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Michael B. Berger zu Käßmann

Irrfahrt


Es ist immer dasselbe: ein paar Glas zu viel, eine (zu) kurze Überlegung, der durch Alkohol bewirkte Verlust der Hemmschwelle – und dann der fatale Griff zum Fahrzeugschlüssel. Und später, wenn der Alkoholtest hohe Promillegrade angezeigt hat, die Zerknirschung auf der Polizeiwache: Margot Käßmann ist nicht die Erste, die nach einer nächtlichen Irrfahrt so etwas erlebt hat.

Aber sie ist die erste Bischöfin, die sich selbst in eine so verfahrene Lage gebracht hat.

Kübel von Häme sind gestern über der streitbaren Theologin ausgeschüttet worden, während die besonnenen Stimmen in der evangelischen Kirche sich langsam sortieren. Als hätte man auf ein derart überraschendes Ereignis geradezu gewartet, schlagen die Kritiker in Internetforen auf die Bischöfin ein – zum Teil auf niederträchtige Art. Und Kommentatoren rühren die Schlangenlinienfahrten von dekadenten Hollywoodstars mit der Sexsucht von Golfprofis zusammen, um über das „Allzumenschliche“ zu philosophieren – und über die moralische Fallhöhe von Pastorinnen und Bischöfen. Ach, arme Margot Käßmann: Was hat sie nur in dieser Sonnabendnacht geritten?

Viele finden sich in ihr wieder, ...

Diese Frage ist unbeantwortet, denn Bischöfin Käßmann, über deren Privatleben wir viel aus Büchern, Interviews und Aufsätzen erfahren haben, hat sich erst einmal nur zu einer Drei-Satz-Erklärung entschieden. Sie sei über sich selbst erschrocken und werde sich „selbstverständlich den rechtlichen Konsequenzen stellen“. Die Erklärung klingt unglücklich, denn jeder muss sich den rechtlichen Konsequenzen stellen, ob er will oder nicht. Aber über das, was wirklich passiert ist, wissen wir wenig. Dabei ist es in diesem Fall nicht „Privatsache“ der Bischöfin, sondern könnte von Belang sein und das unvorsichtige Verhalten einer Frau erklären, die gerade deshalb so sympathisch wirkt, weil sie gewöhnlich mit beiden Beinen fest auf dieser Erde steht.

In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sind gestern erst einmal viele auf Tauchstation gegangen. Vor dem Wochenende hat niemand damit gerechnet, dass ausgerechnet Margot Käßmann solchen Schlagzeilen ausgesetzt sein würde – ausgerechnet sie, die erst vor vier Monaten in einer triumphalen Wahl zur Nachfolgerin Wolfgang Hubers gekürt wurde. Sicher, Menschen machen Fehler, meinen manche. Aber muss eine Bischöfin mit 1,5 Promille im dicken Dienstwagen auf Rot stehende Ampeln missachten, noch dazu, wenn sie sogar auf einen Fahrer hätte zurückgreifen können? Man darf unterstellen, dass Margot Käßmann ihr eigenes Fehlverhalten kräftig an die Nieren geht und sie diese unvorsichtigen zehn, zwölf Minuten, die die Rotlichtfahrt vielleicht gedauert haben mag, zutiefst bereut. Sie wird ihren Führerschein abgeben und aller Voraussicht nach eine Geldstrafe zahlen müssen. Aber kommt sie damit aus der persönlichen Vertrauenskrise heraus, in die sie sich durch geradezu jugendlichen Übermut gebracht hat?

... aber viele sind auch enttäuscht

Diese Frage wird sie, die ein großer Gewinn für den Protestantismus ist (und bleibt) selbst beantworten müssen. Sie wird wissen, dass die Nachricht von ihrer Trunkenheitsfahrt wie schleichendes Gift in allen Diskussionen wirken kann, die sich um ethische Fragen ranken. Käßmann kann für sich selbst in Anspruch nehmen, niemals die „Heilige“ gegeben zu haben, sondern immer die Frau, die im Leben steht, die auch Fehler macht, deren Ehe gescheitert ist, aber die – trotz alledem – nie den Mut und das Gottesvertrauen verloren hat. Für diese Botschaft, die eine kraftvolle ist, wird Margot Käßmann von vielen verehrt. Weil viele sich in ihr wiedererkennen. Viele sind aber auch enttäuscht von ihrem Idol.

Es gibt dennoch keinen Grund, die Frau im Spitzenamt jetzt zu verdammen. Sie zahlt bereits ihren Preis. Doch wäre ein weiterer Akt der Buße für die Kirche wie auch für Margot Käßmann ratsam.

Politiker, die in Krisen geraten, lassen, wenn sie gut beraten sind, während der Dauer staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen ihre Ämter ruhen. Käßmann sollte diesem Vorbild in ihrem Ehrenamt als EKD-Ratsvorsitzende folgen, weil sie hier als „erste Frau des Protestantismus“ täglich im Rampenlicht steht. Sie könnte den EKD-Ratsvorsitz an ihren Stellvertreter abgeben. Ein Rücktritt von diesem Ehrenamt würde ihr selbst die Luft verschaffen, die sie braucht, um sich wieder zu besinnen. Ein vollständiger Rückzug aus der EKD und womöglich sogar aus dem hannoverschen Bischofsamt wäre hingegen überzogen. Sie muss ja nicht ins Kloster gehen, aber ein Schritt zurück in die zweite Reihe wäre ein Ausdruck von Größe.

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  • Margot K. Simone C. – 24.02.10
    Frau Käßmann ist eine großartige Landesbischöfin gewesen. Sie hat den Menschen viel gegeben und wird alles, wenn vielleicht auch auf anderem Wege, von Gott zurückbekommen.

    Als Autofahrerin hat Sie natürlich eine große Torheit begangen.

    Ich hoffe das Fr. Käßmann auch weiterhin versucht das Licht in die Dunkelheit zu bringen !!!!!!
  • Käßmann Eismann – 24.02.10
    Der Fehler von Frau Käßmann ist nicht zu entschuldigen, aber der Rücktritt war nicht notwendig. Auch die offene oder heimli9che Hähme der Journalisten (auch der HAZ)trug ihren Teil dazu bei. Danke auch an die Polizei, die sehr schnell die "BLÖD Zeitung" informiert hat. Wäre das bei einem Politiker auch geschen? Wann trten die katholischen Bischhöfe zurück, die die Pädophilen decken bzw, gedeckt haben? Von Frau Käßmanns Haltung sollte sich mancher Politikerb eine Scheibe abschneiden.
    Ich wünsch unserer Bischhöfin, die eine große Lückwe hinterläßt, alles Gute und Gottes Segen.
  • Käßmann P. Hartmann – 24.02.10
    Es wäre wirklich sehr bedauerlich, wenn Frau Käßmann das Amt niederlegen müßte.
    Bzw. selbst "aufgibt".
    Es hat mich gefreut zu erfahren, daß
    der Rat einstimmig zu ihr hält.
  • Ratsvorsitz und Bischofsamt evangelisch – 24.02.10
    Der Kommentar von Herrn Berger versucht am Ende einen Unterschied in der Funktion des Ratsvorsitzes und des hannoverschen Bischofsamtes zu konstruieren, der zwar der wohlmeinende Versuch ist, Druck oder öffentliche Aufmerksamkeit aus dem Verfahren zu nehmen (was ich gut nachvollziehen kann). Moralisch aber funktioniert dieser Weg jedoch nicht.
    Margot Käßmann ist aufgrund ihrer eindrucksvollen Art und Weise das Bischofsamt in Hannover auszuüben mit überzeugender Mehrheit zur Ratsvorsitzenden gewählt worden. Wer also der Meinung ist, sie müsse aus moralischen Gründen vom Ratsvorsitz zurücktreten muss das in gleicher Konsequenz auch für das Bischofsamt fordern.
    Ich finde jedoch, dass beide Schritte nicht sein müssen. Selbst schlimme Fehler sind verzeihbar, zumindest in einer humanen und christlichen Gesellschaft. Die Verantwortungsträger in der EKD und in der Landeskirche sprechen ihr das Vertrauen aus. Das könnte auch öffentlich noch stärker betont werden. Worauf es letztlich ankommt, ist der die Kraft der Bischöfin diese schweren Tage durchzuhalten. Ich schätze, Margot Käßmann hat die Kraft und ich wünsche ihr dazu den Mut weiter zu machen. Dies ist der Wunsch der meisten Menschen in der Landeskirche und sicher auch innerhalb der EKD!
  • Kässmann sapmi – 24.02.10
    Weshalb schreibt Herr Berger von einer "Irrfahrt" der Bischöfin? Es war eindeutig eine strafbare Handlung, welche bei einem Beamten, auch bei einem Kirchenbeamten, zu der strafrechtlichen Verfolgung hin ein Disziplinarverfahren zur Folge hätte. Frau Kässmann ist kirchliche Beamtin, weshalb nach einer Verurteilung ein Disziplinarverfahren zwingend ist, es sei denn, die Kirche beugte das Recht! In diesem Zusammenhang beschäftigt mich das Verhalten der Kirche im Falle einer Mitarbeiterin, bei welcher wegen eines Bagatelldeliktes des Mundraubes erst auf öffentlichen Druck hin von einer Entlassung abgesehen wurde. Die HAZ berichtete darüber! Das Deutsche Staats- und Rechtswesen ist ganz einfach Dekatent, wenn es geringverdienende Menschen wegen der Mitnahme eines Brötchens usw. Harz IV überlässt, hochrangigen Personen indessen (siehe auch Wulff oder nun Kässmann in ihrem Amte) bei weit größeren Verfehlungen gerade mal rügt.
    Ich lebe in Schweden und ich bin Mitglied der Schwedischen (luth.)Kirche. Was sich die oberste Repräsentantin der deutschen Protestanten erlaubte, und wie dieses strafrechtlich relevante Verhalten von den Anhängern der Bischöfin nahezu verniedlicht wird, löst hier oben, im Lande der "Nulltoleranz" bei Alkohol im Strassenverkehr, nur kopfschütteln aus. Man kann einen Straftatbestand nicht mit einem Gleichnis Jesu, welches von einer Ehebrecherin handelt (zudem ist Ehebruch kein Straftatbestand), "ausbügeln". Wenn ich die Aussagen der Polizeibeamten richtig lese, so vermittelte Frau K. einen recht nüchternen Eindruck, woraus zu schliessen ist, dass sie durchaus "ressistent" ist, was für sich alleine beschämt. Welche Eigenschaften Paulus an einen Bischof richtet ist nachzulesen im 1. Timotheusbrief 3: "Denn ein Bischof soll untadelig sein, als ein Haushalter Gottes; ... nicht ein Säufer ... Er muß aber auch ein gutes Zeugnis haben von denen, die draußen sind, auf daß er nicht falle dem Lästerer in Schmach und Strick..."
    Und da frage ich mich schon, ob Frau Kässman diese Kriterien erfüllt. Ich denke nein!
    Was mich zudem höchst nachdenklich stimmt ist der Hinweis in einem Bericht der HAZ, Frau K. sei nicht alleine im Auto gesessen, und das um 23 Uhr und betrunken, auf dem Weg vom Steintor zu ihrer Wohnung. Eine ihrer Töchter wird sie wohl kaum bei sich gehabt haben?
  • Frau Käßmann K. Becker – 24.02.10
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  • Promillefahrt Sven Lindemann – 24.02.10
    Es ist schon ueberaschend mit welchen Messlatten hier gemessen wird und werden muss, Frau Kaessmann ist eine oeffentliche Person in einem hohen Amt( wie Politiker etc.) und hat eine hohe Vorbildfunktion, insbesondere fuer jugendliche und heranwachsene Menschen.Es werden jedes Jahr tausende von Menschen getoeted weil Autofahrer betrunken fahren.In meiner Gemeinde wurde vor4Monaten ein 6 Monate altes Maedchen getoeted, weil jemand betrunken bei rot ueber die Ampel fuhr. Die Mutter des Kindes verbrachte mehrere Wochen im Koma um dann zu erfahren, dass ihre Tochter tot ist.Meiner Meinung nach geht es hier nicht um "wer niemals suendigt werfe den ersten Stein" . Wer immer in eine Kneipe geht weiss (bevor man betrunken ist), dass Alkohol das Urteilvermoegen beeintraechtigt, da gibt es keine Entschuldigung.Fahren mit Alkohol im Blut ist keine Suende sondern ein Verbrechen! Ich kann mir vorher ueberlegen ob, und was fuer Drogen ich mir zufuehre bevor ich handel.Frau Kaessmann's Gehalt, ihr Dienstwagen und Fahrer wird aus (Kirchen) Steuern finanziert, wer diese Privelegien missbraucht sollte die Konsequenzen ziehen und bestraft werden wie jeder andere Buerger auch.
  • Dr. Kässmann Dr. Hans Püschmann – 24.02.10
    Nun hat sie alles erreicht:
    1. eine Medienpräsenz von der sie bisher nur träumen durfte,
    2. eine noch innigere Verbundenheit mit dem von ihr verehrten Vorgänger, dem braunen Bischof Marahrens: genau wie er wird sie das Privileg haben noch zu Lebzeiten aus dem Amt entfernt zu werden.
  • Guter Rat? HAZ-Leser – 24.02.10
    Ob das ein guter Rat ist, den Herr Berger da gibt, vermag ich nicht zu beurteilen.
    Daran aber, dass jetzt ein Kübel von Häme über die Bischöfin ausgegossen wird, wie Herr Berger es ganz treffend formuliert, trägt auch die HAZ mit Schuld.
    Unvergessen sind mir die Appelle von Frau Käßmann, den Sonntag als Ruhetag zu bewahren. Die HAZ aber hat keine Gelegenheit ausgelassen, sonntägliche "Einkaufsevents" über alle Maßen zu bejubeln ja gerade zu zu verklären.
    Wen wundert es da, dass jetzt Menschen in Internetforen, auch in den HAZ-Online-Kommentaren, Frau Käßmann "durch den Kakao" ziehen, um es freundlich auszudrücken. Hat die HAZ mit ihrer tendenziösen Berichterstattung in Richtung "Frau Käßmann als Spaßbremse beim Sonntagseinkauf" nicht auch eine gehörige Portion mit Schuld daran?
  • Schade auchich – 23.02.10
    Herr Berger, der Beginn Ihres Kommentares hat mir sehr gefallen. Der Schluss nicht. Frau Käßmann hat eine “Freudsche“ Fehlleistung begangen. Warum? Nachvollziehen kann das wohl nur jemand, der aufrichtig durchs Leben geht. Wir verlieren eine aufrechte, kämpferische Frau, eine Frau, die den Finger auf die Wunde legt. Ich wünsche ihr sehr viel Kraft.

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