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Jörg Kallmeyer über die Rolle von Umfragen beim Wahlkampf

Für den Moment

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Es ist wie in der Geschichte von Hase und Igel. Frank-Walter Steinmeier hastet durch das Land, um in vorbildlichen Unternehmen zu erklären, wie er vier Millionen Arbeitsplätze schaffen will. Doch wo immer er ankommt, erwartet den SPD-Kanzlerkandidaten dieser Tage nur eine Frage der Reporter: Wie kann die SPD mit der jüngst im Auftrag der ARD vom Umfrageinstitut Infratest ermittelten Rekordtiefstzahl von 22 Prozent leben?

Bei den Interviewten wächst inzwischen die Gereiztheit. Franz Müntefering reagiert bereits mit blankem Trotz. Als eine Radiojournalistin ihm kürzlich die neuesten Daten der Demoskopen vorhielt, redete der SPD-Chef minutenlang über alles – nur nicht über die Umfrageergebnisse. Das liegt zum einen natürlich in den für die Sozialdemokraten katastrophalen Zahlen selbst begründet. Zum anderen macht sich aber auch bei Beobachtern und in den anderen Parteien Unmut darüber breit, welch große Rolle die Umfragen schon in der ersten Phase des Wahlkampfs spielen. Eigentlich sollten Demoskopen messen, welche Wirkungen politische Entscheidungen oder politische Versprechen beim Wahlvolk auslösen. Im Moment aber scheint es bisweilen so, als ersetze die Umfrage die Politik. Über die Zahlen von Forsa, Forschungsgruppe Wahlen oder Infratest wird mehr geredet als über die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland.

Demütige Demoskopen

Selbst den Demoskopen ist diese Entwicklung suspekt. War man nach der letzten Bundestagswahl vor vier Jahren nicht kollektiv über sie hergefallen? Nur zur Erinnerung: Die Umfragen vor dem Wahltag und die Ergebnisse am Wahlabend lagen damals meilenweit auseinander. Kein Institut hatte das Schwächeln der Union auf dem Schirm, alle Meinungsforscher hatten wochenlang die große Wechselstimmung unter den Deutschen beschrieben und beschworen. Dass es am Ende anders kam und noch einmal knapp wurde, hat in der Branche einige Nachdenklichkeit ausgelöst. Die Demoskopen geben sich durch die Bank demütig: Jede Zahl, die sie nennen, versehen sie inzwischen mit einem Hinweis: Die Umfrage ist nur eine Momentaufnahme, sie misst nur die Stimmung zu einem aktuellen Zeitpunkt.

Für echte Prognosen für den Wahltag übernimmt niemand mehr die Gewähr. Früher konnten die Meinungsforscher aus den gemessenen Stimmungen in der Bevölkerung noch recht sicher auf spätere Wahlentscheidungen schließen. Inzwischen sind die festen Bindungen der Wähler an einzelne Parteien immer mehr verschwunden, der Wähler von heute ist spontan, ungebunden und im Zweifel auch gnadenlos. Die Erfahrungen mit den jüngsten Wahlen zeigen: Parteien werden zu „Tageskursen“ gehandelt; die Wähler entscheiden immer später, wem sie ihre Stimme geben. Oder ob sie überhaupt zur Wahl gehen. Es mag daher sein, dass für die Wahl am 27. September schon alles gelaufen ist – aus den aktuellen Umfragen allein aber sollte man das (noch) nicht schließen.

Immerhin: Über die aktuelle politische Stimmungslage der Deutschen wissen wir offenbar gut Bescheid. Alle Meinungsforschungsinstitute sind mit der Abweichung von ein paar Prozentpunkten einig, dass die SPD in einem Tief steckt und dass Schwarz-Gelb zu einem Höhenflug ansetzt. Diese Stimmungslage ist nach Einschätzung der Experten bemerkenswert konstant.

Die Spannung bleibt

Man wird genau hinsehen, wie sich die Zahlen in den nächsten Wochen entwickeln. Aber alle Beteiligten sind gut beraten, dabei den Ball flach zu halten und nicht wie vor fünf Jahren über Ergebnisse einer Wahl zu diskutieren, die noch gar nicht gelaufen ist. Das gilt für Beobachter und Experten genauso wie für Politiker. Letztere erklären gerne öffentlich, dass sie sich nicht für Umfragen interessieren (sondern nur für Wahlergebnisse). Eine glatte Lüge! Die Parteizentralen beschäftigen ganze Stäbe von Fachleuten und Strategen, die jede kleinste Bewegung in den Prozentzahlen und Sympathiewerten Tag für Tag analysieren – und die in Rekordgeschwindigkeit mit Kampagnen darauf reagieren können.

Dass sich aber auch die ausgebufftesten Strategen bis zum Wahlabend nicht ganz sicher sein können, ist letztlich beruhigend. Meinungsumfragen sollten immer ein Beiwerk im politischen Geschäft bleiben; sie ergänzen Politik und bieten ihr und auch den Wählern Orientierungshilfe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Spannung vor dem Wahlabend können Umfragen immer weniger nehmen – für die Demokratie ist das ein Gewinn.

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