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Reinhard Urschel
Reinhard Urschel über dieGuttenbergs am Hindukusch

Fronttheater

Von Reinhard Urschel

Vor einem Jahr und einem Monat ist der deutsche Verteidigungsminister schon einmal in Afghanistan gewesen. Damals trug Karl-Theodor zu Guttenberg eine sehr schöne dunkle Jacke von Loro Piana, natürlich 100 Prozent Kaschmir, mit elfenbeinfarbenem Innenfutter.

Sein grauer Überzieher, dem Anschein nach ebenfalls Kaschmir, harmonierte farblich mit der schwarzen Splitterschutzweste. Die feste Freizeithose im Farbton „desert tan“ bot mit ihren aufgenähten Seitentaschen einen dezenten Kontrapunkt.

Die Reporter im Begleittross waren derart angetan vom strahlenden Auftritt des adligen Ministers, dass sie anfingen, solche Modeexpertisen aus dem Kampfgebiet zu senden. Über ihrer Begeisterung vergaßen sie vorübergehend ihre Mission. Eigentlich sollten sie darüber berichten, dass dort am Hindukusch ein schmutziger Krieg tobt und wie der Minister darüber denkt. Auf den bewaffneten Kampf sind sie erst wieder zu sprechen gekommen, als im Laufe des Jahres tote Soldaten heimgeholt werden mussten. Die waren in schlichte Holzsärge gekleidet.

Schlichte Eleganz im Feldlager

Aber darum ist es jetzt nicht gegangen, sondern darum, den Frauen und Männern, die das Fest nicht mit ihrer Familie feiern können, Weihnachtsgrüße zu überbringen. So jedenfalls hat Stephanie zu Guttenberg den sechs und acht Jahre alten Töchtern den Ausflug mit ihrem Mann erklärt. Dass beide Eltern auf die gefährliche Reise gegangen sind, hat den Mädchen gar nicht gefallen. Aber die Frau des Verteidigungsministers wollte sich nach eigenen Worten selbst ein Bild davon machen, wie es den Soldatinnen und Soldaten dort unten geht, und deshalb hat der Minister seine Frau mitgenommen. Ja, wie um alles in der Welt soll es den Angehörigen einer Truppe schon gehen, denen ein eiskalter Winter in menschenfeindlicher Umgebung bevorsteht, voller Gefahren aus dem Hinterhalt? Gut wird es ihnen gehen, wenn der Minister oder seine Gattin sie so fragen.

Diesmal hat nicht nur der Minister ein blendendes Bild abgegeben unter all den Flecktarn-Kriegern, sondern auch seine Gemahlin. KT im grauen Troyer-Pulli, unauffällig die Splitterschutzweste darüber. Die beigen Chinos bilden auch diesmal den modischen Kontrapunkt, der Nike-Duffel-Bag und die Jacke von Mammut demonstrieren: Dies ist ein Outdoor-Termin. Getoppt wird der Minister natürlich von seiner Frau. Noch nie hat jemand eine Weekender(-Tasche) von Tod’s derart elegant mit einem Stahlhelm in einer Hand getragen, schon gar nicht in Afghanistan. Ansonsten schlichte Eleganz, wohin man seinen Blick wohlgefällig richtet: Jeans, UGG-Boots, Karobluse, Kapuzenparka. Nur wenn sie den Arm hebt, blitzt ihre Rolex auf.

Sind wir Daheimgebliebenen zu empfindlich, wenn wir solche perfekten Showauftritte von Politikern – im Fall des Ehepaars Guttenberg mehr und mehr jetzt auch der Ehefrau – bemäkeln? Oder sind wir bei diesem Namen nur deshalb so nölig, weil uns die Showeinlage des damaligen Wirtschaftsministers auf dem Times Square in New York schon so penetrant inszeniert vorgekommen ist: Schaut her auf mich – wer es in New York schafft, der schafft es überall?

Wie ist das noch gewesen vor gut zehn Jahren? Hat nicht Kanzler Gerhard Schröder Lehrgeld zahlen müssen, weil er sich im Hochgefühl des jungen Kanzlerglücks im sündhaft teuren Brioni-Anzug hat ablichten lassen? Er hat es später bereut, weil er, reifer geworden im Amt, spürte, dass da nichts richtig zusammenpasste. Bollerige Typen mit zu langen Nackenhaaren passen nicht in Edelklamotten.

Zu perfekt im Sonnenuntergang

Eigenartig. Bei den Guttenbergs kommt einem nichts peinlich vor. Gut, dass der quotenmäßig stark nachhilfebedürftige Talkmaster Johannes B. Kerner samt Tross von der Bundeswehr Tausende Kilometer weit geflogen wurde, damit der Minister irgendwann gegen Mitternacht nicht im öden SAT.1-Studio ins Licht gerückt wird, sondern im Zeltlager. Das hat schon etwas von Fronttheater. Aber sonst ist alles vom Feinsten. Die Bilder, die uns zeigen, wie das Glamourpaar der deutschen Politik in der sinkenden Sonne nachdenklich weiterschreitet, das hat schon was. Rein geschmacklich-ästhetisch betrachtet ist das vollkommen in Ordnung. Perfekt.

Aber da stört doch etwas und bereitet Unbehagen. Ein nicht so breit bekannter Hip-Hop-Musiker namens Lu-Key hat einen Song geschrieben, der „Zu perfekt“ heißt und dessen Refrain lautet: „Irgendetwas ist hier nicht echt.“ Ja, das ist es, was wir tief im Innern empfinden angesichts der Guttenbergs: Irgendetwas ist hier nicht echt.

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