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Prof. Matthias von Saldern: „Es geht auch ohne Nachhilfe“
Mehr Familie Schulen Abi 2011 - der Doppeljahrgang Prof. Matthias von Saldern: „Es geht auch ohne Nachhilfe“
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16:39 25.10.2010
Von Saskia Döhner
Prof. Matthias von Saldern, Erziehungswissenschaftler an der Universität Lüneburg Quelle: Handout

1,1 Millionen Schüler in Deutschland nehmen laut einer Studie regelmäßig bezahlte Nachhilfestunden, für die Eltern jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro zahlen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Der steigende Nachhilfebedarf zeigt die zunehmende Ökonomisierung des Schulwesens. Und er belegt, dass viele Kinder die schulischen Anforderungen nicht von sich aus bewältigen können. Nachhilfe ist professionelle, eingekaufte Leistung und bezeichnet ein Lernen, das außerhalb der Schule, ja sogar außerhalb der Familie stattfindet. Erklärt ein Vater seinem Sohn Bruchrechnen, ist das keine Nachhilfe. Oft ist es auch eine Frage des Geldes: Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder zur Nachhilfe. Und das müssen gar nicht unbedingt schlechte Schüler sein, sondern manchmal auch solche, die zwischen Note 2 und 3 stehen.

Macht es Sinn, vor dem Abitur noch schnell Nachhilfestunden zu nehmen?

Es gibt Mathekurse in der Oberstufe, da haben zwischen einem Drittel und der Hälfte der Schüler Nachhilfe. Ein Teil des Abiturs basiert also darauf. Eltern und Schüler sollten sich aber nicht zu sehr auf eine gute Durchschnittsnote versteifen. Immer mehr Universitäten achten bei der Studienplatzvergabe auch auf andere Aspekte wie soziales Engagement oder Berufsausbildung.

Bringt Nachhilfe den gewünschten Erfolg?

Eltern meinen, dass es etwas nützt, aber vielleicht auch deshalb, weil sie die Geldausgabe für sich selbst rechtfertigen wollen. Zur Wirksamkeit der Nachhilfe fehlen flächendeckende Studien. Nachhilfe kann sinnvoll sein, wenn sie qualitätsvoll durchgeführt wird und das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern stimmt. Bedenklich stimmt allerdings, dass viele Kinder über Jahre Nachhilfestunden nehmen und aus dem System nicht wieder rauskommen.

Ginge es auch ganz ohne Nachhilfe?

Ja, das zeigt der Blick in andere Länder wie Finnland. Da wird der Stoff in der Schule nachgeholt, da setzt sich ein Lehrer mal zwei Stunden hin und erklärt. Das deutsche Schulsystem ist viel zu starr und unflexibel. Welchen Sinn macht es, dass ein Schüler, der auf Eins in Mathe steht, genauso viele Stunden in Mathe hat wie ein Fünfer-Kandidat? Drastisch formuliert könnte man sagen: Die Schulpflicht ist eine Form der Freiheitsberaubung, aber dann müssten die Kinder an den Schulen alles Notwendige lernen, was sie für einen erfolgreichen Abschluss brauchen. Wenn man die Bedingungen änderte – mehr Raum für individuelle Förderung, kleinere Klassen, Lehrpläne entrümpeln –, wäre Nachhilfe überflüssig.

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