Auf den Verfall der CeBIT zu wetten, ist in der IT-Branche seit Jahren Volkssport – auch, weil manche alte Rechnung zu begleichen war. Hatten die Hannoveraner nicht jahrelang hochnäsig ihre Wartelisten verwaltet, in den Hotels Mondpreise kassiert, sich im Erfolg gesonnt? Sollten sie sich doch im Schatten abkühlen.
Auf der falschen Veranstaltung?
Das ist hinreichend geschehen. Das Bild vom Niedergang hat sich mittlerweile derart in die Köpfe eingegraben, dass man sich bisweilen auf der falschen Veranstaltung fühlt: Es ist immer noch eine gigantische Schau, es herrscht immer noch Gewimmel, und es dringen immer noch vier Sprachen aus drei Kontinenten gleichzeitig ins Ohr. Angesichts der Veränderungen der IT- und auch der Messelandschaft ist das nicht selbstverständlich. Unter den Branchengrößen, die am Freitag beim traditionellen Ausstellerabend beisammensaßen, herrschte jedenfalls allenthalben Erleichterung darüber, dass das Geschäft zurückkomme und die CeBIT immer noch funktioniere.
Die Messe braucht nichts dringender als diese Erkenntnis ihrer Kunden. Sie hat sich kaum ein Jahrzehnt nach ihren Rekorden praktisch halbiert. Hallen stehen leer, ganze Ausstellergruppen nahmen Abschied. Genau genommen brachte dieses Jahr sogar eine messbare Wende, denn an den einzelnen Tagen kamen mehr Besucher als 2009. Doch es war auf Wunsch der sparsamen Aussteller ein Tag weniger, und so gilt unterm Strich auch 2010: weniger Besucher auf der CeBIT.
Jetzt muss das neue Konzept den Anspruch des Messechefs einlösen: Es werde wieder angegriffen, sagt Ernst Raue. An Konzeptveränderungen hat es nicht gefehlt, das ist ein großer Teil des Problems. Mal wollte die CeBIT eine überdrehte Show sein, dann ein stockbiederes Vertrieblertreffen, zuletzt eher ein Fachkongress – und am liebsten doch alles gleichzeitig. Der Kern hat gelitten, was auch daran liegt, dass die Branche insgesamt keinen hat. Bisweilen hatte man das Gefühl, die CeBIT sollte so sein, wie sich gerade die Macht im Branchenverband Bitkom verteilte. Deshalb ist August-Wilhelm Scheer ein Glücksfall für die Messe. Der Verbandspräsident wirft sich für die CeBIT in die Schlacht, wie man es selten gesehen hat. Scheer hat Autorität über die Bitkom-Lager hinweg. Klarer als andere sieht er, dass die zersplitterte Branche eine gemeinsame Plattform braucht, wenn sie öffentliche Wirkung zum Beispiel in der Diskussion um Datensicherheit erzielen will. Genau in diesem Sinn hat Google seine Messepremiere genutzt. Für ihren Bekanntheitsgrad müssen die Kalifornier nichts mehr tun, sie warben stattdessen für ihr schwer umstrittenes Projekt „Streetview“.
Datenschutz ist eins von vielen Themen, die neuerdings die Unterteilung in Konsumenten und Fachleute sprengen. Es geht beide an. Das zwingt die Messe zu einer Neuausrichtung und bietet ihr gleichzeitig eine große Chance, denn es bewegt sich wieder was in der IT-Welt. „Social Networks“, zum Beispiel, die als Spielerei für Computerkids mit Freizeitüberschuss begannen, werden inzwischen von Unternehmen für Schulung und Projektsteuerung eingesetzt.
Auf Angriff spielen
In der Branche setzt sich die Erkenntnis durch, dass Technologie keinen Unterschied zwischen Profis und Privaten macht. Doch während sich die Produkte annähern, tun es die Zielgruppen nicht. Die Präsentation für den IT-Chef eines Mittelständlers ist immer noch etwas anderes als die für den Designstudenten.
Dem ewigen Problem wollen die Messemacher mit einer Unterteilung in vier Bereiche beikommen. Faktisch handelt es sich um einzelne Fachmessen für verschiedene Kundengruppen. Das bietet die Chance, jedem besser gerecht zu werden, und erhöht die öffentliche Aufmerksamkeit. Es ändert allerdings nichts daran, dass die Stände immer kleiner werden.
Die CeBIT 2010 hat keine wundersame Wende gebracht, aber sie hat bewiesen, dass sie lebt, von den Unternehmen gebraucht wird, und dass sich das Kämpfen lohnt. Das neue Konzept ist vernünftig, Branchengrößen von Microsoft über Software AG bis SAP stehen dahinter, und die zeitweilig etwas eingeschlafenen IT-Themen werden wieder interessant. Defensive kennt die CeBIT jetzt hinlänglich. Warum nicht auf Angriff spielen?
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