Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Restauranttests So schmecken die Tapas im Rias Baixas I
Mehr Essen & Trinken Restauranttests
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:15 02.07.2018
Kredenzt einen Teller mit Garnelen, Sardellen und Tintenfischringen: Rias-Baixas-Inhaber David Comesana. Quelle: Tim Schaarschmidt
Anzeige
Hannover

Vor acht Jahren wurde die französische Küche von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Die Verrohung der Esskultur erfordere den Schutz der Cuisine française, so ein Argument. Und auch bei den Spaniern entbrannte eine Debatte, ob nicht die Tapas-Kultur den Status eines „immateriellen Weltkulturerbes“ verdiene. In diesem Frühjahr wurde das Bestreben von der Regierung offiziell untermauert: Tapas würden nicht nur eine Form des Essens, sondern die Kultur Spaniens repräsentieren. Das finden wir schlüssig.

Über die Entstehung von Tapas kursieren zahlreiche Legenden. Die Schönste: Kutschfahrer landeten nach einer durchzechten Nacht oftmals mit ihrem Gefährt im Graben, weswegen erlassen wurde, dass jedes Glas Wein, Bier oder Sherry nur noch mit einem Häppchen serviert werden dürfe. Brotscheiben wurden auf die Gläser gelegt, was auch half, lästige Fliegen fernzuhalten. Daher auch „Tapas“, auf Deutsch: Deckel. Beschwert wurden die Schnitten mit einer Olive. Mit den Jahren entstanden so immer ausgefallenere Beläge. Irgendwann wanderten die spanischen Häppchen in die Tischmitte.

Das Rias Baixas I in Linden gilt als Tapas-Institution.

In Hannover gilt das Rias Baixas I in Linden als Tapas-Institution. Das Flair des Restaurants ist sehr rustikal, erinnert an eine andalusische Kneipe, in der Spanier abends die Ellenbogen auf den Tisch stellen und den Tag begießen. Entsprechend geht hier auch der Service zu Werk: handfest, aber höflich. Das Menü des Restaurants umfasst die ganze Palette an bekannten Spezialitäten, darunter eine ganz ordentliche Aioli (1,70 Euro) und grüne Oliven (1,70 Euro). Sehr gut schmecken die eingelegten Sardellen (2,90 Euro) mit würzigem Kräuter-Olivenöl oder auch die scharf angebratenen Pimientos de Padrón (3,90 Euro), gewürzt mit grobem Meersalz.

Eher industriell lassen sich die Garnelen im Kartoffelmantel (3,50 Euro) und die Fischkroketten (3,90 Euro) beschreiben: Tüte auf, Tüte zu. Gut, muss manchmal sein, geht vielleicht nicht anders, aber die Kroketten sind im Gegensatz zu den Garnelen ein Fertigprodukt, das uns an paniertes Schaumgummi erinnert. Das muss nicht sein. Das Brot ist eher unauffällig.

Die Tortilla schmeckt herausragend

Herausragend zubereitet wurde hingegen die kleine Tortilla (2,60 Euro), wobei die mehligen Kartoffeln etwas körnig am Gaumen sind. Köstlich sind der butterzarte Oktopus in würzigem Paprikaöl (7,90 Euro), die Tintenfische mit Knoblauch-Mayonnaise (4,90 Euro) oder die gegrillten Sardinen mit viel rohen Zwiebeln (4,90 Euro). Auf dem Fischteller (10,90 Euro) findet sich ein Sammelsurium an Fisch, Krusten- und Schalentieren, darunter eine Scheibe Lachs, vier Garnelen, ein Dutzend Sardellen, vier Tintenfischringe, eine Miesmuschel – alles weitestgehend okay, angesichts dieses Preises. Großhandelsware eben. Das Tilapia-Filet schmeckt allerdings nach Brackwasser. Ist bei diesen Tieren nicht unüblich. Wer es nicht mag, kann den Fisch zur Seite schieben. Auf dem Teller liegen ja noch genug andere Wasserbewohner. Worauf wir aber per se keine Antwort finden, angesichts der Menge an Fisch: Wer hat an diesem Gericht etwas verdient? Und wenn das Restaurant etwas daran verdient, was haben dann die Waren für einen Einkaufswert?

Sehr gut schmecken uns die Lammkoteletts (11,50 Euro), die würzig mariniert und ordentlich gebraten wurden. Dazu gibt es hausgemachte Pommes. Obwohl längst satt, können wir die Finger nicht von den Dingern lassen. Währenddessen füllt sich das Lokal. Schnell steht bei den Tischnachbarn auch die erste Weinflasche auf dem Tisch. Es wird angestoßen, gelacht, getrunken und gegessen. Wir sehen eine Weile dabei zu und haben das Gefühl, dass es den Gästen gar nicht auf mehlige Kartoffeln oder knautschende Fischkroketten ankommt: Es geht ihnen mehr um die Geselligkeit, das Miteinander, die Freude am Teilen, nicht nur von Essen, sondern von Zeit – ein schönes Bild, das sich uns da bietet. Muss man vielleicht gar nicht schützen, sondern nur pflegen, immer wieder pflegen.

Fazit

Günstige Tapas von sehr guter bis durchschnittlicher Qualität in rustikalem Ambiente. Gesamt 6/10 (Küche 6, Service 6, Ambiente 6)

Öffnungszeiten: Mittwochs bis freitags ab 18 Uhr, sonnabends und sonntags ab 17 Uhr. Sommerpause: Von Montag, 2. Juli , bis Ende August 2018.

Barrierefreiheit: nein

Von Hannes Finkbeiner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Solides Handwerk, verspieltes Anrichten, traditionelle bis kreative Kombinationen und etwas nachlässig in der Produktauswahl: So erlebten wir das Enrico Leone.

26.06.2018

Beim Online-Wein-Shopping soll uns so manche App das Leben erleichtern. Wir haben uns Vivino angesehen, nach eigenen Angaben die größte Weindatenbank der Welt.

18.06.2018

Dass wir uns einmal in einer Restaurantkette ertappen, wie wir fast ausschließlich auf hohem Niveau mäkeln, das hätten wir nicht gedacht. Ist aber so passiert.

12.06.2018
Anzeige