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Stefan Stosch über das neue 3-D-Kino

Die Zauberformel


Neuerdings braucht es für einen gelungenen Kinoabend mehr als nur einen spannenden Film und ein bisschen Knabberzeug. Zur Ausrüstung sollte auch eine dunkel getönte Brille gehören, zu erwerben an der Kinokasse. Nötig ist die Brille spätestens seit dem 17. Dezember.

An diesem Tag startete James Camerons
Science-Fiction-Spektakel „Avatar“. Wer genießen will, wie blaue Riesen auf ihrem bunten Planeten herumturnen und dabei beinahe den Zuschauersaal entern, muss sie in dreidimensionaler Pracht erleben – und die passende Brille aufsetzen.

Zugegeben, die Kinoindustrie hat schon oft die Zauberformel 3-D ausgegeben. Alle Jahrzehnte wieder tauchten Pappbrillen in den Kinos auf, um dann schnell wieder zu verschwinden. Bislang trugen die Brillen ihren Trägern jedoch vor allem Kopfschmerzen und kaum einen räumlichen Eindruck vom Leinwandgeschehen ein.

Doch heute ist die Technik weiter. Hollywoodgrößen wie Jeffrey Katzenberg, Mitbegründer des Studios Dreamworks und verantwortlich für Knüller wie „Shrek“ oder „Ice Age“, spricht von einer Revolution im Kino. Er vergleicht die neue Zeit mit der Erfindung von Ton- oder Farbfilm.

Neue Technik gegen alte Sorgen

Der Vergleich ist gewiss überzogen. Die markigen Worte sollen auch die grassierende Angst bezwingen. Die Branche fürchtet, gegen hochgerüstete Heimkinos an Attraktivität zu verlieren. Warum soll jemand eine Kinokarte lösen, wenn er im Wohnzimmer vor einem Flachbildschirm mit bester Bild- und Tonqualität sitzen und sich aus dem Internet mit Filmen versorgen lassen kann?

Die Zukunftssorgen der Kinoindustrie werden nur bedingt dadurch gemindert, dass die Ticketverkäufe im Jahr 2009 überdurchschnittlich gut waren. In Deutschland hat der Umsatz um mehr als zehn Prozent zugelegt. In den USA wurde erstmals die Zehn-Milliarden-Umsatzmarke angekratzt. Doch hat es keinen Ansturm auf die Säle gegeben, vielmehr sind die Eintrittspreise gestiegen – auch wegen der deftigen 3-D-Zuschläge.

Manche Besucher sind wohl auch deshalb zu den lustigen Trickfilmen geflüchtet, weil sie der bedrückenden wirtschaftlichen Wirklichkeit draußen entkommen wollten. Hollywoodexperten sehen einen Bezug zwischen Kino und Krise. Wenn die Krise vorbei ist, müssen packende Filme her, die das Publikum in den dunklen Saal locken.

Bislang war das Dreidimensionale nur ein zusätzlicher Spezialeffekt, die Wirkung schnell verpufft. 3-D-Werke wie die Computertrickfilme „Oben“ oder „Wall-E“ erfreuten ebenso in herkömmlichen Kinos, also ohne Tiefenwirkung.

Das ist bei „Avatar“ anders. Der Visionär Cameron, der mit „Titanic“ den erfolgreichsten Film aller Zeiten ablieferte, hat die Skeptiker beeindruckt. Ist 3-D doch mehr als nur ein Mittel, um die Kinopreise zu erhöhen? Immer mehr Hollywoodproduktionen werden dreidimensional gefilmt, beispielsweise „Alice im Wunderland“ von Tim Burton oder „Tim und Struppi“ von Steven Spielberg. 3-D ist bei großen Popcornfilmen auf dem besten Weg, Standard zu werden.

Digitalisierung wird Pflicht

Noch wird in Deutschland darüber gestritten, wer die teure Kinoumrüstung bezahlen soll. Bislang kann dreidimensionales Kino nur auf jeder zehnten der knapp 5000 Leinwände gezeigt werden. Mit einiger Verzögerung haben die großen Ketten erkannt, dass sie handeln müssen. Seit Kurzem haben zum Beispiel auch das CineStar-Kino in Garbsen sowie die beiden Cinemaxx-Kinos in Hannover 3-D im Angebot. Das Utopia in Langenhagen hat pünktlich zu „Avatar“ umgestellt – und einen dreimal höheren Zuschauerzuspruch als in 2-D-Sälen.

Doch wie sollen die kleinen Kinos auf den Stand der Technik gebracht werden – also jene Unternehmen, die sich der Filmkultur verschrieben haben? Sie können nicht mal eben 100 000 Euro pro Saal auf den Tisch legen. Noch feilscht die Bundesregierung mit Verleihern und Kinobetreibern über die Kostenverteilung bei einer flächendeckenden Umstellung.

Es geht dabei nicht allein um den dreidimensionalen Spaß: Die Digitalisierung ist Pflicht für Kinobetreiber, die künftig brandneue Filme anbieten wollen. Die Zeit läuft ab, in der teure Zelluloidrollen durch die Republik gekarrt werden. Filme kommen demnächst auf Festplatte ins Kino – und irgendwann auch per Satellit.

Klar, um eine nette Komödie oder eine traurige Liebesgeschichte intensiv zu erleben, braucht es kein 3-D. Doch schon für die nächste Generation von Kinogängern dürfte es selbstverständlich sein, dass ihnen blaue Riesen hautnah auf den Leib rücken.

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