Heute ist das Internet der globale Supercomputer. Und die Antworten, die die IT-Branche anbietet, klingen ziemlich handfest, zum Beispiel gestern beim IT-Gipfel der Bundesregierung in Stuttgart. Wirtschaftskrise? Gleichwertige Lebens- und Lernbedingungen? Klimawandel? Über alle Probleme dieser Zeit sollen nicht zuletzt die modernen Kommunikationstechnologien hinweghelfen.
Das Internet ist immer noch ein großes Versprechen, ökonomisch, aber auch kulturell. Menschen vernetzen sich zum politischen Protest, zum Musizieren, zum Computerspielen. Weltweit. Gegen Vereinsamung gibt es Onlinekontaktbörsen, man kann im Internet einkaufen, und wer einen guten Song hören will, findet ihn dort – wenn er will sogar kostenlos.
Mehr Unruhe, weniger Kreativität
Und doch gesellt sich zu den üblichen Heilserwartungen neuerdings ein wachsendes Unbehagen. Denn wie der Supercomputer in Douglas Adams’ Roman wirft auch das Internet mit jeder Antwort neue Fragen auf; die Datensicherheit ist dabei die naheliegendste, aber längst nicht die einzige. Jedes ausgefüllte Formular am Bildschirm macht den Nutzer ein bisschen gläserner, jeder Onlinekontakt in sozialen Netzwerken auch.
Abseits der ausgetretenen Pfade der bekannten Nachrichten- und Einkaufsportale gleicht das Internet in großen Teilen einer globalen Rotlichtmeile: immer funkelnd, aber auch obskur – und mitunter sehr gefährlich. Vielerorts ist man nur einen Klick entfernt von Nepp und Betrug aller Art. Der Taschendiebstahl des 21. Jahrhunderts, warnt BKA-Chef Jörg Zierke, wird im Internet begangen, und zwar massenhaft. Jeder zweite Deutsche wurde schon einmal Opfer von Kriminellen im Internet, durch Schadprogramme, Virenmails oder gar Kreditkartenbetrug. Fast zwei Drittel der Deutschen lassen aus Prinzip die Finger vom Online-Banking. Aus gutem Grund: Neun von zehn PC-Nutzern können Sicherheitsprobleme nicht ohne fremde Hilfe lösen.
Der Staat ist gefragt, etwas Ordnung in die neue Welt zu bringen – allerdings ohne deren anarchische, aber zutiefst demokratische und eben auch internationale Grundstruktur zu zerstören. Doch die Regierung hat ihren Vertrauenskredit als Anwalt der Internetbürger fürs Erste schon verspielt. Nach Initiativen wie dem unsinnigen Stoppschild-Gesetz gegen Kinderpornografie oder dem BKA-Gesetz zur heimlichen Durchsuchung von Festplatten hat sich vor allem bei jungen Nutzern der Eindruck verfestigt, der Staat wolle vor allem mehr Zugriff auf seine Bürger.
Schon ist von einem Kampf der Generationen die Rede. Der Publizist und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, durchaus mit Google, Twitter und Facebook vertraut, formuliert in seinem Bestseller „Payback“ eine regelrechte Anklageschrift an das neue Medium. Er beklagt die „darwinistische Jagd“ nach zumeist sinnlosen Informationen im Netz, die uns letztlich selbst zu Getriebenen mache. Er ist nicht der Einzige, dem es so geht. Die Folgen des Multitaskings sind erforscht: Wir können uns nicht mehr konzentrieren, Langsamkeit macht uns unruhig. Wir werden sogar unkreativ durch die ständige Verlockung nachzuschauen, ob nicht im Netz schon einer den eigenen Gedanken zu Ende gedacht hat.
Die Maschinen geben keine Antwort
Einige Internetaktivisten tun das neue Unwohlsein als Kulturpessimismus ab, als letztes Aufbäumen der analogen Generation gegen die „digital natives“, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Um sich in der virtuellen Welt zurechtzufinden, argumentieren die Jungen, müsse man sich an die neuen Lebensbedingungen anpassen.
Doch wohin soll eine solche Debatte führen, die sich am Ende doch nur um eine Technik dreht, eine neue Apparatur, die zwar, wie einst die Erfindung des Telefons, die Welt besser zu vernetzen vermag, die aber aus sich heraus noch keinen Sinn stiftet oder Wege weist? Das Internet ist nicht die Lösung, es ist ein Instrument. Was damit anzufangen ist, muss noch diskutiert werden.
Man darf jedenfalls nicht alle Hoffnungen auf Maschinen werfen wie in Douglas Adams Roman. Da fragen die Menschen den Supercomputer, was die Antwort „42“ zu bedeuten hat. Der schlägt ihnen vor, einen noch größeren Supercomputer zu bauen, der das Ergebnis deuten kann.
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