Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Studium & Beruf Die Einflüsterer
Mehr Studium & Beruf Die Einflüsterer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:11 22.02.2014
Dolmetscher brauchen beim Übersetzen viel Fingerspitzengefühl, denn jede Sprache hat ihren eigenen Charakter. Quelle: Jens Kalaene
Anzeige
Hannover

Das Schlimmste sind Witze, sagt Dana Gaidas. Ein ausgefeilter Gag, ein feinsinniger Scherz, vielleicht sogar ein Wortspiel. „Für uns sind das Schrecksekunden.“ Die 27-jährige Dolmetscherin aus Chemnitz übersetzt Reden, Gespräche und Vorträge in andere Sprachen. Nicht auf dem Papier, sondern sofort, spontan und idealerweise mit sicherer Stimme. Erst vor wenigen Monaten hat sie ihren Master im Konferenzdolmetschen gemacht. Während ihres Studiums hat sie Vokabeln gelernt und sich die „Ähs“ abtrainiert. Freiwillig hat sie sogar Schauspielübungen gemacht - damit der Auftritt stimmt.

Dolmetscher arbeiten etwa bei Staatsbesuchen oder Gerichtsverfahren und unterstützen Verhandlungen in der Wirtschaft. Sie leihen Politikern und Prominenten für das Fernsehen ihre Stimme und sind bei internationalen Konferenzen im Einsatz. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, es gibt viele Quereinsteiger und Autodidakten. Mancherorts ist eine Ausbildung an Berufsfachschulen und -akademien möglich. „Klassischerweise braucht es aber einen akademischen Abschluss“, sagt Norma Keßler, Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer.

Aufbauend auf einen Bachelor, zum Beispiel in internationaler Fachkommunikation oder Translation, bieten mehrere Hochschulen Masterstudiengänge zum Konferenzdolmetscher an. Anders als ein Übersetzer überträgt der Dolmetscher nicht das geschriebene, sondern das gesprochene Wort. Ob simultan, konsekutiv - erst spricht der Redner, dann der Dolmetscher - oder flüsternd hinter einer Person: Dolmetscher müssen stets einen klaren Kopf behalten, sich intensiv in ein Thema einarbeiten und zum Beispiel Verbtabellen mit schwierigen Fachbegriffen auswendig lernen. Englisch ist immer gefragt. An Hochschulen können angehende Fachkräfte viele gängige Sprachen lernen - Spanisch, Französisch, Russisch und zunehmend Chinesisch.

Das Lernen der Fremdsprache ist nur ein erster Schritt. „Zweisprachigkeit befähigt noch lange nicht zum Dolmetscher“, erklärt Isabel Schwagereit vom Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher. Sprachkenntnisse auf Abiturniveau oder besser werden in Englisch oder Französisch schon zu Beginn des Studiums erwartet, meist gibt es Aufnahmetests. Die Kunst fängt später an. Eine Sprache besteht aus mehr als Wörtern, sie hat einen eigenen Charakter, eigene Codes. Sie kann direkt sein oder blumig - genau wie die Kultur. Nuancen sind beim Dolmetschen oft entscheidend. Daher machen Landeskunde und interkulturelle Kommunikation einen Teil der Ausbildung aus. „Man braucht viel Fingerspitzengefühl“, erzählt Schwagereit. „Wenn mein Gegenüber zum Beispiel aus einer sehr höflichen Kultur kommt, in der niemand direkt Nein sagt, obwohl er es meint - wie bringe ich das rüber?“

Immer wieder gibt es Anspielungen, Provokationen, Feinheiten, die zwischen den Zeilen mitschwingen und verschluckt oder missverstanden werden können. „Besonders vor Gericht haben Dolmetscher eine große Verantwortung“, erklärt Schwagereit. Das sei etwa der Fall, wenn der Angeklagte aus einem anderen Justizsystem kommt und mit den deutschen Begriffen nichts anfangen kann. Oft gehört ein weiteres Fach wie Jura oder Technik zum Studium. Jede Sparte hat ihre eigene Sprechweise. Dolmetschen ist Multitasking auf hohem Niveau und körperlich anstrengend. Die Fachkräfte müssen einen Text hören, verstehen, in einer anderen Sprache wiedergeben, auf Unvorhergesehenes reagieren. Sie brauchen gute Allgemeinbildung, exzellentes Gedächtnis und sicheres Auftreten. Auch Körperbeherrschung ist gefragt: Ein Dolmetscher kann nicht mittendrin einen Kaffee trinken gehen.

Festanstellungen gibt es nur wenige: etwa bei der Europäischen Union, internationalen Behörden, vielen Ministerien. Die meisten Dolmetscher arbeiten auf dem freien Markt. „Der Einstieg ist nicht immer einfach“, sagt Norma Keßler. „Man sollte sich spezialisieren und unternehmerisches Gespür mitbringen.“ Ohne Verkaufen geht es nicht. Wer sich erst einmal durchgesetzt hat, verdient gut. Der Tagessatz eines Konferenzdolmetschers kann bei 750 bis 1000 Euro liegen.

Trotz allem Stress lieben die meisten Dolmetscher ihren Beruf. „Das Schönste ist, dass es nie langweilig wird“, erzählt Gaidas. „Ich lerne immer wieder Neues, treffe die unterschiedlichsten Menschen. Und ich kann Kommunikation ermöglichen, wo sich zwei Seiten sonst nicht verstanden hätten.“ Ihr Traum: irgendwann Politiker begleiten und mit Delegationen ins Ausland reisen. „Dabei sein, wenn etwas Wichtiges passiert, einen historischen Moment erleben - davon träumen viele Dolmetscher.“

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Beruf des Bestatters ist anspruchsvoll und abwechslungsreich – Nachwuchssorgen gibt es nicht

07.02.2014
Studium & Beruf Universität und Hochschule - Was soll ich studieren?

Wer heute das Abitur in der Tasche hat und studieren möchte, kann aus 9500 Studiengängen wählen. Kein Wunder, dass die Entscheidung häufig schwerfällt. Auch, weil das Angebot oft verwirrend ist. Kritische Selbsterkenntnis, gründliche Recherche und viel Gelassenheit sollten die Basis der Wahl bilden.

05.02.2014

Ingenieurinnen werden gesucht – Frauenstudiengänge in diesen Bereichen sind daher begehrt. Zu Besuch in der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft.

01.02.2014
Anzeige