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MADS AnnenMayKantereit: „Wir wollen kein Vorbild sein“
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15:09 05.12.2018
Wollen immer ehrliche Songs schreiben: Malte Huck (v. l.), Severin Kantereit, Henning May und Christopher Annen. Quelle: foto: Martin Lamberty
Hannover

Henning und Malte, in den letzten Jahren hat sich viel bei euch getan – ihr spielt in den großen Hallen. Angefangen habt ihr allerdings als Straßenmusiker. Was hat sich verändert?

Henning: Wenn dich als Straßenmusiker keiner kennt, hast du diesen Überraschungseffekt. Das habe ich in Köln geliebt. Hinter einer Ecke stehen, singen, und dann kommt jemand rum und sagt, „Alter was geht ab bei dir? Deine Stimme ist mega krass“. Das geht jetzt nicht mehr. Die Leute sind oft nicht mehr überrascht, dass ich diese Stimme habe, weil sie die vielleicht schon mal gehört haben.

Macht ihr euch mit zunehmender Bekanntheit auch mehr Gedanken, worüber ihr Songs schreibt?

Henning: Wir wollen immer noch Spaß haben und Lieder schreiben, die bei uns etwas auslösen. Und wir wollen autobiografisch schreiben. Da hat sich eine ganz wesentliche Sache verändert: Auf dem ersten Album waren alle Texte von mir und auf dem zweiten Album haben insgesamt acht Leute an den Texten mitgearbeitet.

Wer hat denn noch mitgetextet?

Henning: Wir vier Bandmitglieder sowie der Musiker Fabian Döll, der Poetry-Slammer Felix Römer und Andi und Till. Die beiden sind unsere Ton- und Lichttechniker. Den Song „Ich geh heute nicht mehr tanzen“ haben wir auf Tour geschrieben und sie haben abends beim Bier trinken auch ein paar Zeilen beigesteuert. Das ist das, was anders ist: Das neue Album klingt mehr nach Band.

Also habt ihr die Aufgabenverteilung in der Band durchgemischt?

Henning: Wir haben Bereiche, die bis jetzt immer klar definiert waren, geöffnet. Zum Beispiel habe ich den Song „Schlagschatten“ auf der Gitarre geschrieben. Damit hatte Christopher nichts zu tun, obwohl er unser Gitarrist ist. Bei „In meinem Bett“ ist die Gitarre von Malte und der Bass von Sevi. Eigentlich spielt aber Sevi Schlagzeug und Malte Bass. Es hat sich bei uns klar zum Positiven verändert, dass wir diese klar abgesteckten, kreativen Bereiche geöffnet haben.

Macht ihr euch Gedanken darüber, wie diese Veränderung ankommt?

Henning: Für Malte und Sevi ist es das erste Mal, dass ihre Texte dann wirklich auf einem Tonträger sind. Das ist krass, weil Kritik am Lied doch etwas Persönliches ist. Deswegen sind wir jetzt auch ganz gespannt drauf.

Wie entstehen denn bei euch Songs?

Malte: Das variiert sehr stark. Es gibt Fälle, da kommt Henning in den Proberaum und hat einen Text und Akkorde. Dann müssen wir gucken, wie wir das arrangieren. Oder ich habe eine Gitarrenmelodie und Sevi macht Drums dazu, aber wir haben keine Ahnung, was genau wir damit machen wollen. Wir haben uns sehr für den Gedanken geöffnet, dass ein Lied so entstehen kann, wie es entstehen will. Es gibt nicht diesen einen, richtigen Weg.

Landen auch Lieder im Papierkorb?

Henning: Jedes Lied hat eine eigene Dynamik und in die muss man sich reinfühlen. Bei dem Lied, das Malte und ich zusammen geschrieben haben, haben die erste und die letzte Version nichts gemeinsam. Trotzdem ist das eine aus dem anderen entstanden. Und manchmal muss ein Lied für ein anderes sterben.

Im Lied „Schon krass“ singst du über Drogensucht. Worum geht es darin?

Henning: Die Intention kann ich beschreiben, aber nicht erklären. Das nimmt dem Zuhörer den Interpretationsraum, das möchte ich nicht. Ich musste verarbeiten, dass ich ganz lange Drogenprobleme hatte. Die Motivation für mich ist, ehrlich zu sein. Aber es geht auch darum zu sagen: „Hey, ich teile das mit euch.“ Wenn Leute unter das Lied schreiben: „Ich habe gemerkt, dass ich ein Problem damit habe“, dann macht mich das glücklich. Ich stelle mir vor, dass ich dem Zuhörer emotional die Hand ausgestreckt habe.

Ist es schwer, so offen zu sein?

Malte: Wir nehmen uns immer vor, so ehrlich wie möglich zu sein. Das ist wie ein Spiegel, eine Therapie, und es macht Spaß. Man hat ein bisschen Angst, wie das ankommen wird. Das ist der Unterschied zum ersten Album: Wir haben uns mehr getraut, Komfortzonen zu verlassen.

Wenn sich eure Hörer mit den Texten so identifizieren – nehmt ihr eine Vorbildrolle an?

Henning: Lieber nicht. Ich habe noch wenig Lebenserfahrung und bin sehr jung. Wenn ich mit den Leuten quatsche und mich fragt jemand: „Warst du eigentlich gut in der Schule?“, dann erzähl ich dem, dass ich nicht so einen guten Abi-Schnitt habe. Ich bereue das. Wenn jemand sagt, dass wir seine Vorbilder sind, ist das o.k. für uns. Aber wir übernehmen damit nicht automatisch die Verantwortung. Wir wollen uns nicht anhören müssen, dass wir nicht über Bars oder Zigaretten singen dürfen, weil wir Vorbilder sind.

Malte: In dem Moment, in dem wir sagen, wir sind Vorbilder, gibt es Erwartungen an uns. Wir wollen kein Sprachrohr, kein Vorbild und kein Stellvertreter sein. Das engt uns total ein.

Nach der Albumveröffentlichung geht ihr erst einmal auf Tour. Zu jedem neuen Song dreht ihr ein Livevideo – warum ist euch das so wichtig?

Henning: Viele Musiker können nicht so singen, wie sie auf Platte singen. Ich kann das. Viele Bassisten können nicht so Bass spielen, wie sie auf Platte Bass spielen. Malte kann das. Es ist ein Unterschied, der für uns wichtig ist. Wir spielen im Video besser als auf der Albumaufnahme. Wenn wir gefilmt werden, kommen wir auch krasser in diesen Auftrittsmodus, als wenn wir aufnehmen. Wenn wir Songs haben, müssen wir dazu auch Videos drehen.

Habt ihr Träume für die Zukunft?

Henning: Ich hätte Bock, als Vorband im Ausland zu spielen. Mit Künstlern in Europa oder in den USA unterwegs zu sein und vor denen der Underdog sein: Niemand kennt uns, wir müssen uns beweisen, spielen 30 Minuten, dann runter von der Bühne, Bier auf.

2019 gehen AnnenMayKantereit mit ihrem neuen Album auf Tour: 8. Februar im Beatpol in Dresden (ausverkauft), 9. Februar im Glad House in Cottbus (ausverkauft), 11. Februar im Heimathafen in Berlin (ausverkauft), 12. Februar im Mojo in Hamburg (ausverkauft), 13. Februar im Schlachthof in Bremen (ausverkauft), 15. Februar im Forum in Bielefeld (ausverkauft), 16. Februar in der MUSA in Göttingen (ausverkauft), 14. und 15. März in der Sporthalle in Hamburg (ausverkauft), 16. März in der TUI Arena in Hannover (ausverkauft), 17. März in der Arena in Leipzig (ausverkauft), 12. April in der Max-Schmeling-Halle in Berlin (ausverkauft), 13. April in der Messehalle Erfurt (ausverkauft), 21. Juni beim Hurricane-Festival in Scheeßel, 24./25. August bei den Filmnächten am Elbufer in Dresden, 30./31. August auf der Parkbühne Wuhlheide in Berlin (31. August ist bereits ausverkauft).

Von Emma Schell und Ronja Wirts

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