Angela Merkel will offenbar ihre Rolle als Präsidialkanzlerin weiter spielen: Jedem wird ein offenes Ohr geschenkt, niemandem soll ernsthaft weh getan werden.
Ihr gestriger Besuch beim Deutschen Gewerkschaftsbund war eines jener Zeichen, die sie in diesen Tagen bewusst setzt. Wer sie beim Plausch mit Michael Sommer beobachtete, konnte schnell den Eindruck gewinnen, dass das gute Miteinander auch über die Koalitionsverhandlungen hinaus Bestand haben wird.
Merkel ist entschlossen, die Bäume der Marktliberalen in Union und FDP nicht in den Himmel wachsen zu lassen. So wenig wie ihr politischer Ziehvater Helmut Kohl zeigt sie die Neigung, auf Krisenzeiten mit einschneidenden Reformen zu reagieren. Ihre Devise lautet: Vertrauen gewinnen, auch in jenen Kreisen der Gesellschaft, die sie gar nicht gewählt haben.
Eine präzise Antwort auf die enormen Herausforderungen bleibt Merkel damit allerdings schuldig. Die milliardenschweren Garantien, die den Banken gewährt worden sind, hängen wie ein Damoklesschwert über der neuen Regierung. Und die Schuldenberge der öffentlichen Haushalte wachsen, ohne dass Lösungen in Sicht kommen. Führt dieser Kurs in eine bessere Zukunft? Kohl hat lange regiert, am Ende aber standen Stillstand und Reformstau. Merkel muss aufpassen. Im Beispiel Kohl liegen Vorbild und Mahnung zugleich.
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