Und wenn sie mögen, einige der zahlreichen Diskussionen über Literatur und den Buchmarkt erleben oder Auftritte preisgekrönter Autoren wie etwa György Dalos. Der ungarische Autor hat zum Messeauftakt den angesehenen Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten.
Viele Autoren, Verleger und Buchhändler treibt derzeit aber nicht so sehr das Thema der europäischen Verständigung um. Sondern die Sorge, wie man Leser davon überzeugen kann, dass es problematisch ist, online verfügbare Bücher zu nutzen – ohne sich darum zu scheren, ob das legal oder illegal ist. Ein Großteil der Literatur ist online und lässt sich selbst von Laien problemlos auf den privaten Rechner herunterladen. Umso dringender ist die Frage, wie sich im Internetzeitalter das Urheberrecht – also das Recht eines Autors und seiner Erben an einem Werk – schützen lässt.
Besserer Schutz für Autoren
Vielen, gerade jüngeren Lesern sind solche Fragen jedoch fremd. Sie sind es gewohnt, dass Inhalte im Netz kostenlos und sofort zu haben sind. Urheberrecht? Geistiges Eigentum anderer Menschen? Downloadgebühren? Ach, nee. Immerhin gibt es nach Expertenschätzungen zwischen 50 000 und 100 000 Internetseiten, von denen sich Bücher, Musik, Filme und Spiele illegal laden lassen. Das Angebot zum Raubkopieren ist verlockend.
Zum Thema wurde der lockere Umgang mit dem Urheberrecht gerade, als Plagiatsvorwürfe gegen Helene Hegemann laut wurden. Sie hatte für ihren Debütroman „Axolotl Roadkill“ Passagen aus anderen Büchern übernommen, ohne auf die Quellen zu verweisen. Die 18-Jährige entschuldigte sich zwar, betonte jedoch, dass der Entstehungsprozess ihres Romans „mit den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und Transformieren“.
Tatsächlich sind Transformieren, Sampeln und Überschreiben gängige literarische Methoden. Und Helene Hegemann, eine Kandidatin bei der Verleihung des Leipziger Bücherpreises, wirft beharrlich die berechtigte Frage auf, wie sich Autorenschaft und, wichtiger noch, Authentizität im Internetzeitalter überhaupt definieren lassen. Dennoch verweist der „Fall Hegemann“ auf die (fahr-)lässige Nutzung von Netzinhalten – und damit die Verletzung des Urheberrechts.
In der „Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums“ appellieren namhafte Schriftsteller wie Günter Grass, Christa Wolf und Sybille Lewitscharoff jetzt, „dass der Schutz geistigen Eigentums, die Wahrung der Rechte von Urheberinnen und Urhebern, nach wie vor uneingeschränkte Geltung und Priorität genießen“ sollten, und protestieren gegen eine „fahrlässige Akzeptanz von Rechtsverstößen“.
Interessen prallen aufeinander
Das klingt gut und richtig. Schon seit geraumer Zeit machen sich Verbände – allen voran der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – für einen besseren Urheberrechtsschutz im Internet stark. Doch die Lage ist kompliziert, weil viele unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen. Da sind zum Beispiel die (jüngeren) Autoren, die eine Verbreitung ihrer Texte im Netz normal finden. Andere Schriftsteller nutzen das Internet als Marketingplattform und stellen die Anfangskapitel ihrer Romane ins Netz, um so Leser neugierig zu machen – und zum Kauf der gebundenen Bücher zu animieren.
Auch die Verlage verfolgen in der Rechtefrage unterschiedliche Strategien und experimentieren zum Teil mit neuen Geschäftsmodellen. Der gerade gegründete Wissenschaftsverlag „Berlin Academic“, eine Tochter des renommierten Berlin Verlags, will demnächst wissenschaftliche Texte kostenlos auf seiner Website anbieten. Verlegerin Elisabeth Ruge glaubt, dass sich trotzdem genügend Käufer finden, die lieber das gebundene Buch mit demselben Text kaufen – und der Verlag so doch noch zu seinem Umsatz kommt.
Auf jeden Fall muss die Branche weiter für den Schutz des Urheberrechts streiten – aber zugleich, was mindestens ebenso wichtig ist, ein Recht fürs 21. Jahrhundert entwickeln, das den heutigen medialen Gegebenheiten, den Lese- und Kopiergewohnheiten angepasst ist. Die Leipziger Buchmesse ist ein guter Ort, um nicht nur über Internetpiraterie zu jammern, sondern Ideen anzustoßen.
HAZ.de Anmeldung