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Pauken für den Aufstieg
Mehr Familie Schulen Die Oberstufe Pauken für den Aufstieg
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14:05 20.06.2011
Zweiter Anlauf: Vierfach-Mutter Tammy Kontor am Abendgymnasium Quelle: Uwe Dillenberg

Ihr Arbeitstag ist längst vorbei, als die Schüler am Abendgymnasium Hannover ihre gelben Reclam-Hefte aufschlagen. Draußen ist es dunkel, im benachbarten Supermarkt erledigen die Leute ihre Feierabendeinkäufe, hier drinnen steht Goethes „Werther“ auf dem Stundenplan. Dabei haben die Schüler von Deutschlehrer Nikolaus Derben längst Feierabend – allerdings nur von ihrem Tagesjob. Jetzt am Abend, von 17 bis 21.40 Uhr, drücken sie noch einmal die Schulbank, fünf Tage in der Woche, um das Abitur nachzuholen. Auch mittels Goethes Klassiker, bei dem die Beziehung der Figuren Werther und Albert erarbeitet wird. Sebastian Drasky meldet sich. „Albert wirkt ruhig und gefasst in der Szene“, sagt der 25-Jährige, Lehrer Derben notiert den Beitrag an der Tafel.

Das Abendgymnasium in Döhren ist aufgebaut wie jede andere Schule. Es gibt einen Pausengong, eine Kreidetafel, und an den Pinnwänden in der Klasse hängen Merkzettel für Mathe oder Englisch. Die Schüler müssen Klausuren schreiben, die Lehrer verteilen Noten und Hausaufgaben. Es gelten die gleichen Oberstufenrichtlinien, die Schüler legen das Zentralabitur ab. Der einzige Unterschied: Sie sind mehrheitlich älter als an anderen Gymnasien. Wer am Abendgymnasium lernen will, muss mindestens 19 Jahre alt sein. „Der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte bis Ende 20“, sagt Derben, der zugleich stellvertretender Schulleiter ist. Die älteste Schülerin zurzeit, eine Hebamme, ist 55. Und im Vorjahr machte ein Mann mit 61 hier sein Abitur.

„Die drei Schuljahre bis zum Abitur durchzustehen und tagsüber zu arbeiten erfordert Disziplin“, sagt Derben. Wie anstrengend das sein kann, weiß auch Zwölftklässler Sebastian Drasky. Tagsüber arbeitet er bei der Luftwaffe der Bundeswehr, nach neun Stunden Dienst geht er täglich für fünf Unterrichtsstunden ans Abendgymnasium – viel Zeit fürs Privatleben bleibt nicht. „Die Kondition geht meist schon tagsüber verloren“, sagt Drasky. In der Schule versuche er einfach den Lernstoff aufzunehmen. Das Fachabitur genügt ihm, die 13. Klasse wird er nicht mehr besuchen. „Mein Ziel ist der gehobene Polizeidienst, dafür brauche ich den Abschluss“, sagt der 25-Jährige. Deutschlehrer Derben kennt dieses Motiv: Viele Schüler am Abendgymnasium wollen beruflich aufsteigen, „manche merken, dass ihr Beruf ohne höheren Schulabschluss eine Sackgasse ist“.

150 Schüler hat das Abendgymnasium zurzeit. Allerdings brechen zwei Drittel der Schüler, die hier starten, ihr Vorhaben ab. Im Hannover-Kolleg, das in denselben Räumen in Döhren untergebracht ist und den Unterricht tagsüber veranstaltet, bereiten sich momentan 240 Erwachsene auf das Abitur vor.

In die Statistik der Abbrecher gehört auch Tammy Kontor. Bereits vor neun Jahren startete die inzwischen 37-Jährige den ersten Versuch, das Abitur nachzuholen, hörte aber auf, als sie schwanger wurde. Jetzt wagt sich die vierfache Mutter und selbstständige Kleinunternehmerin erneut ins Klassenzimmer und pendelt täglich zwischen Kindern, Job und Schulunterricht. „Ich würde mich ein Leben lang ärgern, würde ich das nicht machen“, sagt sie.

Um 20 Uhr beendet der Gong die Deutschstunde. Längst lassen die Kollegen der Abendgymnasiasten ihren Feierabend beim Essen mit Familie oder Freunden ausklingen und schauen einfach Fernsehen – da stehen in Döhren noch zwei Unterrichtsstunden auf dem Plan. Die Schüler pauken Mathe, bevor auch ihr Arbeitstag endlich vorbei ist.

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