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Garten Der Baum ist ein Heilmittel
Mehr Garten Der Baum ist ein Heilmittel
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10:25 28.11.2017
Quelle: iStock
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Rudi Beiser ist Dozent und Buchautor. Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt er sich mit Heilkräutern und Wildpflanzen. „Baum & Mensch“ ist im Ulmer Verlag erschienen,224 S., 29,90 Euro. Quelle: Privat/Verlag

Sie bezeichnen den Baum in Ihrem Buch „Baum & Mensch“ als das Heilmittel schlechthin. Was macht denn seine heilende Wirkung aus?
Also vorab: Ich denke nicht unbedingt, dass der Baum das bessere Heilmittel im Vergleich etwa zu Kräutern ist – die haben auch sehr profunde Heilwirkungen. Ich würde eher sagen, es ist der Baum an sich, der Archetypus. Ich denke, alle Menschen sind von Bäumen fasziniert. Das liegt sicher auch daran,  dass der Baum uns schon sehr lange begleitet und immer eine wichtige Rolle spielte – gerade in der Urzeit, wenn wir an das Feuerholz denken. Man darf nicht verkennen, was das Feuer für eine wichtige Funktion in der Kultur des Menschen hatte. Hinzu kommt das Bauholz. Und wenn man die alten Mythen anschaut, in denen Bäume mitunter etwas Göttliches hatten, dann sind da ganz enge Verbindungen. Früher glaubten die Menschen sogar, dass sie dem Baum entstammen. Was irgendwo auch stimmig ist. Einst ist der Menschenaffe vom Baum herabgestiegen, ehe er durch die veränderten Lebensbedingungen und Herausforderungen am Boden zum Menschen wurde.

Trügt es, oder zieht es die Menschen derzeit wieder stärker in die Natur?
Ich glaube, dass es tatsächlich im Trend ist, wieder eine Anbindung an die Natur zu bekommen. Wohl auch, weil Entwicklungen in den letzten Jahren die Menschen weit von der Natur weggeführt haben. Zu dieser Entwicklung passt auch, dass gerade wieder Shinrin-yoku, was übersetzt Waldbaden heißt, hochaktuell ist. Es reicht, einfach draußen in der Natur zu sein, und plötzlich normalisiert sich der Blutdruck.

Welche Entwicklungen der letzten Jahre haben denn Ihrer Meinung nach diesen Trend ausgelöst?
Sei es die Zunahme von Verkehr oder der zunehmend stressige Berufsalltag. Auch die Digitalisierung und permanente Reizüberflutung spielen sicher eine Rolle. Da dient die Natur als Zufluchtspunkt.

Ihr Buch vermittelt den Eindruck, als habe der Baum eine besondere Aura?
Dafür muss man nicht esoterisch drauf sein, um das zu spüren. Wenn man vor einem sehr alten Baum steht, dann tut sich einiges. Was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass der Mensch 99 Prozent der Menschheitsgeschichte in enger Anbindung mit der Natur gelebt hat. Der Baum knüpft an unbewusste Teile in uns an. Genetisch ist da noch einiges verankert.

„Was können einen die Bäume und Steine lehren?“, fragen Sie an einer Stelle Ihres Buches. Was denken Sie denn?
Achtsamkeit auf jeden Fall, auf seine innere Stimme zu hören und auch mal zur Ruhe zu kommen. Da denke ich auch noch mal an das Waldbaden, das nachweislich die Cortisolwerte reduziert, wenn man sich nur etwa 20 Minuten in der Nähe von Bäumen aufhält.

Wie kann man sich die Interaktion zwischen Mensch und Baum vorstellen?
Das ist noch weitgehend unerforscht. Wichtig ist aber, was man selber fühlt. Ich fühle mich in der Nähe von Bäumen einfach aufgehoben. Alle Sinne erholen sich. Es gibt am Max-Planck-Institut aber Untersuchungen dazu, dass Bäume am Speichel der Raupe erkennen, welche Raupe da gerade an ihnen frisst, und dann entsprechend Verdauungshemmer produzieren, die der Raupe nicht schmecken. Gibt es keine entsprechenden Verdauungshemmer, kann der Baum mit seinen Nektardrüsen auch Ameisen oder Baumwanzen anlocken, die die Raupe vom Blatt verdrängen oder deren Eier fressen.

Wie hat sich denn das Verhältnis von Baum und Mensch im Laufe der Jahrhunderte verändert?
Die Entfremdung von der Natur begann im Prinzip mit der Kultur. Und die Kultur begann wiederum mit dem Fällen der Bäume. Das Holz ist im Lauf der Zeit materiell geworden. Wobei ich es immer noch erstaunlich finde, dass es bis ins 19. Jahrhundert einige Bäume gab, die immer noch dieses Göttliche für die Menschen ausmachten. Kulturgeschichtlich hatten Bäume ja immer etwas Göttliches. Das wird immer unterschätzt, was unsere Vorfahren aus dieser Wirkung an Heilung, Stärke und Schutz gezogen haben.

Glauben Sie, dass eine Wertschätzung des Baumes abhandengekommen ist?
Ich glaube, da wird einfach abgespalten. Da gibt es zwei Bereiche. Der eine Bereich ist „Jetzt bin ich in der Natur und genieße das“ und der andere Bereich ist „Ich fahr mit dem Auto in die Natur und denke nicht darüber nach, was diese Fahrt auslöst“. Ein Umdenken passiert da nur sehr, sehr schleppend.

Sie haben in Ihrem Buch viele Rezepte aus dem Wald. Was empfehlen Sie denn jetzt für die kalte Jahres- und Erkältungszeit?
Wenn wir bei den Bäumen bleiben, dann müssen wir bei den Nadelbäumen schauen. Weil die ja ganz eng durch ihre ätherischen Öle mit den Atmungsorganen verbunden sind. Etwa die Kiefer, die Fichte oder die Tanne. Deren Öle lösen den Husten und machen die Bronchien frei. Eine Mixtur aus einem ätherischen Öl dieser Bäume und zwei Esslöffeln Schlagsahne als Emulgator, ins Badewasser gegeben, ist eine gute Geschichte bei Erkältung.

Und kulinarisch gesehen?
Das einfachste sind Wildobstgelees. Zunächst muss man Wildfrüchte sammeln. Da sie aber nicht so viel Saft wie andere Früchte haben, ist es gut, diese in Apfelsaft zu kochen und zu passieren – Schlehen etwa. Den Fruchtbrei kann man mit Fruchtzucker oder Agavendicksaft gelieren.  

Sie empfehlen frische Lärchennadeln als Gewürz, fürs Quarkbrot etwa …
Allerdings nur die ganz jungen Maitriebe. Die schmecken sehr lecker, in ihnen ist sehr viel Vitamin C, daher haben sie eine leichte Zitronennote.

Zu guter Letzt: Was meinen Sie mit „Jedem Mensch sein Baum“?
Das meinte ich intuitiv. Jeder findet einen gewissen Baum schön. Ich habe mich lange zu hellem Birkenholz hingezogen gefühlt. Heute faszinieren mich alte Bäume. Eine alte Eiche oder Esche, die sagen mir inzwischen mehr aus.

Interview: Carolin Burchardt

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