Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Restauranttests So schmeckt das Essen im Enrico Leone
Mehr Essen & Trinken Restauranttests So schmeckt das Essen im Enrico Leone
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 23.06.2018
Inhaber Oliver Hörstmann in dem Saal des Enrico Leone. Quelle: Fotos: Villegas (3)
Hannover

Enrico Leone, so heißt neben dem Restaurant in der Königstraße auch eine Oper, die im Jahr 1689 in Hannover uraufgeführt wurde. Sie lässt keinen Zweifel offen, wer der Hauptprotagonist ist: Heinrich der Löwe. In diesem Zusammenhang muss dann zwangsläufig Braunschweig erwähnt werden. Und schon ist das Knistern in der Luft zu spüren. Mit dem Städtchen ist man sich nicht ganz so grün.

Aber wir sind ja elende Romantiker. Und wir glauben obendrein, dass Weltoffenheit, ja sogar Liebe, Respekt und Frieden für und mit anderen Völkern und Kulturen viel einfacher erreichbar wäre, würden wir uns nur öfter den Arm um die Schultern legen und uns gegenseitig in die Töpfe schauen. Wegen alledem also könnte das gleichnamige Restaurant keinen besseren Namen tragen.

Die reinste Völkerverständigung

Italienisch wird im Enrico Leone übrigens nicht gekocht, auch wenn das die naheliegende Erklärung für den Namen wäre. Seit Oktober letzten Jahres steht das Restaurant auch unter neuer Führung. Vielleicht liegt es daran. Na gut, es wird schon ein bisschen italienisch gekocht. Mediterran, eher französisch aber.

Wenig deutsch, dafür auch mal kosmopolitisch. Reinste Völkerverständigung sozusagen. Da treffen auf einem Teller südamerikanischer Quinoa auf französische Creme Fraîche, auf Gurken mit Doppelpass und Karotten mit Migrationshintergrund (16 Euro). Funktioniert. Problemlos. Kein Clinch zu spüren.

Sogar Land und Wasser prallen im Enrico Leone geschmeidig aufeinander, in einer regelrechten Liaison von Aal mit Wachtelei, Morcheln und Spargel (21 Euro). In Ordnung ist auch die Jakobsmuschel, die, nach einer zugegeben etwas langen Anreise, ein Entspannungsbad in einer Bärlauchsuppe mit Eigelb und Sahne (10 Euro) nimmt.

So weit, so gut, aber es lässt sich in dem Restaurant auch kameradschaftlich streiten. Bei der Tomatenessenz mit Thunfisch und Basilikum (10 Euro) beispielsweise. Die Brühe schmeckt herb und säuerlich, hat kaum Tiefgang und wird am Tisch aufgegossen, wodurch das Popcorn (nette Idee!) und die hauchdünnen Cracker sofort aufweichen und der erhoffte wie geplante Knuspereffekt ausbleiben muss.

Nachlässig bei der Produktauswahl

Der Thunfisch, als Tatar im Suppenteller arrangiert, hat leider einen deutlichen Fischgeschmack. Das ist vielleicht ein Punkt, den man der Küche vorwerfen darf. Die Gerichte sind zwar malerisch angerichtet, teils verspielt bis zur Überzeichnung, aber wäre es in diesem Kontext nicht sinnvoller, ein, zwei Minuten mehr auf die Produktauswahl zu verwenden, als ein, zwei Minuten zu viel in die Kreativität und Tüftelei zu verschwenden?

Solides Handwerk, verspieltes Anrichten, traditionelle bis kreative Kombinationen und etwas nachlässig in der Produktauswahl: So erlebten wir das Enrico Leone.

Vielleicht ist dem hohen Anspruch der Küche (der sich auch in den Preisen widerspiegelt) auch der beste Saibling aus der Wedemark zuträglicher, als der zweitbeste Steinbutt aus irgendeinem Gewässer. Im Menü für 59 bis 79 Euro (je nach Gangzahl) wird der Edelfisch serviert und tritt mit Spinat, Kirsche, Paprika und Pancetta in Erscheinung.

Mit dieser Gefolgschaft haben wir so unsere liebe Not. Das süß-fruchtige Kirschgel kabbelt sich mit dem erdigen Spinat, der Speck braucht viel Zuwendung der Kaumuskulatur und die Paprikasoße scharwenzelt um alle anderen Zutaten herum, als wollte sie nichts mit ihnen zu tun haben.

Ein paar Kritikpunkte sind Tatsachen, die Kombination ein Stück weit Geschmacksfrage – es ist ja auch nicht gesagt, dass jeder Mensch immer zwingend einen Zugang zu einem Gericht finden muss.

Überwältigt vom Dessert

Zu einhelligem Burgfrieden kommt es dann bei zartem Kalbsfilet mit Sellerie, Spargel und Café de Paris-Soße (32 Euro) – köstlich! Oder bei feinfaseriger Lammkeule (30 Euro), die mit Bohnengemüse, kraftstrotzender Soße und einem delikaten Kartoffelgratin serviert wird, so filigran gearbeitet, dass wir den Friedensvertrag durch die hauchdünnen Kartoffelscheiben lesen könnten.

Überwältigt sind wir sogar vom Dessert mit Erdbeere, Mascarpone und Holunderblüte (10 Euro). Oder dem Rhabarber mit Baileys und Passionsfrucht (je 10 Euro), bei dem exotische Frucht, feinsäuerliches Gemüse und bitter-süßes Karamell eine eingängliche Dernière aufführen – bei dieser letzten Darbietung ist es uns dann auch egal, woher die Zutaten stammen.

Oder warum das Restaurant so heißt wie es heißt. Wir verlieren uns in der puren Harmonie der Gegensätze. Vorhang zu.

Gesamtnote: 7/10

Fazit: Ein gutes Restaurant für ein gehobenes Dinner, auch wenn nicht alles perfekt war. (Küche 7, Service 7, Ambiente 6)

Kontakt:

Enrico Leone, Königstraße 46, 30175 Hannover

Telefon (05 11) 3 88 53 45

Internet www.enrico-leone.de

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonnabend, 18 bis 22.30 Uhr

Barrierefreiheit: nein

Von Hannes Finkbeiner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Beim Online-Wein-Shopping soll uns so manche App das Leben erleichtern. Wir haben uns Vivino angesehen, nach eigenen Angaben die größte Weindatenbank der Welt.

18.06.2018

Dass wir uns einmal in einer Restaurantkette ertappen, wie wir fast ausschließlich auf hohem Niveau mäkeln, das hätten wir nicht gedacht. Ist aber so passiert.

12.06.2018

„Grün ist unser neues Gold“ lautet der Slogan von Vietal Kitchen in der Lister Meile. Das vietnamesische Restaurant in der Oststadt erfüllt bei unserer Kostprobe aber nicht nur dieses Versprechen.

05.06.2018