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Studium & Beruf Made in Hildesheim: Der Tragschrauber
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09:42 04.11.2010
Ottmar Birkner hat sich mit seinen Drehflüglern und Tragschraubern den Weltmarkt erobert. Quelle: ana Striewe

In den Flachdachhallen geht es zu wie auf einer Säuglingsstation. Hier geht kein Baby von Bord, ohne vom Chef auf Herz und Nieren überprüft worden zu sein. Otmar Birkners Babys heißen Tragschrauber, unter den Fluggeräten sind sie die Leichtgewichte. Ultraleicht, um genau zu sein, so heißt die Klasse dieser Flugzeuge.

An der Dornierstraße in Hildesheim hat sich die AutoGyro GmbH zum Weltmarktführer der Drehflügler aufgeschwungen, die dem Hubschrauber ähneln. Nur hat ihr Erfinder, der Spanier Juan de la Cierva, das Flugprinzip im Jahr 1923 einfach umgedreht: Während beim Hubschrauber ein Triebwerk die Rotorblätter bewegt, dadurch Luft nach unten drückt und das Gerät aufsteigen lässt, ist es beim fliegenden Tragschrauber die aufsteigende Luft, die den Rotor in Dauerdrehung versetzt. Autorotation nennt man das Prinzip, das an ein Windrad erinnert. Es ist das entscheidende Sicherheitssystem: Weil Auftriebs- und Motoreinheit unabhängig voneinander sind, fliegt der Tragschrauber bis zu Tempo 185 „extrem eigenstabil“, sagt Birkner. Der Vorteil: Ein Ausfall des Propellermotors endet nicht tragisch.

Der offene Zweisitzer benötigt zum Starten und für den Schub den Motor, doch setzt dieser aus, werden die Rotorblätter am Schlaggelenk allein von der abströmenden Luft in der Drehung gehalten. Das Gerät geht aus der üblichen Reiseflughöhe von 150 Metern in den Sinkgleitflug über, „dadurch passiert nichts“, sagt Birkner. Dennoch sind Tragschrauber hierzulande unbekannt. Birkner verweist auf den Gesetzesdschungel; und lange wussten die Behörden tatsächlich nicht, ob sie den Tragschrauber in die Kategorie Flugzeug oder Luftfahrtzeug einordnen sollten.

Anfang 2000 hatte Birkners späterer Geschäftspartner Thomas Kiggen den dreiachsigen Drehflügler nach Deutschland mitgebracht, doch bis zur Lizenz, der ersten hierzulande, dauerte es drei Jahre. So lange bastelten Mechatroniker Birkner und Fluglehrer Kiggen an ihrem Baby: dem Modell MTO3. Das Bundesverkehrsministerium ordnete es als Luftfahrtzeug in die Ultraleichtklasse bis 450 Kilogramm ein. Seitdem läuft die Produktion auf Hochtouren: Jährlich gehen 300 Tragschrauber in andere deutsche Städte, nach England, Österreich, Frankreich, Schweden, Costa Rica, Südeuropa, Australien, Neuseeland und Südafrika.

„Wir haben den Markt von hinten aufgekrempelt“, sagt Birkner zum Höhenflug des jungen Unternehmens. Der 37-Jährige stellte zunächst Faserverbundteile her, seit 2007 konzentriert sich seine GmbH auf Tragschrauber. Zum 46-köpfigen Team gehören ein Luft- und Raumfahrtingenieur, Elektroniker für die Instrumente im Cockpit, Schweißer, Fräser und Mechaniker für das Innenleben aus Edelstahl und Aluminium sowie Verfahrenstechniker, Laminierer und Lackierer fürs Drumherum. „Wir stellen 90 Prozent des Drehflüglers selbst her“, sagt Birkner. 5000 Einzelteile stecken im Tragschrauber; nur der Vierzylindermotor mit 100 oder 115 PS wird hinzugekauft, macht noch mal 2500 Teile.

„Über jedes Teil denken wir intensiv nach“, sagt der Geschäftsführer. Jedes Problem elektronischer, mechanischer oder aerodynamischer Art bedeutet Lebensgefahr. Birkner hat deshalb eine strenge Regel aufgestellt: Der verantwortliche Endmonteur muss mit zum Erstflug – Fahrlässigkeit bei der Qualitätskontrolle gestattet sich da niemand.

Es sind die technischen Feinheiten, mit denen die Hildesheimer den Weltmarkt dominieren. Die Entwicklung ruht nie: Dem MTO3 folgte im Frühjahr der MTOsport. Für Laien sind die Modelle kaum zu unterscheiden, „die beiden haben aber nicht viel miteinander zu tun“, sagt der Mechatroniker. Etwa 130 Details haben er und sein Team in fünf Jahren verändert.

Jede verlängerte Schraube, jedes verkürzte Rotorblatt unterziehen Birkner oder Kiggen gleich dem Praxistest auf dem Flugplatz nebenan. Mit Mut oder Leichtsinn hat das nichts zu tun, testen definieren sie als Verantwortung. „Über die Folgen denke ich vorher nach“, sagt der bodenständige Chef, der alle Lizenzen bis zur 16-sitzigen Maschine besitzt.

Viele Veränderungen regen auch die Vertriebspartner in aller Welt an. Für das heiße Klima Südafrikas wollen sie einen Turbomotor, in der seenreichen Landschaft Schwedens möchten sie auf dem Wasser landen. Also baute Birkner als weltweit erster Ingenieur Schwimmschuhe für den Autogyro, sogenannte Floats. Von der Idee bis zur Ersterprobung vor Ort dauerte es ein Jahr; „es war das Spannendste, was ich seit Langem gemacht habe“, sagt Birkner.

Spannung und Spaß, manchmal auch Prestige, sind die Schlüsselworte beim Tragschrauber. Mit ihm zu fliegen ist wie „Motorradfahren in der Luft“, sagt Guido Platzer, Vertriebschef der AutoGyro GmbH. Für 95 Prozent aller Kunden ist der Drehflügler eine Spielerei, die sie sich für 50000 Euro und mehr leisten. GPS- und Funkgeräte kosten extra, Sonderlackierungen auch.

Zunehmend hebt der Tragschrauber auch für gewerbliche Zwecke ab. Die Südafrikaner nutzen ihn für Sicherheitsaufgaben, die Australier beobachten ihre Tierherden, und bei der Landespolizei Brandenburg durchlief er eine Testphase – es wäre eine preisgünstigere Variante zur Verkehrslenkung und Verbrecherjagd per Hubschrauber. Die zweite Testphase – Einsatz im Echtbetrieb – findet derzeit statt. Der Tragschrauber kostet pro Flugstunde durchschnittlich 120 Euro, beim Polizeihelikopter sind es mehr als 1000 Euro. Dass dieser mehr Technik und Komfort vorweist, ist indes sein großes Plus: Er kann senkrecht landen und Personen bergen – das wird dem Autogyro nie gelingen.

Aber es geht gar nicht um Konkurrenz, es geht um Ergänzung. Förstern ermöglichen Tragschrauber das Sichten des Waldbestandes, Sicherheitsbeauftragten das Überwachen von Ölpipelines. Auch bei Behörden bewerben die Hildesheimer diesen Spareffekt. Die Auflagen in der Ultraleichtklasse erschweren den Entwicklungsprozess. Vier-, sechs-, sogar zehnsitzige Tragschrauber scheitern nicht etwa an physikalischen Gesetzen, würden aber das erlaubte Höchstgewicht von 450 Kilogramm überschreiten. Selbst der Aufbau einer Haube würde die Flugeigenschaften spürbar verändern. Der Mechatroniker hat dennoch auf die Nachfrage am Markt reagiert und einen neuen Tragschrauber mit geschlossener Kabine entwickelt, der am 20. September in Hildesheim präsentiert wurde. Es folgen Felderprobung und Musterzulassung; Anfang 2009 können die ersten in Serie gebauten Modelle ausgeliefert werden.

Eine Entwicklung steht noch aus, denn Birkners Babys sind nicht gerade leise. Die Ultraleichtklasse steht für die geräuschlosesten Fluggeräte, bis zu 68 Dezibel schaffen aber auch sie. „Leiser zu werden, ist eine Überlegung wert“, sagt Birkner. Es wäre kein Wunder, wenn er nicht längst die ein oder andere Testschraube verdreht hätte. Zum Weltmarktführer bei Tragschraubern ist ein Hildesheimer Unternehmen aufgestiegen – mit Teamarbeit und vielen Testphasen.

von Tatjana Riegler

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