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Abschied nehmen Mit der Harley auf die letzte Reise
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15:12 02.04.2015
Mit seiner Harley-Davidson und dem zum Sargträger umgebauten Beiwagen chauffiert Jörg Michael Grossmann den Verstorbenen zum Friedhof. Quelle: JG-Motorradbestattungen

Wo Jörg Michael Grossmann auftaucht, da ist ihm die Aufmerksamkeit sicher. Vor allem der Beiwagen seiner schwarz glänzenden Harley-Davidson zieht die Blicke auf sich. Dessen drei große Scheiben geben die Sicht auf einen blumengeschmückten Holzsarg frei. Grossmann selbst hockt in schwarzer Lederkluft daneben im Motorradsattel. Er kutschiert seinen stillen Begleiter auf seiner letzten Reise zum Friedhof. Der gebürtige Hannoveraner und Unternehmer, der jetzt im Taunus lebt, ist der einzige sogenannte Motorradbestatter Deutschlands und bietet die ungewöhnlichen Abschiedsfahrten bundesweit in Zusammenarbeit mit örtlichen Bestattern an, auch in Hannover. „Ich bin der Chauffeur der letzten würdevollen Fahrt“, sagt der 51-Jährige, der selbst kein Bestatter ist.

Die Idee hatte der gelernte Immobilienwirt vor einigen Jahren aus den USA mitgebracht, wo Motorradbestattungen häufig sind. Damals hatte er zufällig gesehen, wie rund 500 Biker einem umgebauten Gefährt mit Sarg zum Friedhof folgten. „Ich war total begeistert von dieser Art der Verabschiedung“, erzählt Grossmann, selbst seit vielen Jahren passionierter Motorradfahrer.

Inzwischen hat der 51-Jährige mit Motorrad und Sargträgerbeiwagen bundesweit mehr als 160 Bestattungsfahrten absolviert. Angefangen hatte er mit einer umgebauten Kawasaki. „Es hat sich aber schnell gezeigt, dass die Nachfrage nach einer Harley-Davidson größer ist“, sagt Grossmann. Aus Erfahrung weiß er: „Jeder Motorradfahrer möchte mal eine Harley fahren“ – verkörpert das Kult-Motorrad doch das Gefühl absoluter Freiheit.

Motorradfahrt mit Sarg oder Urne ist patentiert

Rund 60 000 Euro hat der Unternehmer investiert, um die Harley zu einem Bestattungsgespann umzubauen. Im Beiwagen können nicht nur Särge, sondern auch Urnen transportiert werden. Mit Sarg oder Urne darf er auf der Autobahn höchstens Tempo 80 fahren, mehr erlaubt die Bestattungskraftwagen-Verordnung nicht.

Seine Erfindung hat der Unternehmer sich inzwischen patentieren lassen. Eine Lizenz hat Grossmann im vergangenen Oktober an den größten Bestatter Dänemarks verkauft. Rund 800 Euro kostet das Bestattungsmotorrad samt Fahrer für einen ganzen Tag, dazu kommen 30 Cent pro gefahrenem Kilometer und eventuelle Kosten des örtlichen Bestatters. Sobald dem Bestattungsfahrzeug zehn oder mehr Motorräder folgen, ist aus Sicherheitsgründen die Polizei mit dabei, wie der Unternehmer erläutert. Das sei eine ihrer Dienstleistungen, betont er. Zwei Polizisten auf Motorrädern und ein Polizeiauto führen voran, ein weiterer Polizeiwagen mit Blaulicht bilde den Abschluss. „Das hat dann schon fast etwas von einem Staatsbegräbnis“, findet Grossmann.