Es war äußerst mühselig für die Sprecher der Berliner Ministerien, die Aufregungen nach den verwirrenden Berichten vom Wochenende wieder zu dämpfen, wonach Bundesbedienstete einen angeblich „besseren“ Impfstoff erhalten. In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter. So ist die medizinische Fachwelt uneins, ob man tatsächlich angesichts der Impfstoffe Pandemrix und Celvapan von einem besseren und einem schlechteren sprechen kann. Pandemrix wird nur mit Teilen von Viren hergestellt, kombiniert mit einem Wirkungsverstärker; damit ist es das moderne Medikament, auch wenn der Verstärker geringfügige Nebenwirkungen auslösen kann. Celvapan ist die klassischere Variante, die allerdings auf eine stärkere Konfrontation mit dem kompletten Virus hinausläuft, was manche Mediziner auch nicht völlig unbedenklich finden. Entscheidend ist: Beide sind zugelassen, und beide sind wirksam.
Neuer Höhepunkt der Desorientierung
Das Problem liegt nicht im Nebeneinander der beiden Impfstoffe. Das Problem liegt in einer insgesamt unzureichenden Strategie der Bundesregierung im Umgang mit der Schweinegrippe. In dem Bemühen, Offenheit zu demonstrieren, haben die Verantwortlichen eine Kommunikationspanne nach der anderen produziert und damit dem Vertrauen in die jetzt anlaufende H1N1-Impfung massiv geschadet.
Erst wurde mit düsterer Miene an der Umsetzung von Pandemieplänen gearbeitet, und millionenfach wurden Impfdosen geordert. Dann, als das Thema auch in den Medien nicht mehr so ernst genommen wurde, ließ auch die Politik die Sache schleifen. Gestern markierte der Bundesinnenminister einen neuen Höhepunkt der allgemeinen Desorientierung. Er wisse gar nicht, sagte Wolfgang Schäuble, ob er sich „jemals impfen lassen“ werde. Wolfgang Bosbach, Vize der CDU/CSU-Fraktion, schloss eine Impfung gegen die Schweinegrippe für sich bereits definitiv aus. Die Praktiker in den Gesundheitsbehörden der Länder, die sich in diesen Tagen auf die Impfungen vorbereiten, schlagen angesichts solcher Äußerungen aus Berlin die Hände über dem Kopf zusammen: Kann man die Verwirrung der Bürger noch steigern?
Natürlich kann der Staat niemandem die Entscheidung für oder gegen die Impfung abnehmen. Die Politik scheint sich aber nicht einmal zu einer überzeugenden Ratgeberrolle aufschwingen zu können. Jetzt gilt es, zwei Grundtatbestände gegeneinander abzuwägen. Einerseits gibt es gegen Infektionskrankheiten nach wie vor nur ein wirksames Mittel: die Impfung. Impfkampagnen gegen Masern, Influenza und Hepatitis gehören in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten zum Alltag – und sie haben bedeutende Erfolge erzielt. So konnten 1977 die Pocken weltweit ausgerottet werden. Kinderkrankheiten wie Masern, Keuchhusten oder Diphtherie, an denen vor dem Zweiten Weltkrieg noch jährlich mehr als 10?000 Kinder starben, haben ihren Schrecken verloren. Andererseits hat die Schweinegrippe, bislang jedenfalls, in Deutschland zu keinen schweren Folgen geführt. Hierzulande kennt inzwischen fast jeder einen mit Schweinegrippe infizierten Mallorca-Rückkehrer, der nach zwei Tagen leichten Fiebers wieder genesen ist. Wozu also impfen?
Mediziner geben kein gutes Beispiel
Doch noch ist völlig unklar, wie dramatisch die erwartete H1N1-Epidemie überhaupt ausfallen wird. Dass es bisher in Deutschland vor allem leichte Verläufe gibt, heißt nicht, dass es dabei bleiben muss. Albtraumhaft bleibt die Vorstellung, der neue Erreger könne seine Eigenschaften ändern, etwa indem er leichter übertragbar wird oder größeren Schaden anrichtet. Doch beides könnte bloße Theorie bleiben.
Es ist daher kein Wunder, wenn die Patienten das tun, was ihnen unter der Hand auch manche Ärzte raten: erst mal abwarten. Solange auch das medizinische Personal nicht mit gutem Beispiel vorangeht, wird es schwer, die Impfmüdigkeit zu überwinden. Schätzungen zufolge sind sogar gegen die saisonale Influenza nur 15 Prozent der Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger geimpft. Nur zur Erinnerung: An dieser normalen Grippe sterben jährlich 8000 bis 10.000 Menschen in Deutschland.
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