Doch jetzt gibt es ein neues Datum, das man sich merken muss: den 9. November 2009. Nie wurde mit so viel positiver Emotionalität in Deutschland und rund um die Welt der Jahrestag des Mauerfalls begangen. Ein zweites Mal können die Deutschen jetzt festhalten, Glück gehabt zu haben. In den vergangenen 20 Jahren haben sie es nicht nur hinbekommen, die Einheit in Freiheit zu organisieren. Wichtiger noch war, was ihnen jetzt alle Nachbarn in Europa und auch Amerikaner und Russen bescheinigen: Deutschland hat in diesen 20 Jahren viel Vertrauen und Sympathie hinzugewonnen.
Selbstverständlich war das nicht. In Großbritannien kursierten damals Ängste vor einem „Vierten Reich“. Auch Frankreich musste sich erst noch sortieren, als die Mauer fiel. Und nicht zuletzt im 50 Jahre zuvor von deutschen Truppen überfallenen Polen gab es damals Sorgen, die sehr ernst genommen werden mussten.
Viel Anerkennung für drei Kanzler ...
Gestern Abend hat Lech Walesa, der frühere Chef der ersten freien Gewerkschaft in Polen, die künstlerisch gestaltete Domino-Mauer einstürzen lassen – und damit ein doppeltes Signal gegeben. Den Polen wurde vor Augen geführt, dass Berlin heute ein guter, ein fröhlicher Ort ist. Und die Deutschen wurden daran erinnert, dass es die Polen waren, die schon zu Beginn der achtziger Jahre mit ihren antikommunistischen Aktionen den gesamten damaligen Ostblock und damit auch die Berliner Mauer in erste, destabilisierende Schwingungen versetzten. Während Vertreter aus Polen gestern in Berlin mitfeierten, machten umgekehrt auch Deutsche in Warschaus Innenstadt mit, als es galt, künstlerisch gestaltete Mauerstücke zum Einsturz zu bringen – und anschließend das Glas zu erheben.
Zur gleichen Zeit fanden sich bei Bundespräsident Horst Köhler in Berlin so viele hochrangige Vertreter der Staatenwelt ein, dass die Protokollbeamten im Schloss Bellevue bis heute grübeln, ob sie jemals zuvor so viele prominente Gäste auf einmal gesehen haben. Bei einem EU-Gipfel hatte man in Berlin schon mal die europäischen Premiers versammelt, nicht aber gleichzeitig den russischen Staatspräsidenten und die amerikanische Außenministerin. Streng genommen wäre ein solcher Auftrieb gar nicht nötig gewesen. Doch es ist wie im Privatleben: Kommen viele Gäste und kommen sie gern, freut sich der Jubilar.
Möglich gemacht wurde diese Welle der Zuneigung durch eine umsichtige und verantwortungsvolle Politik aller Bundesregierungen seit 1989. Zu nennen ist zuerst Helmut Kohl. Der Mann hat Wort gehalten, etwa im Verhältnis zu Polen. Und er hat das Kunststück hinbekommen, gleichzeitig Vertrauen in Washington und Moskau zu erwerben, bei George Bush senior und Michail Gorbatschow. Neue Sorgen kamen auf, als später die deutsche Regierung von Bonn nach Berlin zog. Erstmals seit der Nazizeit, hieß es damals, regiere nun wieder in der Millionenmetropole ein deutscher Kanzler; jetzt werde sich zeigen, ob das Land nicht doch den Verlockungen eines neuen Nationalismus folge. Es war die rot-grüne Koalition von Gerhard Schröder und Joschka Fischer, die solche Sorgen zerstreute: durch eine nach innen liberale und nach außen betont weltoffene Politik.
... und für die Deutschen insgesamt
Angela Merkel schaffte es später, auf der internationalen Bühne nicht nur akzeptiert zu werden, sondern noch einen Schritt weiter zu kommen: In Massenmedien rund um die Welt erschien sie mitunter gar als eine Art Hoffnungsträgerin. So meldeten Demoskopen in diesem Sommer, 77 Prozent der Franzosen vertrauten Merkel, während Nicolas Sarkozy im eigenen Land nur auf 55 Prozent komme.
Doch es geht nicht allein um die Oberen im Land. Die Deutschen insgesamt, als einfache Bürger in ihrem ganz normalen Alltag, haben viele Verdächtigungen entkräftet. So wurden zum Beispiel gewaltbereiten Rechtsradikalen oft sehr entschlossen Grenzen gesetzt, nicht allein durch die Polizei, sondern auch durch bürgerschaftliches Engagement. Auch die Wahlergebnisse sprechen eine klare Sprache. Die rechtsradikale DVU, zeitweilig in drei Parlamenten vertreten, hat inzwischen nirgendwo mehr einen Sitz im Landtag. Die NPD ist noch in Dresden und Schwerin mit einigen Abgeordneten vertreten, steht aber als Bundespartei vor einer existenzbedrohenden Finanzkrise. Die Deutschen und ihre Gäste wissen: Ein Land, das nach rechts außen driftet, sähe anders aus.