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Miteinander Bereicherung statt Defizit
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23:05 08.06.2017
Ein faires System für alle: Das ist das Ziel einer gelungenen Inklusion. Quelle: istockphoto.com/kali9
Hannover

Ein selbstbestimmtes Leben ohne Ausgrenzung: Für Menschen ohne Behinderung ist dies zumeist eine Selbstverständlichkeit. Für diejenigen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen war und ist dies bis heute kein Normalfall, weiß die Landesbeauftragte Petra Wontorra. Sie sieht weiterhin Handlungsbedarf.

Integration und Inklusion - irrtümlicherweise werden diese beiden Begriffe häufig gleichgesetzt. Wo genau liegt die Unterscheidung?

Integration bedeutet, dass Menschen wieder in ein System hineingenommen werden - zum Beispiel, wenn Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen oder Schüler aus der Förderschule in die Regelschule wechseln. Inklusion hingegen will von Anfang an ein gemeinsames System für alle Menschen, ohne dass jemand ausgegrenzt wird, ohne Unterschiede, Vielfalt von Geburt an. Integration und Inklusion beziehen sich auf sämtliche Bereiche der Gesellschaft: Bildung, Freizeit, Arbeiten, Wohnen, Politik.

Wie sieht die Förderung aus?

Für die Integration gibt es zahlreiche Maßnahmen - Integrationsklassen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Das Ziel muss sein, alle von Anfang an mitzunehmen, keinen auszuschließen. Gute Lernmaterialien müssen für alle Menschen zugänglich und verständlich sein.

Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Die Systeme müssen durchlässiger werden. Es werden noch zu wenig Förderschullehrer ausgebildet. Auf dem Arbeitsmarkt ist die Hürde zu hoch, Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung einzustellen. Es muss mehr Entlastung bei den Anträgen und Abrechnungen geben. Generell sollten wir nicht immer von Defiziten ausgehen, die jemand hat, sondern von einer Bereicherung. Gerade was den Fachkräftemangel in Deutschland betrifft, müssen wir die Ausbildungen so anpassen, dass es für alle Chancengleichheit gibt.

Für viele ist Inklusion ein neues gesellschaftliches Phänomen ...

… ist es aber nicht. Es ist ein Menschenrecht, das das Grundgesetz seit 1994 so formuliert: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Spätestens mit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 ist Inklusion Menschenrecht. Deutschland ist auf dem Weg, wir brauchen passende Ressourcen und den Mut, Inklusion zu wollen und auch zu leben.

 Katrin Schreiter

"Das Ziel muss sein, alle von Anfang an mitzunehmen, keinen auszuschließen."

Zur Person

Petra Wontorra, 58 Jahre, ist seit dem 1. Januar 2015 die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen in Niedersachsen. Die Mutter zweier erwachsener Kinder ist auf den Rollstuhl angewiesen.

Petra Wontorra, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen in Niedersachsen Quelle: Tom Figiel

Wontorra absolvierte nach dem Abitur zunächst eine Lehre als Werbekauffrau und war später Prokuristin in einem Betrieb der Papier-Weiterverarbeitung. Danach arbeitete sie als Assistentin der Geschäftsleitung im Bürgerhaus Oslebshausen. In dem sozialkulturellen Nachbarschaftszentrum treffen sich behinderte und nicht behinderte Menschen verschiedensten Alters und unterschiedlichster Nationalitäten. In der Behindertenbewegung hat sich Petra Wontorra unter anderem als stellvertretende Vorsitzende von SelbstBestimmt Leben e. V. Bremen engagiert. Als Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen arbeitet sie unabhängig und ressortübergreifend