteter Zutaten.“ Erwischt. Hat funktioniert. Und uns unsere eigene Voreingenommenheit vor Augen geführt.

Anfang 2018 eröffnet

Das Menü des Restaurants, das Anfang des Jahres eröffnete, schrappt stilistisch an der vietnamesischen Küche entlang. Die Speisen sind würzig, aber nicht überwürzt; sie sind kräftig, aber nicht schwer. Viele Kreationen scheinen dabei sehr frei interpretiert, tänzeln leichtfüßig auf den chinesischen, thailändischen oder französischen Einflüssen dahin, die in Vietnam die Landesküche prägen. Mit Kräutern gehen die durchweg vietnamesischen Köche zwar etwas sparsam um, dafür kommen viele (vor allem grüne) Gemüsesorten zum Einsatz, die stets nur so viel Hitze abbekommen wie nötig.

Das Vietal Kitchen an der Lister Meile erfüllt bei unserer Kostprobe viele Versprechen.

Bei dem Gericht Pocket in Bouillon (5,90 Euro) etwa, eine vegane Suppe, in der Brokkoli, Pak Choi und Zuckerschoten die Umschreibung „schonende Zubereitung“ wirklich verdienen. Dazu gibt es zwei exzellente Teigtäschchen mit einer herzhaften Kräuter-Pilz-Soja-Füllung. Die fast durchsichtige „Kräuterbrühe“ besitzt eine leichtgängige, regelrecht tiefgründige Intensität, die wir uns nicht erklären können. Kohlrabi und Rettich bilde die Basis des Fonds, erklärt uns die Servicekraft, und wir verschränken erstaunt die Arme vor der Brust. Dem Gemüse konnten wir bislang nämlich nur roh auf Brotzeitplatten echten Genuss abgewinnen.

Mustergültige Frühlingsrollen

Mustergültig sind die knusprigen Frühlingsrollen, gefüllt mit Rinderhack, Karotten, Sprossen, Glasnudeln, Pilzen oder Mungobohnen. Wunderbar auch das warme Entenfilet im soften Dampf-Hefebrötchen (4,90 Euro), das im Kontrast mit herzhafter Honig-Soja-Soße, knackiger Gurke und ätherischem Koriander mit einer ganzen Bandbreite an Sinneseindrücken spielt – leider ist die Investition nach zwei beherzten Bissen verspeist. Ausgezeichnet sind auch die Drinks Spring Shower mit Kokoswasser, Holunderblüten, Litschi und Gurken oder Gorgeous Ginger (je 4,90 Euro) mit Kumquat, Minze und Ingwerstreifen.

Das gegrillte Thunfischfilet in Szechuan-Pfeffer-Marinade (18,90 Euro) gefällt uns erst, nachdem wir den Teller von seiner Überdekoration mit rohem Salat entrümpelt haben. Unschön ist dabei das Schälchen mit Tomaten-Avocado-Salat, das im tiefen Teller steht, mitten in der Soße. Die Qualität des Thunfisches ist so gut, wie sie angesichts des Preises sein kann. Herausragend ist die dunkle Pfeffer-Austernreduktion, die das (im Kern noch rohe) Fischfleisch wesentlich besser betont, als jede buttrige Schaumsoße es kann. Der Reis, die Gemüse: durchweg ein Genuss!

Melange aus Duftöl und Räucherstäbchen

Da sind wir am Ende glücklich und froh, dass sich endlich einmal ein Restaurant nicht nur in überstrapazierten Selbstzuschreibungen verliert, sondern hält, was es verspricht. Am Ausgang drehen wir uns sogar noch einmal um, nehmen eine letzte Nase des Raumdufts – eine Melange aus Duftöl und Räucherstäbchen, die uns unwillkürlich an Abende in Südostasien erinnert – und überlegen, zur Verabschiedung die Hände vor der Brust zusammenzulegen und uns zu verneigen – Ehre, wem Ehre gebührt! Für den Moment muss jedoch ein „Tschüs, danke, war sehr lecker“ genügen.

Fazit: Bei der frischen und frei interpretierten vietnamesischen Küche von Vietal Kitchen lässt sich eine Auszeit vom Alltag erleben. Gesamtnote: 8/10 (Küche: 9, Service: 7, Ambiente: 8)

Vietal Kitchen Lister Meile 46 30161 Hannover Telefon: (05 11) 38 87 78 88 E-Mail: hannover@vietal-kitchen.de Internet: www.vietal-kitchen.de Öffnungszeiten: 11.30 bis 23 Uhr, Freitag und Sonnabend bis 23.30 Uhr Barrierefreiheit: ja

Von Hannes Finkbeiner

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