Diese anrührende Mischung aus Stolz und Reserviertheit soll auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die Grundstimmung sein, die die Deutschen ihrer Hauptstadt, ja ihrem ganzen Land gegenüber empfinden.
Es sei, sagen die Meinungsforscher vom Institut für Demoskopie in Allensbach, keine Momentaufnahme, sondern eine Art Nationalgefühl: Die Deutschen sehen Berlin heute als Mittelpunkt der Nation, nicht geografisch natürlich, sondern politisch, gesellschaftlich, kulturell. Die Meinungsforscher des Traditionsinstituts vom Bodensee, die seit den Fünfzigern in Abständen von etwa zehn Jahren ein Befindlichkeitsprofil der Deutschen erstellen, haben sich deshalb entschieden, der Sammlung ihrer Erhebungen aus dem ersten Jahrzehnt den Titel „Berliner Republik“ zu geben. Dahinter steckt durchaus eine mutige, wenn nicht eine gewagte Prognose.
Es ist noch nicht lange her, da war „Berliner Republik“ eine Art Kampfbegriff. Die Gegner des Regierungsumzugs hatten den Begriff warnend verwendet, als Gegenmodell für die „Bonner“ oder die „rheinische Republik“. Diese stand für die Wirtschaftswunderjahre, für die rheinische, mithin für die durch soziale Errungenschaften abgefederte Form des Kapitalismus, für die Bescheidenheit der Deutschen auf der internationalen Bühne. „Berliner Republik“? Schwang da nicht ganz leise das unheilvolle Omen „Weimarer Republik“ mit?
Berlin ist in diesem Sinne nicht nur eine Stadt, sondern auch eine Idee. Berlin steht für den Zentralismus – und damit einem über die Jahrhunderte vorherrschenden Grundgefühl der Deutschen entgegen: dem gelebten Partikularismus, anders gesagt, der Neigung der Deutschen zur Kleinstaaterei. Diese Auffassung, vielleicht zutreffender: das Gefühl, in kleineren kulturellen und politischen Einheiten besser aufgehoben zu sein als in einem großen Nationalstaat, ist ja keineswegs ein Reflex auf die leidvollen Erfahrungen aus dem Nationalsozialismus. Schon Bismarck und lange vor ihm Kaiser und Kurfürsten hatten ihre liebe Mühe, die deutschen Stämme unter einem Souverän zu einigen.
Was die Meinungsforscher nun herausgefunden haben wollen und was sie auch mit ihren Methoden belegen, ist nicht weniger als ein Wandel des politischen, auch des kulturellen Bewusstseins. Die Deutschen rücken, womöglich angesteckt vom Faszinosum Berlin, von ihrer Vorstellung ab, dass aus einer mächtigen Zentrale nur Unheil droht. Weniger als früher ist die Bevölkerung davon überzeugt, dass ihr das föderale System der Bundesrepublik Deutschland Vorteile bringt. Die leidvollen Erfahrungen vieler Eltern mit den so unterschiedlichen Schulsystemen zum Beispiel haben Einfluss auf solche Einstellungen. Die Deutschen haben in einer mehr und mehr mobilen Gesellschaft nicht nur in der Bildung die Empfindung, dass möglichst viel gleich oder gleichwertig geregelt sein sollte. Dasselbe gilt auch im Sozialsystem oder bei der inneren Sicherheit. So eilt die öffentliche Meinung auf diesem Gebiet der politischen Wirklichkeit voraus.
Die modernen Landesfürsten und die sie tragenden Parlamente gehen den von der Mehrheit der Deutschen gewünschten Weg nach mehr Einheitlichkeit nur widerstrebend mit – weil sie die Selbstaufgabe fürchten. Es bleibt auch fraglich, wie weit die Deutschen gehen würden, wenn man den Föderalismus ernsthaft infrage stellen würde. Darauf haben die Meinungsforscher keine Antwort.
An anderer Stelle wiederum sehen die Demoskopen die Politiker der Volksmeinung vorauseilen: dort, wo die gewachsene Bedeutung des wiedervereinten Deutschlands einhergehen muss mit mehr internationaler Verantwortung. Die Deutschen sind durchaus selbstbewusst, was ihre eigene Bedeutung im Zusammenspiel der Nationen angeht, sie plädieren gleichwohl für Bescheidenheit im Auftreten. Dass Deutschland militärisch am Hindukusch und wo es sonst brennt in der Welt vertreten sein muss – das sieht die Mehrheit der politischen Klasse so, aber nur eine Minderheit in der Bevölkerung. Die Schlussfolgerung aus diesen Erkenntnissen wiederum ist eine tröstliche: Die neue „Berliner Republik“ will niemanden dominieren, sie ruht in sich.
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