Zweifellos könnte sich im Irak vieles zum Besseren wenden, wenn man das Land nur endlich den Irakern überließe. Doch das muss dann für alle ausländischen Einflüsse gelten. Wieso herrscht in Bagdad politischer Stillstand? Warum ist das Parlament erst drei Monate nach der Wahl zusammengetreten? Weshalb ist bis heute kein Präsident gewählt, keine Regierung gebildet? Wer diesen Fragen nachgeht, entdeckt andere Ursachen als die US-Präsenz. „Bring our boys home“? Bei promptem US-Abzug würde das entstehende Vakuum sehr schnell gefüllt – von Kräften, die kein Interesse an einem stabilen Irak haben und die vom Iran munitioniert werden.
Eine blühende Demokratie im Irak ...
Ein Spielball fremder Mächte war der Irak gleichsam von Geburt an. Schon Winston Churchill, der ihn 1921 aus den Ruinen des Osmanischen Reiches formte, erwies sich dabei als gelehriger Schüler Machiavellis: Die sunnitische Minderheit ließ er über die Mehrheit der Schiiten und die Kurden herrschen, deren Siedlungsgebiet so unter vier Staaten aufgeteilt wurde, dass auch sie jeweils in der Minderheit blieben. Später waren es die Amerikaner, die den Irak unter Saddam Hussein zunächst bis 1988 gegen den Iran in Stellung brachten, bevor sie 1991 gegen den irakischen Überfall auf Kuwait und erst 2003 gegen Saddam selbst vorgingen. Weil die USA dazu die irakische Opposition einbinden mussten, sind sie damit, unverhofft, zu Mentoren eines irakischen Neustarts geworden.
Dagegen aber steht der Iran. Wie weit dessen Einfluss reicht, lassen Berichte ahnen, nach denen seine Revolutionsgarden Soldaten in allen irakischen Schiitenprovinzen stationiert haben. Die „Quds-Armee“, eine Truppe zur „Befreiung“ Jerusalems, kontrolliert gemeinsam mit der islamistischen Hisbollah aus dem Libanon Wege für Waffen und Milizen quer durch den Irak. Mit blumigen Worten von „Freundschaft“ und „humanitärer Hilfe“ verbrämt Teheran überdies jahrelange militärische Unterstützung für eine Vielzahl schiitischer Milizionäre. Für Muqtada al-Sadr und dessen 60 000 Mann starke „Mahdi-Armee“. Für Amar al-Hakims „Islamischen Höchsten Rat des Irak“ und seine 15 000 Milizen der „Badr-Brigaden“. Und nicht zuletzt für den Iran-freundlichen Premier Nuri al-Maliki.
Das militärische Kräftemessen setzt sich fort in der irakischen Innenpolitik. Bei der Parlamentswahl unterlag al-Maliki seinem Konkurrenten Ijad Allawi. Der hat zwar Rückhalt bei Sunniten und Kurden. Doch al-Maliki blockiert alle Bemühungen um eine Große Koalition, ohne die der Irak unregierbar bleibt.
... wäre der GAU für den Iran
Der für den Irak schädliche Stillstand ist für den Iran ein Wert an sich. Vor allem will Teheran, dass Bagdad nie wieder zum mächtigen Kriegsgegner wird. Auch wollen die Mullahs, denen Al-Maliki Aufträge in Milliardenhöhe beschert hat, ihren ökonomischen Einfluss sichern. Und nicht zuletzt wäre für sie ein Nachbar, der mit Demokratie und Pluralismus der iranischen Opposition Flügel verleiht, gleichsam der größte anzunehmende Unfall (GAU). Lieber ist ihnen ein Irak, der sogar Irans Atompläne noch gutheißt, gegen die die Europäer durch die jüngsten Sanktionen gerade den transatlantischen Schulterschluss mit den USA proben.
Die Blockade und die Infiltration des Irak sind Beispiele dafür, dass Teheran nicht nur Israel im Visier hat, sondern die Vormacht in der Region auf Kosten aller Nachbarn anstrebt. Eine Chance, den iranischen Einfluss einzudämmen, liegt dagegen im wachsenden irakischen Nationalbewusstsein der Schiiten des Landes: Bei der jüngsten Wahl haben extremistische und gewaltbereite Schiiten deutlich an Rückhalt verloren – und damit ist zugleich der Einfluss Teherans gesunken.
Gemäßigte Kräfte zu stärken, ist freilich eine Aufgabe, die sich nicht unter dem Termindruck eines hastigen Truppenrückzugs bewältigen lässt. Der Versuch, die US-Truppen allzu schnell abzuziehen, könnte geradewegs in ungeahnte neue Kampfeinsätz münden. Statt vom Abzug schon zur Jahresmitte ist nun vom Ende von Kampfeinsätzen im August die Rede. Tatsächlich aber braucht der Irak zur Stabilisierung sehr viel mehr Zeit.
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