Die Grünen erleben sich und ihre Partei in einem gleichsam aufgepumpten Zustand. Schon seit Jahresbeginn werden ihnen immer neue demoskopische Rekordmarken bescheinigt. Laut Infratest dimap wuchs bei der Sonntagsfrage der Stimmenanteil der Grünen von zwölf Prozent im Januar nach und nach auf stolze 17 Prozent in der jüngsten Juli-Umfrage. Nie in ihrer Geschichte waren die Grünen in solche Höhen vorgestoßen. Vergessen sind die Zeiten, in denen sich an Wahlabenden bärtige Pullover-und-Turnschuh-Typen in die Arme fielen, weil sie ausnahmsweise mal hier oder dort die Fünfprozenthürde übersprungen hatten. Trittins heutige Grüne sehen sich vor keiner Hürde mehr. Sie sehen sich nicht mal mehr als kleine Partei. Neuerdings spricht Trittin von „größeren mittleren Parteien“ wie der SPD und „kleineren mittleren Parteien“ wie den Grünen. So redet einer, der sich leise lächelnd auf der Seite der kommenden Dinge wähnt: als cooler künftiger Machtverteiler mitten in einer neuen politischen Landschaft in Deutschland.
Wer schlägt da den Takt?
Was soll geschehen, wenn es in einem Parlament weder die früher sehr verbreiteten schwarz-gelben noch die ebenfalls verbreiteten rot-grünen Mehrheiten gibt? Die Grünen sind dabei, sich so zu positionieren, dass am Ende sie es sind, die dann die Antworten geben. Im vorigen Jahr, als es um das Saarland ging, entschieden sich die Grünen für ein Jamaika-Bündnis mit CDU und FDP. Als jetzt das gleiche Problem in Nordrhein-Westfalen zu lösen war, waren die Grünen dafür, es mit einer rot-grünen Minderheitsregierung zu versuchen. Bangend blickte erst Peter Müller an der Saar, dann Hannelore Kraft am Rhein auf die Grünen: Hebt oder senkt Trittins Partei den Daumen?
Der Respekt der Grünen vor den Schwarzen und den Roten schwindet. Als die CDU dieser Tage wieder längere Laufzeiten für Kernkraftwerke ins Spiel brachte, blies Grünen-Chefin Claudia Roth die Backen: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“ Als der SPD-Vorsitzende laut über Minderheitsregierungen im Bund nachdachte, reagierte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast abfällig: „Sigmar Gabriel ist es wohl zu heiß geworden“.
Immer öfter entstand zuletzt der Eindruck, es seien die Grünen, die den Takt schlagen. Es war Trittin, der mit Hohn und Spott wie kein zweiter Fraktionschef im Bundestag dazu beitrug, den Bundespräsidenten Horst Köhler nach dessen umstrittenen Afghanistan-Äußerungen ins Trudeln zu bringen. Es war Trittin, der Gabriel den auch in konservativen Kreisen populären Joachim Gauck als rot-grünen Bundespräsidentenkandidaten vorschlug. Und es war Trittin, der der SPD riet, in Nordrhein-Westfalen den Weg der Minderheitsregierung einzuschlagen. Wer ist da Koch, wer nur Kellner? Schon in Gerhard Schröders rot-grüner Regierung gab es darüber mitunter Streit. Jetzt, da SPD wie Grüne in der Opposition sind, fällt die Unterscheidung noch schwerer.
Der erste Griff nach der Staatskanzlei
Die Rückkehr der SPD zu der für sie früher üblichen 40-Prozent-Marke wird jedenfalls nicht allein durch die Linkspartei gebremst. Stärker denn je graben heute die Grünen den Sozialdemokraten das Wasser ab, besonders wenn es um städtische, akademisch gebildete Wechselwähler geht. Den Grünen hilft dabei ein Mechanismus, der wie eine wandernde Luftblase zuvor die Liberalen zu ungeahnter Größe führte: Wenn eine Partei schon lange nicht mehr an der Bundesregierung (und deren oft unpopulären Beschlüssen) beteiligt war, erscheint sie vielen irgendwann als eine Kraft, die man endlich mal zum Zuge kommen lassen müsse, damit frischer Wind wehe und alles besser werde. Die Entzauberung folgt dann oft später, im Regierungsalltag. So glitten die Liberalen zwischen Juli 2009 und Juli 2010 von 14 auf nur noch fünf Prozent ab.
Die Grünen indessen, aufgebläht wie nie, suchen derzeit ganz neue Kraftproben, etwa im Land Berlin. Da erwägt Renate Künast, sich im Jahr 2011 zur Regierenden Bürgermeisterin küren zu lassen. Erstmals wäre dann eine der 16 Staatskanzleien in Deutschland in grüner Hand. Die SPD, die früher oft die rot-grüne Gemeinsamkeit beschwor, hätte wenig Grund zum Jubel: Ein Erfolg Künasts setzt die Entmachtung des bisherigen Bürgermeisters voraus, und der heißt Klaus Wowereit und ist Sozialdemokrat.
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