Und angesichts 4000 streikbereiter Piloten bei der Lufthansa hätte dies auch kaum etwas geändert. Die Pilotenvereinigung Cockpit hat, nicht zum ersten Mal, alle Register gezogen und angedroht, dass der größte Teil Lufthansaflotte am Boden bleibt.
Die Gesprächsbereitschaft der Lufthansa ist, ebenfalls nicht zum ersten Mal, angesichts dieser massiven Drohung gewachsen. Es ist ein bizarrer Schaukampf, der da läuft: Mitten in der schwersten Krise der Luftfahrt will eine Gewerkschaft einer Fluggesellschaft ihre Bedingungen aufzwingen – weil eine kleine Kaste im Cockpit um ihre Privilegien fürchtet. Vor neun Jahren konnten sie bei der Lufthansa in einem ähnlichen Szenario eine Gehaltserhöhung von 20 Prozent durchdrücken. Eine solche Tarifrunde, hat man sich damals im Konzern geschworen, dürfe sich nicht wiederholen. Aber wie genau will man die Wiederholung verhindern?
Wer zahlt für die teuren Mitarbeiter?
Nicht nur die Chefetage der Lufthansa hatte erwartet, dass auch unter den Piloten Einsicht einkehren würde. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stürzten die Passagierzahlen ab und katapultierten die Fluggesellschaften in ihre bis dahin tiefste Krise. Die Hoffnung auf ein neues Miteinander beruhte indes auf der Fehleinschätzung, dass eine Gewerkschaft sich nicht völlig von den Interessen einer Minderheit ihrer Mitglieder vereinnahmen lassen kann. Die Vereinigung Cockpit will jetzt den Gegenbeweis führen.
Offiziell nimmt die Organisation für sich noch immer in Anspruch, die Interessen aller Piloten bei sämtlichen deutschen Fluggesellschaften zu vertreten. In der Praxis aber beschränkt sie sich auf den Kreis jener Lufthanseaten, für die der sogenannte Konzerntarifvertrag gilt. In dem Papier sind eine Reihe von Privilegien festgeschrieben, die heute so antiquiert anmuten wie das Datum seiner Unterzeichnung: 1992. Weil die Piloten mit einem Gehaltsverzicht dazu beigetragen hatten, die Lufthansa vor der Pleite zu retten, wurde ihnen vor 18 Jahren unter anderem garantiert, dass nur sie Konzernmaschinen mit mehr als 70 Sitzen fliegen dürfen.
Lufthansa-Piloten empfinden das als eine Art Mindestgröße. Wer es an die Bremer Flugschule des Konzerns schafft und sich einen Platz im Cockpit erobert hat, gibt sich nicht mit Turboprop-Maschinen oder Minijets zufrieden – ein Airbus oder eine Boeing sollen es schon sein. Die Träume heißen A380 und 747, und nur wenn ein Kopilot die lange Wartezeit bis zum Kapitän über abkürzen kann, ist auch das Engagement bei einem Billigflieger statthaft. Für Pilotenkollegen bei Regionalfliegern wie CityLine oder Eurowings hingegen empfinden die Lufthanseaten bestenfalls Mitleid.
Den Reisenden sind all diese Revierkämpfe gleichgültig. Ihnen ist es egal, wer am Steuerknüppel sitzt – Hauptsache sie kommen sicher und günstig ans Ziel. Vor allem der Preis und das Streckennetz entscheiden heute über die Wahl der Fluggesellschaft. Insbesondere auf kürzeren Strecken sind immer weniger Passagiere bereit, für eine freundlich dargereichte Illustrierte und vielleicht etwas mehr Armfreiheit die horrenden Aufschläge in der Business-Class zu bezahlen. Diese Gäste aber sind nötig, um die besonders teuren Mitarbeiter im Cockpit zu entlohnen.
Sandsäcke gegen das Lohngefälle
Die Lufthansa reagiert darauf, in dem sie Flüge an Töchter abgibt, die ihre Piloten schlechter bezahlen. Die Vereinigung Cockpit möchte das verhindern und fordert, deutsches Tarifrecht auch im Ausland anzuwenden. Bezogen auf einen Konzern wie VW hieße das, dass Arbeiter bei Skoda oder Seat genauso viel verdienen sollen wie Beschäftigte im Stammwerk in Wolfsburg. Dass die Lufthansa da nicht mitmachen will, kann nicht überraschen.
Auf kurze Sicht mögen die Piloten am längeren Hebel sitzen, weil ein Streik der Lufthansa zu teuer wird. Mittelfristig aber wird sich das Verhältnis zwischen Kraft und Last verschieben – zum Nachteil der Vereinigung Cockpit. Oder wie es ein Pilot in einem Internetforum formuliert: Fürs Lohngefälle gelten die gleichen Gesetze wie an Berghängen – irgendwann kommt die Masse ins Rutschen. Die Gewerkschaft versucht, die Masse mit Sandsäcken zu bremsen.
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Kommentare
Piloten Jens Heitmann – 04.03.10
Sehr geehrter Herr Heitmann,in Ihren Artikeln über Tuifly bzw. über die jüngsten Streikankündigung bei der dt. Lufthansa wird immer wieder sehr deutlich, dass Sie für diese Berufsgruppe nicht sonderlich viel übrig haben. Wie ist es zu erklären, dass Sie als Journalist einfach die Argumentationen der Geschäftsleitungen übernehmen und sie nicht kritisch beleuchten? Warum ist die Pilotenschaft an einer nicht zustandegekommenen Inhouselösung der Tuifly schuld? Warum beleuchten Sie nicht einmal den ständigen Strategiewechsel der Hapag-Lloyd-Fluggesellschaft? Warum gehen Sie nicht einmal auf die teure und komplizierte Ausbildung der Piloten ein? bzw. auf die sehr limitierte Arbeitsplatzauswahl ein? Man könnte meinen, dass Sie eine direkte Verbindung zu den Geschäftsführern haben und diese Ihre öffentliche Feder als Werkzeug für die Tarifpolitik verwenden. Man könnte auch zu der Auffassung gelangen, dass es Ihnen egal ist, ob die Piloten, welche Sie von A nach B fliegen ein gutes Gehalt verdienen, welches eine gute Ausbildung und Erfahrung rechtfertigt.