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Michael Berger über Käßmann und die EKD

Das neue Profil


Hannover wird schon seit Jahrzehnten etwas kühn als „Hauptstadt des Protestantismus“ bezeichnet. Schließlich sitzt hier das Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), eine im Vergleich zum Vatikan sehr bescheidene Behörde: evangelischer Geist hinter rotem Backstein.

Mit der Wahl Margot Käßmanns zur EKD-Ratsvorsitzenden hat Hannover nun allerdings tatsächlich den inoffiziellen Titel gewonnen, die Hauptstadt des Protestantismus zu sein.

Käßmanns Wahl war seit Sonntag vorhersehbar, als sich bei der Vorstellungsrunde viele männliche Mitbewerber mehr oder minder blamierten oder einfach zu blass blieben. Dass Käßmann bei der Ratswahl gestern nur fünf Gegenstimmen bekam, ist dennoch überraschend. Denn noch vor gut zwei Jahren schien es konservativen Protestanten heikel, ausgerechnet eine geschiedene Bischöfin zur Vorzeigefrau aller evangelischen Kirchen zu machen. Jeder, der damals einen Cent auf die Hannoveranerin gewettet hätte, hätte ihn gewiss verloren.

Über Glaubwürdigkeit zur Popularität

Das Zauberwort, das Käßmanns Erfolg in der Kirche begründet, heißt Glaubwürdigkeit. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit hat sie damals das Scheitern ihrer Ehe bekannt gegeben. Sie hat das Vorspiegeln falscher Tatsachen einfach nicht ertragen können und damit einer Grundhaltung Ausdruck gegeben, die als urprotestantisch gelten könnte: Hier stehe ich, ich kann nicht anders – nehmt mich hin, wie ich bin. Und das Publikum, ein Massenpublikum, nahm sie hin. Nach der Scheidung wuchs ihre Popularität noch. Bereits der Kölner Kirchentag wurde für viele zu einer Käßmann-Wallfahrt, auf dem Kirchentag in Bremen war sie bei den Bibelarbeiten bereits gefeierter als Altstars wie Heinz Zahrnt. An all dem konnte auch die in Ulm versammelte Synode nicht vorbeigehen. Hätte sie Käßmann die Zustimmung verweigert, hätten die Delegierten die Frage beantworten müssen, was sie eigentlich dagegen haben, wenn eine Bischöfin beim Volk gut ankommt.

Der gegen Käßmann vorgebrachte Einwand, Frauen an der EKD-Spitze könnten das Verhältnis zum Katholizismus verdunkeln, ist längst verpufft. Solches Denken war nie überzeugend, denn als Protestant fragt man nicht den Papst um Erlaubnis, wenn man eine Bischöfin kürt. So ist die Wahl Käßmanns die leibhaftige Verkörperung dessen, was Vorgänger Huber als „Ökumene der Profile“ propagiert hat. Jeder kann jetzt auf den ersten Blick sehen, dass Frauen bei den Protestanten den Ton angeben. Das ist zumindest ein Unterscheidungsmerkmal, auch wenn Gläubige beider Konfessionen das Vaterunser beten. Aber der Slogan „Wir sind Papst“ gilt nicht für Protestanten, und die „Päpstin“ gibt es nur im Film. Wenn Käßmann klug ist – und dies darf man voraussetzen – muss sie jetzt einiges tun, einen Personenkult zu verhindern. Denn der passt nicht zum Protestantismus.

Doch graue Mäuse will man auch nicht in die Medien schicken. Auch die Kirchen haben anerkannt, dass die moderne Medienlandschaft zu einer eigenen Wirklichkeit geworden ist, mit der umzugehen man dringend lernen muss. Käßmann leistet dabei im Großen jene Übersetzungsarbeit, die jedem Landpfarrer Sonntag für Sonntag im Kleinen auferlegt ist, wenn er seine Kanzel besteigt und das Evangelium auslegt. Frohe Botschaft heißt dies griechische Wort. Mit Käßmann, so die Hoffnung, kommt sie noch froher rüber.

Effizienz? Nicht ohne Herzenswärme

Indes wird auch eine Frau an der EKD-Spitze keine Berge versetzen. Es reicht schon, wenn sie Präsenz zeigt, die der Volkskirche verloren gegangen ist. Käßmann gibt dem Glauben, und das ist nicht wenig, ein anderes Image: mehr Mumm und weniger Muff.

orgänger Hubers großes Verdienst ist es, dem Leistungsgedanken in den kirchlichen Selbstreflexionen ein größeres Feld eingeräumt zu haben. Er hat gewissermaßen die etwas schlaffe organisierte Christenheit aufgeweckt, die sich in überkommenen Strukturen zu wohlig eingerichtet hatte. Nach Hubers Weckruf braucht allerdings die Pfarrerschaft Zuwendung. Denn trotz aller notwendigen Effektivitätssteigerungen darf es in der Kirche nicht zugehen wie bei McKinsey. Schließlich sagt ihr Herr, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Eine gewisse Spannung zu dem, was weltliche Organisationen auszeichnet, muss in der Kirche erhalten bleiben. Jetzt wird es schlicht darum gehen, die Gemeinden „mitzunehmen“, wenn man ehemals volkskirchliche Strukturen strafft. Käßmann weiß, dass es dabei auch um Herzenswärme geht. Auch in der Hauptstadt Hannover.

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  • Luthers Vermächtnis neu belebt. Ha711 – 29.10.09
    Sehr gut gelungen der Kommentar von Michael B. Berger. Ihm ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Berger hat das Ur-lutherische am bisherigen Wirken der neuen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann eindrucksvoll herausgestellt. Sie wird nicht in Samt und Seide präsidieren. Sie verfügt nicht über eine Kapitalgesellschaft. Sie wird niemals auf den Gedanken verfallen, sich selbst und ihren Kirchen-Rat als unfehlbar zu bezeichnen. Sie wird schlicht und bescheiden die Botschafterin Christi sein gemäß dem Christuswort "Mein Reich ist nicht von dieser Welt".

    Luthers Vermächtnis in Glaubensechtheit und Ehrlichkeit wird durch Margot Käßmann neu belebt. Darüber dürfen sich alle Christen freuen.

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