Sie möchten bis Herbst 2010, acht Jahre nach ihrer Invasion also, aus dem Irak abziehen. Die Briten brauchten damals immerhin noch zehn Jahre, bis 1932, zum Rückzug aus dem Zweistromland.
Die Aktualität des Churchill-Lamentos ist nicht verwunderlich: Der Irak krankt bis heute an seiner künstlichen Konstruktion nach dem Ersten Weltkrieg, an Geburtsfehlern, die sich auch am Wahlwochenende in brutaler Gewalt niederschlugen. Der Tag, der den Auftakt zu einem neuen, endlich ganz souveränen, stabilen und demokratischen Irak bilden sollte, könnte damit zum düsteren Vorspiel einer Eskalation werden, die den Nahen Osten komplett in Mitleidenschaft zieht – statt in Bagdad eine neue Allianz zu schmieden, die alte Kluften überwindet.
Werden die Nichtwähler ...
Das ist freilich auch leichter gesagt als getan. Denn der heutige Irak ist geradezu auf Abhängigkeit von außen kalkuliert: Von seiner Geburt aus den Überresten des Osmanischen Reiches bis zum Ende der Ära Saddam Husseins hat dort die Minderheit der Sunniten über Kurden und die schiitische Mehrheit geherrscht – Churchill, auf dessen Wirken als Kolonialminister die Grenzziehung zurückgeht, war ein gelehriger Schüler Niccolo Machiavellis. Dessen Empfehlung an Eroberer lautet bekanntlich, besiegte Länder nicht selbst, sondern durch eine von dem Imperator abhängige lokale Minderheit zu beherrschen. Genau diese Konstruktion ist eine historische Ursache der andauernden Gewalt im Irak. Umso mehr Respekt verdient es, dass die Mehrzahl der Iraker sich auch von Morddrohungen Al Qaidas nicht vom Urnengang hat abhalten lassen – und damit von der Wahrnehmung eines demokratischen Grundrechts, das ihnen zuvor in vielen Jahrzehnten der Despotie vorenthalten geblieben war.
Entscheidend für die Stabilität des Landes und damit der ganzen Region ist aber, was die Iraker aus ihren demokratischen Rechten machen. Vor allem die Mehrheit der Schiiten steht vor der Frage, ob sie den Weg des Kompromisses mit Sunniten und Kurden fortsetzt, auf den sich Premier Nuri Al-Maliki begeben hatte. Oder ob sie die Interessen anderer ethnischer und religiöser Gruppen übergeht – und ganz auf Kulturkampf um schiitische Vorherrschaft im Irak setzt.
Wenn die Schiiten dabei dem Gewaltkurs des von Teheran gestützten Fundamentalisten Muktada Al-Sadr folgen, kann der Iran über den Irak seinen Einfluss im Mittleren Osten ausbauen. Die apokalyptischen Kämpfer der schiitischen Mahdi-Miliz sind dabei nur Teil eines ganzen Instrumentariums im Dienste iranischer Vorherrschaft. Dazu gehört der Griff nach Atomwaffen und weitreichenden Raketensystemen. Dazu gehören der Rückhalt für Hamas und Hisbollah und die Propaganda gegen das vom Iran als „zionistisches Gebilde“ diffamierte Israel. Dabei ist das Streben Teherans nach Hegemonie längst nicht mehr nur den Israelis, sondern auch den arabischen und türkischen Nachbarn unheimlich.
... das Wahlergebnis respektieren?
Trotzdem ist es wichtig, dass jetzt wenigstens indirekte Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern starten. Das Weltbild von Extremisten im Gefolge Teherans wird dies nicht verändern, für die gemäßigten Politiker, die es auch im Lager der Schiiten gibt, macht es aber einen Unterschied. Gerade in den nächsten, unsicheren Wochen der irakischen Regierungsbildung sind die Signale wichtig, die von neuen Nahost-Gesprächen ausgehen. Sie können jenen den Rücken stärken, die die stabilisierenden Erfolge im Irak weiterführen wollen – von der Steigerung der Ölförderung im Süden bis zur Wohlstandsblüte im kurdischen Norden des Landes. Die Wahlerfolge des Schiiten und früheren Premiers Ijad Allawi in sunnitischen Provinzen gehören ebenso dazu wie das positive Votum für Premier Maliki in schiitischen Provinzen.
Zur Freude hierüber ist es freilich noch zu früh: Denn die Wahlbeteiligung, 2005 immerhin bei 76 Prozent, ist auf 62 Prozent gesackt, die größte Partei ist auch im Irak die der Nichtwähler. Die zentrale Frage wird daher sein, ob auch sie das Wahlergebnis respektieren – oder ob sie es mit Waffengewalt bekämpfen.
Daran entscheidet sich am Ende auch, welche Gültigkeit eine düstere Prognose Winston Churchills heute noch hat. „Es ist unmöglich“, hatte der Kolonialminister 1922 erklärt, „den Irak zu regieren.“ Die Zukunft der Iraker hängt davon ab, diesen Satz praktisch zu widerlegen.
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