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775 Jahre Hannover Unterm Schwanz und ümme Ecke
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14:30 27.05.2016
Hannover – unsere liebenswerte Hauptstadt mit großen Welterfolgen und kleinen Macken

Das Beste an Hannover ist die Auffahrt zur Autobahn“, ist so ein Satz, der in schöner Regelmäßigkeit bemüht wird, wenn es darum geht, dem gängigen Vorteil zu folgen, das – aus welchen Gründen auch immer – Hannover gerne an die letzte Stelle der deutschen Großstädte rückt. Hannover gilt vielen als langweilig und spießig, und die Hannoveraner selbst als typisch norddeutsch- spröde und wenig weltoffen.

Klar, im Jahr 2000 hat hier die Expo stattgefunden, jeder weiß, dass die Hannover Messe die größte Industriemesse der Welt ist und dass in Hannover – angeblich – das reinste Hochdeutsch gesprochen wird. Jeder hat auch schon mal vom Massenmörder Haarmann gehört, aber das war’s dann meist auch schon. Und Hannover selbst müht sich zwar nach Kräften, muss aber immer wieder erkennen, dass alles Streben nur wenig hilft, wenn dann kleine und größere Skandale der Imageaufbesserung einen Strich durch die Rechnung machen: Der Exkanzler, der ausgerechnet Putin zum Freund hat, der ehemalige Bundespräsident, der Privates und Politisches nicht so ganz zu trennen vermochte, die Hells Angels, die womöglich nicht nur das Rotlichtviertel kontrollier(t)en, der Begründer eines unabhängigen Finanzberatungsunternehmens, das eine Vielzahl von Anlegern über den Tisch gezogen haben soll.Da reicht es dann auch nicht, dass Lena mal den Eurovision Song Contest gewonnen hat, die Scorpions mal Deutschlands Aushängeschild in Sachen Hardrock waren, Comedian Oliver Pocher eine Zeit lang über die bundesdeutschen Bildschirme flackerte und eine Drogeriekette aus Hannover zum Marktführer aufgestiegen ist. Tatsächlich aber hat Hannover mehr zu bieten als das weltgrößte Schützenfest. Hannover hat einen größeren Stadtwald als New York. Ein gewisser Karl Jatho hat auf einer sumpfigen Wiese noch vor den Brüdern Wright den ersten Motorflug der Welt hingelegt (nun gut, es waren nur knappe 18 Meter und gerade mal 75 Zentimeter über dem Boden). Hannover war die erste Stadt des Kontinents mit Gasbeleuchtung und hatte die erste Tankstelle in Europa. Bei der Grammophon ist die erste Schallplatte in Serie gegangen. Bei der Hanomag wurde mit dem „Kommissbrot“ das erste Fließbandauto in Deutschland gebaut. Und bei Telefunken ist das PAL-Farbfernsehsystem erfunden worden. Die Hirnforschung am International Neuroscience Institute (INI) rangiert wie auch der Jazzclub unter den Top Ten weltweit.

Von Karl Marx gelobt ...

Die Liste hannoverscher Firmen mit Weltruf ist lang. Der frühere Intendant des Staatsschauspiels Alexander May hat aus dem Namen sogar mal einen Rap gestottert: Cococontinental, Bbbahlsen, Ppppelikan … Keinesfalls zu vergessen sind dabei auch noch Apel (Feinkost), Geha (Füller), Läufer (Radiergummis), Sprengel (Schokolade), Varta (Batterien) und schließlich VW-Nutzfahrzeuge. Im Übrigen hat sogar Karl Marx die Stadt gegenüber London gelobt, als er Hannovers Parks als „viel geschmackvoller angelegt“ bezeichnete. Hannover gilt als „Hauptstadt des Krautrocks“. Hannovers Schauspielschule hat so bekannte Absolventen wie Katja Riemann, Ulrike Folkerts, Matthias Brandt und Birol Ünel. Auch mit großen Namen früherer Zeiten vermag Hannover durchaus zu punkten, mit den Schauspielern Grethe Weiser, Theo Lingen, Dieter Borsche, den Schriftstellern Karl Jakob Hirsch, Ernst Jünger, Karl Krolow, Hermann Löns, Hoffmann von Fallersleben, den Philosophen Hannah Arendt und Theodor Lessing, den Politkern Hindenburg, Noske, Schumacher, der Pilotin Elly Beinhorn, der Tänzerin Mary Wigman. Wilhelm Busch hat an der Polytechnischen Hochschule Maschinenbau studiert, im Café Kröpcke haben sich Erich Maria Remarque und Kurt Schwitters getroffen, im Weinhaus Wolf hat Gottfried Benn seine Gedichte geschrieben. Und John Kay, der spätere Sänger der amerikanischen Rockband Steppenwolf, war Schüler der hannoverschen Waldorfschule (damals hieß er allerdings noch Joachim Fritz Krauledat).

 ... und von Kurt Schwitters verulkt

Ärgerlich ist allerdings, dass die Gottfried Wilhelm Leibniz Universität dem Andenken des Universalgelehrten nicht universell nachkommt, sondern sich heute – nach einer kurzen Hochzeit mit dem Soziologen Oskar Negt, dem Germanisten Hans Mayer und dem Psychologen Peter Brückner – eher wieder zu einer technischen Universität zurückentwickelt. Aber vielleicht muss das auch so sein in einer Stadt, die mal Königssitz eines Vereinten Königreiches von Hannover und England war – und das dann versemmelt hat, nur weil die Hannoveraner keine Frau als Thronfolgerin haben wollten. Kurt Schwitters hat es auf den Punkt gebracht: „Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie! Das ergibt keinen Sinn, aber es erzeugt Weltgefühl. In Hannover sind weite Gedankensprünge erlaubt, dichterische Leistung und gefährlich Geistesblitze liegen eng beisammen.“ Oder so ähnlich jedenfalls. In diesem Sinn wünschen wir Ihnen viel Spaß in und mit unserer Stadt, in der (Leibniz-)Keks nur echt ist, wenn er genau 52 Zähne hat.

  • Viele nette Hannover-Geschichten beschreibt das Buch „Hannover – unterm Schwanz und ümme Ecke“ von Ulrike Gerold und Wolfram Hänel (Gemeiner-Verlag).

Hannover in Kürze

  • fast 530 000 Einwohner (12/2012)
  • Landeshauptstadt von Niedersachsen
  • Lage: am südlichen Rand der Norddeutschen Tiefebene zwischen Lüneburger Heide und Harz, gerade mal 55 Meter über dem Meeresspiegel
  • Ausdehnung: etwa 205 Quadratkilometer

Wolfram Hänel