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Restauranttests So schmeckt es im El Chileno
Mehr Essen & Trinken Restauranttests So schmeckt es im El Chileno
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14:20 19.10.2018
„Chico“ ist seit 35 Jahren Koch im El Chileno. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Eingekesselt von der Langforther Straße, der Scharnhorst-Kaserne und dem Oststadtstadion, wirkt das ziegelgedeckte Häuschen des El Chileno wie vom Himmel gefallen und in Bothfeld aufgeschlagen. Kann natürlich nicht sein. Häuser können schließlich nicht fliegen. Leider. Denn fliegende Restaurants, das wäre mal eine Sensation, über die wir gerne berichten würden. Bis dahin müssen wir uns allerdings mit der nüchternen Wahrheit begnügen: Das El Chileno befindet sich in einem ehemaligen Vereinsheim, wurde aber ganz offensichtlich gestalterisch aufgepäppelt, mit Pflanzen und Blumen, mit knalligen Farben, stellenweise im Patina-Look. Holzboden, Holzstühle, Bistrotische. Rustikal ist es also in dem Restaurant, das uns wirklich gut gefällt.

Die lateinamerikanische Küche wird derzeit sehr gehypt. Wenn die Speisen so gut gemacht sind wie im El Chileno, lässt sich das auch durchaus verstehen.

Allerdings ist die Musik bei unserem ersten Besuch zu laut, was den beiden handfesten Serviceburschen wenig auszumachen scheint. Erst als um 18.30 Uhr der Chef den Raum betritt, ist Schluss mit Rambazamba. Die Musik wird gedrosselt, und zugegeben, der Lärm hätte auch nicht zu dieser Küche gepasst, die eher mit leisen Tönen unsere Aufmerksamkeit erregt. Die frisch aufgeschlagene Aoili (2,50 Euro) etwa, die zwar mit Knoblauch aufmontiert wurde, aber nicht so scharf ausfällt, dass sie unsere Nasenwände zum Flattern bringt. Auch Guacamole und Thunfischcreme (3,50 Euro) fallen erstaunlich mild aus und wurden feinsinnig abgeschmeckt.

Cochayuyo – der Salat aus Algen

Spannend ist der Salat aus Cochayuyo (7,50 Euro). Das ist eine Meeresalge, die in Chile lange als Grundnahrungsmittel galt. Der Geschmack ist gut, aber vor allem die Beschaffenheit ist bemerkenswert. Sie hat viele Hohlräumen wie einer Honigwabe, und das Kaugefühl erinnert fast an Fleisch. Auf den Teller kommt die Alge mit Mais, gehäuteten Tomaten, Zwiebeln, Kräutern, abgeschmeckt mit Limetten- und Orangensaft, die ein fruchtige Süße besteuern. „Als Kind war es für mich der Horror. Arme-Leute-Essen“, kommentiert der Chef kopfschüttelnd, als er unseren leeren Teller abräumt – und ohne das Trauma des Mannes herabspielen zu wollen: Wir würden uns die Vorspeise gleich noch mal bestellen.

Eine Wucht sind auch die saftstrotzenden, panierten und ausgebackenen Oliven (4,50 Euro). Das Aroma der Steinfrüchte entwickelt durch die Hitzebehandlung eine Intensität, die nur von der Füllung mit Geflügelleberfarce aufgefangen wird. Man sollte die Häppchen zwar besser einige Minuten auskühlen lassen, aber dann sind sie ein echter Genuss. Exzellent ist auch das würzige Ceviche vom Kabeljau (6 Euro) mit Koriander und Zwiebeln, das zwar zu viel Limettensaft abbekommen hat, aber mit einer Prise Salz, die etwas die Säure puffert, wird auch diese Vorspeise sehr fein. Köstlich ist auch der Palmitos-Salat (6 Euro) mit frischen Palmherzen, wenngleich uns das Dressing auf Mayonnaisebasis etwas irritiert.

Süßes mit Herzhaftem

Und weil uns die ganzen Häppchen so gut gefallen, bekommen wir mal wieder den Hals nicht voll und bestellen noch zusätzlich Porotos Granados (4,50 Euro), einen cremigen Eintopf aus weißen Bohnen, Kürbis und Mais, dessen ausladende Süße sich auf Kollisionskurs mit der feurigen Würze einer Chorizo befindet. Als Hauptspeise versuchen wir uns am Maisauflauf (12,50 Euro) mit Kräutern, Rinderhackfleisch und Rosinen. Auch dieses Gericht spielt stark mit dem Kontrast aus Süße und Herzhaftigkeit, was uns aber nach der Hälfte etwas eintönig vorkommt. Im Grunde ist das Gericht auch schön als Vorspeise für 3 bis 4 Personen denkbar.

Kaninchen lau, Schwertfisch simpel und köstlich

Der Kanincheneintopf (17 Euro) ist ein wenig lasch geraten, dafür ist der Schwertfisch (15 Euro) simpel aber köstlich. Dazu gibt es grünen Salat und Pommes. Ein gutes Essen, wirklich, auch wenn wir es an diesem Tag nicht alles schaffen. Was damit nicht stimme, will der Chef von uns wissen, als er unsere halb leeren Teller begutachtet. Es sei nur zu viel gewesen, geben wir zurück. Der Mann schürzt die Lippen und erklärt, dass die Küche halb volle Teller nicht gerne sehe, das müsse von ihm dann immer erklärt werden. Wir zucken mit den Schultern, können ihm aber wirklich nicht aus der Bredouille helfen, sind pappsatt bis obenhin, geben es aber an dieser Stelle gerne weiter: Im El Chileno besser aufessen.

Fazit

Mit seiner rustikalen, frischen, chilenischen Küche ist das El Chileno ein Lokal für jeden Tag der Woche – sehr empfehlenswert! Gesamt 7/10 (Küche 8, Service 6, Ambiente 7)

Kontakt:

El Chileno

Langenforther Str. 20

30657 Hannover

Telefon: 0511/90882677

E-Mail: j.guzman@el-chileno.de

Internet: www.el-chileno.de 

Öffnungszeiten: Dienstags bis sonntags ab 18:00 Uhr (zwei Servicezeiten: ab 18 und ab 20 Uhr)

Barrierefreiheit: nein

Von Hannes Finkbeiner

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